Stadtlauf
Dem Körper getrotzt: Die filmreife Geschichte des Läufers Urs Frey

Der ehemalige Balletttänzer und Spediteur Urs Frey hat eine schier unglaubliche Karriere in den Beinen. Am Samstag startet der 67-jährige aus Riehen am 30. Basler Stadtlauf. Und er gehört erst noch zu den Favoriten in seiner Kategorie.

Michael Schenk
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Urs Frey.

Urs Frey.

zvg

„Ich habe immer an mich geglaubt und gewusst, dass da etwas in mir steckt. Aber ich hatte lange gar nicht die Chance, meine Möglichkeiten abzurufen." Und: „Wichtig ist, dass man ein Stehaufmännchen ist und nie aufgibt." Die Geschichte, die hinter diesen Worten steckt, ist aussergewöhnlich und absolut filmreif. Die Worten stammen vom 67-jährigen Urs Frey - einem ambitionierten Hobby-Läufer aus Riehen.

Bei den Topfavoriten in seiner Kategorie

Am Samstag wird der pensionierte Spediteur und Bankangestellte in der Handelsfinanzierungs-Abteilung einer von mehreren Tausend Teilnehmern am 30. Basler Stadtlauf sein. Und - er gehört in der Kategorie M65, in der er erstmals startet, zu den Topfavoriten. Zum 14. Mal nimmt der Basler heuer an seinem Heim-Stadtlauf teil.

Anlässlich seiner letzten sieben Starts seit 2002 klassierte sich Frey immer auf dem Podest. „Das macht mich schon stolz und gehört zu den Höhepunkten meiner Karriere", sagt er. Klar, dass der Einheimische die Serie am Samstag nicht abreissen lassen will. Ich fühle mich gut in Form, aber man weiss nie, wer da plötzlich alles am Start auftaucht", hält Frey fest. Sprich, Jahrgangskollegen von ihm, die sich zuletzt nicht mehr eingeschrieben haben, weil sie innerhalb ihrer Altersklasse die ältesten und damit vermeintlich chancenlosesten waren, sind jetzt wieder die jüngsten im Feld.

Urs Frey gehört nach seinen Siegen zuletzt am Muttenzer Herbstlauf und am Augusta Raurica-Lauf zu den Topanwärtern auf den Kategorien-Sieg am Basler Stadtlauf. Es wäre sein dritter Heimsieg im Verlauf seiner ungewöhnlichen Karriere.

30 Jahre musste er warten

30 Jahre musste sich Urs Frey gedulden, ehe er erstmals beschwerdefrei Sport treiben konnte. Begonnen hatte alles als er 24 Jahre alt war. Beim Ballett-Training zog er sich 1969 einen Kreuzbandriss zu. Irreparabal lautetet damals das vernichtende, medizinische Urteil. Ergo „gwagelte" Frey im wahrsten Sinn des Wortes jahrelang durch die Gegend. „Das Knie war total instabil, ich konnte kaum Treppen laufen und musst das Knie dabei mit den Händen stabilisieren", erzählt der willensstarke Sportler.

Als er dann 39 Jahre alt war wurde ihm geholfen. Ein Sehnenstück aus dem Oberschenkel dient seither als Kreuzbandersatz. „Ich hatte in dem Moment einen derartigen Heissunger, Sport zu treiben und all das nachzuholen, was ich in den letzten Jahren verpasst hatte, dass ich es übertrieben habe mit dem Training." Folge: Je zwei Achillessehnen-Operationen links und rechts in der Folge und wieder jahrelanges Aussetzen mit Wettkämpfen und geregeltem Training. Bis die Belastung beim Laufen richtig austariert war und keine Disbalance-Folgeschäden mehr drohten war Frey 57 Jahre alt geworden.

Zwei Titananker im linken Fersenbein

Erst seit da kann er richtig Gas geben und dies mit zwei Titanankern im linken Fersenbein, die die einst total ausgefranste Achillessehne am Kochen fixieren. Die Anker hindern ihn freilich nicht am Gas geben: Die Liste seiner Erfolge während den letzten zehn Jahren ist enorm. Ob Gippinger-Lauf, Murten-Freiburg, Silvesterlauf Zürich, Escalade Genf, Hallwylersee-Lauf, die Schweizermeisterschaft im Halbmarathon in Lausanne - alles hat der Baselbieter, der erst 118. Läufe absolviert hat, schon gewonnen.

Doch auch nach seinem vermeintlich richtigen Spätstart ins Sportlerleben, blieb der 54-Kilogramm-Mann nicht von Rückschlägen nicht verschont. So ist sein Sehvermögen nach zwei Hornhaut-Transplantationen vor sechs und vier Jahren um 50 und mehr Prozent eingeschränkt. „Ich trainiere immer auf der genau gleichen Strecke zur gleichen Tageszeit, um ja nicht in Loch zu treten", sagt er. Die Strecke des Basler Stadtlaufes, der ja abends stattfindet, läuft er zwei, drei Mal gemütlich ab und prägt sich jede Baustelle und jeden Gullideckel ein, um keine unangenehme Überraschung zu erleben.

Zwischen 2006 und 2010 musste Frey, der täglich eine Stunde trainiert es aber auch gut Mal sein lassen kann, wenn er das Gefühl hat, dass heute Erholung besser ist als Laufen, wettkampfmässig pausieren. Grund: Eine Kompressionsfraktur, die zu einem eingeklemmten Nerv im siebten Lendenwirbel führte. Folge: Lähmungserscheinungen im linken Bein - Laufen unmöglich. Mit dem Sieg am Gippingerlauf 2006 begannt die Zwangspause - mit Platz 2 am Lörracher Stadtlauf 2010 nahm Freys unglaubliche Karriere ihre Fortsetzung.

Es kann immer etwas passieren

Und nun soll heute der dritte Sieg am Basler Stadtlauf folgen. „Es ist für mich als Basler natürlich immer ein ganz besonderer Moment, die wunderbar beleuchtete und von Publikum gesäumte Freie Strasse runter zu rennen und meinen Namen zu hören und dann wieder im Kleinbasel eher für sich allein zu laufen", so der Lokalmatador. Und auch wenn Frey, der mit seinem Willen und Glauben an sich und seine Fähigkeiten der Konkurrenz das Fürchten lehrt, in der Kategorie M65 zu den Topfavoriten zählt - „es kann immer etwas passieren."

Wer, wenn nicht er muss es wissen. 2006, bei seinem zweiten Sieg, stürzte er gleich zwei Mal und gewann trotzdem mit einer halben Minute Vorsprung. Die Beckenprellung war ein Andenken an diesen Lauf. „Die Hektik und das Gedränge sind natürlich bei dieser Menge Sportlerinnen und Sportler gross." Was die Taktik für den morgigen Lauf angeht, ist diese für Urs Frey ganz einfach: „In der Masse von Läufer ist es unmöglich die direkte Konkurrenz im Auge zu behalten - darum gibt es nur Vollgas von A bis Z."