«Oh when the Saints» am Bahnhof, «Bourbon Street Parade» auf dem «Strichcode»: In Sissach besingt man nicht, wie in Basel, die Verdammten dieser Erde. Küsschen links, Küsschen rechts. Wer sich am 1. Mai hier trifft, kennt sich. Und wenn in der Stadt am Vormittag Migranten gefühlte 80 Prozent der Erst-Mai-Demonstranten ausmachen, tendiert ihr Anteil an der Baselbieter Maifeier gegen Null. Schwarz vermummte Jugendliche, die «mit Sichel und Hammer auf zum Kampf der Arbeiter» fordern, mit Knallkörpern Militanz markieren und damit die Kleinen in den Kinderwagen erschrecken, sucht man hier vergeblich. Auch ruft hier niemand als «Solusch’n» nach einer «Revolusch’n».

Überhaupt Parolen? Nur kurz brandet der Slogan der chilenischen Unidad Popular auf: «El Pueblo unido jamas sera vencido.» Die Jungen, die da rufen, das vereinte Volk werde nie besiegt, waren kaum schon auf der Welt, als die USA Allende wegputschten. Doch die Parole wärmt heute noch das Herz. Die Fahnendichte ist gegenüber der Demo in der Stadt mager. Nicht zuletzt bringt der Landkanton, der rund die anderthalbfache Bevölkerung der Stadt aufweist, nur gut ein Zehntel an Volk auf die Strasse. Der augenfällige Unterschied: Ausser den beiden offiziellen Transparenten an der Spitze «Solidarität statt Ausgrenzung» des Gewerkschaftsbunds Baselland und «Stopp der Sparschweinerei» der Staatspersonalgewerkschaft VPOD gibts keine Transparente.

In der Stadt eine Plattform

Ganz anders am Morgen in der Stadt: Da ist der 1. Mai eine Plattform für alles, was irgendwie links, internationalistisch, alternativ, sozial oder sonst oppositionell ist. Da beteiligen sich die «Frauen für Frieden und Fortschritt», Amnesty International, «Nie wieder AKW» oder die «Liste 13 gegen Armut und Ausgrenzung». Da findet sich die Kuba- mit der Palästina- und der West-Sahara-Solidarität. Da wehen die Fahnen der kommunistischen und sozialistischen Parteien der Migranten-Heimatländer. Wer hier arbeitet, aber mangels Schweizerpass nicht wählen und abstimmen kann, sucht sich unter dem gewerkschaftlichen Dach halt andere Artikulationsformen.

Am Basler 1. Mai finden sich auf Transparenten die Konterfeis des PKK-Führers Abdullah Öcalan (positiv besetzt) und des Nationalbankpräsidenten Thomas Jordan (negativ besetzt). Da wird gefragt: «Konsumierst du bürgerliche Medien oder informierst du dich?» Da wird gefordert: «Mehr Asyl statt Kapital» und «Lohngleichheit ohne Wenn und Aber».

Auf dem Land ein interner Anlass

In Sissach zwängen sich die Umzugsteilnehmer durch den Eingang des Jakobshofs. Artig hängt man die regennasse Jacke auf den Bügel, der Saal füllt sich, es gibt Bier, Kaffee und Kuchen, einige bahnen sich mit Gläsern und Weinflaschen den Weg durchs Gedränge an den Tischen. Mehrere müssen stehen. Draussen schmoren Bratwürste auf dem Grill.

Während am Morgen in Basel der Regen jene, die sich nicht gleich nach der Ankunft auf dem Marktplatz nach Hause verdrückten, ins Festzelt trieb, ist’s am Baselbieter 1. Mai trocken und gemütlich. In Basel haben nur Hartgesottene – Regen trennt die Spreu vom Weizen – draussen den hörenswerten Bericht der arbeitslosen Übersetzerin aus Griechenland mitbekommen. Hier in Sissach heisst es sofort «Pscht!», wenn Susanne Leutenegger Oberholzer am Mikrofon vorbei spricht und man sie kaum versteht. On est en famille, man zeigt Respekt. Hier spricht man nicht wie in Basel von «Kundgebung», hier ist das der «offizielle Teil».

Die Reden drehen sich in Stadt und Land um die selben Themen. Auch der Ton ist der gleiche: Die Finanzkrise und der Frankenschock werden von den «neoliberalen Kapputtmachern» zum Anlass für einen Frontalangriff auf die Arbeitnehmerschaft und unter dem Stichwort «Sparen» auf den Service public genommen. Sie machen Migranten zu Sündenböcken, und die SVP greift die Menschenrechte direkt an. Deshalb braucht es mehr Engagement von allen. Und für eine gerechtere Verteilung des Reichtums ist ein Ja zu Erbschaftssteuer nötig.

Auf dem Land kommt der Aufruf hinzu, im Herbst nicht die «Lakaien der Profiteure» zu wählen. Der Anlass ist direkter parteipolitisch, SP und Gewerkschaften treten in Personalunion auf. Doch der Verdacht, dass die bleierne Bürgerlichkeit des Kantons auch den 1. Mai belaste, lässt sich trotz der angepassteren Formen nicht erhärten – dies nicht zuletzt, weil viele am Morgen in die Stadt gehen und sich dort wohl das holen, was man in Lateinamerika «Vitamina de lucha» nennt – Vitamine für den Kampf. Und musikalisch gibt das brav auftretende Baselbiet der Stadt sogar Entwicklungshilfe: Die Sissacher Musikerin Ariane Rufino dos Santos marschiert mit ihrem Chor – inklusive Verdammten dieser Erde – kurz hinter der Spitze des Demonstrationszugs. Am Nachmittag unterhält sie mit Landrat Steffi Zemp dann die Genossen auf dem Lande.