Die Baslerin Edibe Gölgeli (38) gehört in diesen Tagen zu den gefragtesten Frauen des Landes. Zwar ist sie in der Schweiz geboren und aufgewachsen und hat nie in der Heimat ihrer Eltern gelebt, dennoch reissen sich Medien, Freunde und Verwandte um Einschätzungen der kurdischstämmigen SP-Grossrätin zur Lage in der Türkei.

Doch auch Gölgeli kann derzeit nur tun, was alle machen: die Liveticker im Internet verfolgen – und hoffen. Auf eine demokratische Lösung und Frieden. Sie weiss: Beides ist fast unmöglich.

Frau Gölgeli, können Sie sich derzeit noch auf Ihre Arbeit konzentrieren?

Edibe Gölgeli: Naja, es ist schwierig. Ich bin wegen des Putschversuchs frühzeitig aus meinem Urlaub in Griechenland zurückgekehrt und seither klingelt mein Handy pausenlos. Für uns Kurden ist es nichts Neues, akut bedroht zu werden – diesmal betrifft der Konflikt aber eine breite Masse: Sämtliche Bewohner der Türkei sind betroffen, die Türken im Ausland ebenso und alle Leute, die in der Türkei Ferien machen oder machen wollen. Die Situation ist instabil und macht Angst. Was wir hier erleben, ist eine Transformation in einen Islamistischen Staat.

Und trotzdem fand in der Region Basel noch keine Demonstration statt – und es wurde auch kein entsprechendes Gesuch eingereicht. Warum? Es sind doch gerade Kurden, die ihre Rechte gern auf der Strasse einfordern?

Wir Kurden müssen gut abwägen, welche Botschaft wir an einer Demonstration verbreiten wollen. Meistens richten sich unsere Demos ja gegen Erdogans Politik im Allgemeinen. Jetzt wäre der falsche Zeitpunkt, um gegen ihn auf die Strasse zu gehen. Denn den Versuch von Teilen des Militärs, ihn mittels eines Putsches aus dem Amt zu drängen, verurteilen wir Kurden genauso wie alle anderen Gruppierungen.

Sie haben Angst, es könnte bei einer Demo so aussehen, als würden Sie einen Putsch des Militärs gutheissen?

Es ist einfach heikel, jetzt zu demonstrieren. Schauen Sie nur nach Deutschland. Von friedlichen Demos, wie wir sie wollen, kann dort keine Rede mehr sein.

Dort demonstrieren Nationalisten dafür, dass Erdogan im Amt bleiben soll.

Die Frage ist: Wie soll er aus dem Amt vertrieben werden? Die Antwort ist für mich klar: auf demokratischem Weg. Dass wir Kurden Demokratiebefürworter sind, ist nicht neu. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass wir uns für Mehrsprachigkeit, Gleichstellung, Meinungsfreiheit und die Einhaltung von Menschenrechten einsetzen. Wir werden bestimmt auch auf die Strasse gehen, unter den jetzigen Umständen muss das jedoch gut überlegt sein. Es geht darum, unsere Grundhaltung mit der aktuellen Situation zu verknüpfen.

Die Pushmeldungen zur Lage in der Türkei kommen im Minutentakt herein und genauso schnell scheint sich die Situation in der Türkei zu verschärfen. Ist es nicht etwas naiv, auf eine demokratische Lösung mit diplomatischen Verhandlungen zu hoffen?

Vielleicht, doch ein Militärputsch kann nicht die Lösung sein. Die Vergangenheit zeigt, dass ein solcher alles schlimmer macht. Wir müssen weiter an parlamentarische Strukturen glauben und an die klassischen Instrumente einer Demokratie. Natürlich ist es widersprüchlich, bei einem solchen Präsidenten so etwas zu sagen. Doch es ist nicht nur er selber, der für die Zukunft entscheidend ist, es sind auch die EU-Länder, die USA – und selbst die Schweiz kann ihren Teil beitragen.

Erdogan lacht sich doch ins Fäustchen, wenn ihn Aussenminister Didier Burkhalter zur Mässigung aufruft.

Das reicht natürlich nicht! Die Schweiz kann die Türkei auffordern, demokratisch zu handeln und sofort mit der Lynchjustiz aufzuhören. Geht Erdogan nicht darauf ein, muss die Schweiz mit Sanktionen drohen, mit dem Ende der wirtschaftlichen Beziehungen zur Türkei. Die EU hat Erdogan gestern ja auch explizit gewarnt, da Rechtsstaatlichkeit ein hohes Gut sei. Und auch die USA haben sich schon geäussert.

Eine Einmischung könnte für die Schweiz auch wegen der allfälligen Flüchtlingsströme wichtig sein.

Ich rechne tatsächlich damit, dass viele Türken flüchten werden. Eine Flucht ist jedoch nicht so einfach, wie viele meinen. Ich habe auch Verwandte dort, mein Onkel und meine Tante leben in der Türkei, die können aber nicht einfach so losziehen. Zunächst muss man im Besitz eines so genannten grünen Passes sein, der einen von der Visumspflicht befreit. Hinzu kommen finanzielle Mittel.

Eine Teil Ihrer Familie ist in Gefahr – und Sie können von hier aus nichts tun. Das muss schlimm sein.

Das ist es, wobei die Gefahr nicht erst seit Freitagnacht besteht. Meine Angehörigen leben drei Autostunden von Syrien entfernt, unweit von ihnen werden seit langem IS-Kämpfer rekrutiert. Sie haben miterlebt, wie Ende der Siebzigerjahre Häuser von Kurden rot markiert wurden und die Nationalisten so einen Freipass fürs Lynchen erhielten. Diese Gefahr besteht jetzt wieder – nicht nur für Kurden, für alle Oppositionellen. Erdogan will 2016 allen Ernstes die Todesstrafe wieder einführen, das muss man sich einmal vorstellen!

Es läuft auf einen Bürgerkrieg hinaus?

Ja, ich denke, es geht in diese Richtung.

Würden Sie im Moment trotzdem in die Türkei reisen?

Es hängt davon ab, in welchem Zusammenhang. Ich war an der Grenze zu Kobane, als der IS dort kämpfte. Und hätte ich jetzt wieder die Möglichkeit, als Mitglied einer Delegation die Lage vor Ort zu beobachten, würde ich das tun. Urlaub in der Türkei kommt aber sicher nicht infrage.

Viele Schweizer sagen ihre Türkei-Ferien trotzdem nicht ab. Dies mit der Begründung, im Süden sei es ruhig.

Ich rate allen von Ferien in der Türkei ab. Allein während dieses Interviews kamen über den Newsticker etliche Meldungen zur Lage in der Türkei herein. Besser wird es nicht. Es wird schlimmer: Alle, die gegen Erdogan sind, werden ausser Kraft gesetzt. Und er hat zunehmend freie Bahn für seinen Islamistischen Staat. Die Welt ist in der Pflicht, das zu verhindern.