Wenn am Samstagnachmittag Monsanto-Kritiker – wie in weltweit 400 anderen Städten – vor dem Syngenta-Hauptsitz in Basel demonstrieren, können sie mit Rückenwind rechnen: Diese Woche haben Coop und Migros beschlossen, Glyphosat-haltige Produkte aus dem Sortiment zu kippen. Glyphosat ist der weltweit am meisten eingesetzte Unkrautvertilger, das Bundesamt für Landwirtschaft listet 119 Produkte auf. Auf Nachfrage erklärt Simon Gfeller, bei Fenaco für den Hobby-Bereich zuständig, der Landi-Konzern entwickle neue Herbizide, «mit dem Ziel, für den Hobbygebrauch nur noch glyphosatfreie Produkte anzubieten».

Die Einzelhändler reagieren auf Forderungen von Konsumentenschutzorganisation. Auch Greenpeace sammelt Unterschriften, um das bekannteste Monsanto-Produkt zu verbieten. Diese Forderung hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgelöst, die im März Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend» einstufte. Hinzu kommt, dass vor einem Jahr das Netzwerk «Friends of the Earth», zu dem auch Pro Natura gehört, Glyphosat in Urinproben aus 18 europäischen Ländern, darunter der Schweiz, nachgewiesen hat.

«Die Leute sind beunruhigt, deshalb haben wir proaktiv Glyphosat-Produkte aus dem Sortiment genommen», begründet Coop-Sprecherin Denise Stadler den Verzicht. Der Handel ist somit schneller als die Politik: Das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärt, es könne die WHO-Studie nicht nachvollziehen. Und das Bundesamt für Landwirtschaft stuft den Wirkstoff nach wie vor als unbedenklich ein.

Gentech-Multi in Basel?

Doch wenn sich am Samstag unter der Federführung von Multiwatch ein breites Bündnis von Umweltorganisation, der SP Basel-Stadt, Basta, den Grünen Baselland, entwicklungspolitischen Organisationen und Gewerkschaften bis hin zur Bauerngewerkschaft Uniterre zum Protest versammelt, geht es um grundsätzlichere Fragen als die umstrittene Gesundheitsschädlichkeit des Monsanto-Herbizids: Soll die Welt von selbstbestimmten Kleinbauern ernährt werden oder durch eine hoch industrialisierte Landwirtschaft? Syngenta wird als Promotor des Letzteren kritisiert. Und die Allianz, die auf die Strasse geht, fand weniger wegen der Glyphosat-Frage zusammen als im Protest dagegen, dass Syngenta an der Expo in Mailand Basel-Stadt repräsentiert. «Wir sind entsetzt, dass Basel Syngenta eine Carte Blanche zugestanden hat», erklärt Isidor Wallimann, Präsident des Urban Agriculture Netzes Basel, das ebenfalls zur Demo aufruft.

Hinzu kommt die Absicht von Monsanto, Syngenta zu übernehmen. Unter anderem wird diskutiert, dass Monsanto aus Steuer-Vermeidungsgründen den Sitz nach Basel verlegen könnte. Dass einerseits – zumindest bis 2017 – in der Schweiz ein vom Volk beschlossenes Gentech-Moratorium gilt, dann aber ein führender Gentechnik-Konzern von Basel aus agiert, wäre in der Tat schief.

Bauernverband winkt ab

Wird eine Demonstration städtischer Gruppen, bei denen sie ohnehin einen schlechten Ruf geniessen, die Agro-Konzerne beeindrucken? Wären nicht Bauern – Syngenta- und Monsanto-Kunden – effizientere Demonstranten?

Doch Traktoren sind auf dem Basler Barfüsserplatz nicht zu erwarten. Zwar stellt Sprecherin Sandra Helfenstein zur möglichen Syngenta-Übernahme fest: «Konzentration ist meist schlecht für die Bauern: Die Auswahl an Mitteln sinkt und die stärkere Marktmacht macht es möglich, praktisch beliebig Preise und Konditionen zu diktieren. Aus diesem Grund steht der Schweizer Bauernverband auch diesem Zusammenschluss äusserst kritisch gegenüber.» Doch zum Glyphosat betont sie: «Nicht sinnvoll ist ein voreiliges Verbot ohne wissenschaftliche Grundlage.» Offensichtlich ist die Mehrzahl der Bauern zu sehr auf Glyphosat-Produkte angewiesen (siehe Kasten), als dass man Kritik äussern möchte.

Bio Suisse bleibt unpolitisch

Ebenfalls abwesend ist Bio Suisse, die Dachorganisation der Schweizer Biolandwirtschaft. Die hat zwar mit Pflanzenschutz aus Konzern-Labors nichts am Hut: «Monsanto und Syngenta sind der Grund, weshalb viele Bauern auf Bio umsteigen oder bereits umgestiegen sind», erklärt Bio-Suisse-Sprecher Lukas Inderfurth. «Wir streben an, dass mehr Leute Bioprodukte konsumieren, damit noch mehr Bauern umsteigen können. Damit wird das Geschäft mit Pestiziden und Gentechnik-Nahrung langfristig unrentabel, und Monsanto und Syngenta schwenken auf nachhaltigere Geschäftsbereiche um.»

Eine direkt politische Aussage tönt anders. «Biobauern organisieren sich nicht mehr im Sinne einer Bewegung und des Protests. Das ist eingeschlafen, weil Bio-Produkte mittlerweile Mainstream sind», kommentiert Wallimann vom Urban Agriculture Netz Basel. Der emeritierte Soziologie-Professor stellt fest, dass die Schweiz mit der IP-Produktion einen Zwischenweg zwischen Fundamendal-Bio und konventioneller Landwirtschaft gefunden hat. «Doch kümmert sich die hiesige Landwirtschaftspolitik zu wenig darum, was Konzerne wie Syngenta in Entwicklungsländern anrichten.»

Dies kann man der vor allem in der Romandie starken Bauerngewerkschaft Uniterre, Teil des internationalen Kleinbauernbündnisses Via Campesina, nicht nachsagen. Doch meint der Nordwestschweizer Uniterre-Präsident Florian Buchwalder: «Im Frühling ist die Zeit schon knapp genug. Ein Bauern-Grossaufmarsch ist nicht zu erwarten.»