BuchBasel

Deniz Yücel ist nicht stillzukriegen – wie er ein Jahr Gefängnis in der Türkei überstand

Deniz Yücel. Keystone

Deniz Yücel. Keystone

Der Journalist Deniz Yücel erzählte am Literaturfestival BuchBasel von seiner Zeit im türkischen Gefängnis und antwortete etwa auf die Frage, ob es eine gute Idee ist, einen Diktator zu ärgern, wenn man sich noch in dessen Gewalt befindet?

Dass Deniz Yücel ein Mann vieler Worte ist, wird gleich in den ersten Minuten klar. Es ist Sonntag, an der BuchBasel findet eine Lesung mit Yücel statt, begleitet von einem Gespräch. Moderator Res Strehle hat seine liebe Mühe, den Rededrang seines deutsch-türkischen Gasts zu zügeln. Irgendwann bemerkt er nur halb im Witz, dass Yücel keinen Moderator brauche und er deshalb um sein Honorar fürchte.

Dieser unaufhaltsame Mitteilungsdrang mag für einen Moderator eine Herausforderung sein. Für ein repressives Staatsoberhaupt wie den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist er eine Provokation und handfeste Bedrohung. Yücel war Türkei-Korrespondent für die «Welt» und sass dort aufgrund seiner kritischen Berichterstattung als politischer Gefangener ein Jahr im Gefängnis. Es gab vor allem in Deutschland eine grosse Solidaritätsbewegung, die Bundesregierung führte Verhandlungen zu seiner Freilassung. Seit vergangenem Februar ist Yücel wieder auf freiem Fuss und zurück in Deutschland. Das Verfahren gegen ihn wegen angeblicher Propaganda für eine Terrororganisation sowie Aufstachelung zu Hass und Feindseligkeit läuft in seiner Abwesenheit weiter.

Weil Yücel es eben nur schlecht aushält, zu schweigen, setzte er seine Arbeit als Journalist im Gefängnis fort. «Ohne das Schreiben hätte ich das Gefühl gehabt, zu verrotten.»

Doch musste er dort unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Seinen ersten Bericht, ein Protokoll seiner Haftbedingungen, das nur wenige Wochen nach seiner Inhaftierung erschien, schrieb er mit einem vom Gefängnisarzt geklauten Kugelschreiber in eine Ausgabe des «kleinen Prinzen».

Das vollgeschriebene Buch versteckte er in seiner dreckigen Wäsche, seine Anwälte schmuggelten es so aus dem Knast. Es bedurfte solcher Kniffe, um die Gefängnis-Zensur auszutricksen.

Nach diesem ersten Bericht gelang es ihm dank der Mithilfe seiner Anwälte, seiner Familie und befreundeter Journalisten, ein Buch zu veröffentlichen. «Wir sind ja nicht zum Spass hier» enthält neben älteren Kolumnen, Reportagen und Glossen Yücels auch Texte, die er im Gefängnis schrieb. Mit viel Witz und zuweilen in sarkastischem Ton berichtet er über seine Begegnungen mit anderen politischen Gefangenen und über seinen Alltag hinter Gittern. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, wie sehr sich das System Erdogan über diese Publikation geärgert haben dürfte.

Ist es nun eine gute Idee, einen Diktator zu ärgern, wenn man sich noch in dessen Gewalt befindet? Yücel beantwortet diese Frage mit einer Mischung aus Heiterkeit und todernstem Engagement: «Knast für Kritik ist in der Türkei Landessitte. Auf eine seltsame Weise hat sich die Inhaftierung für mich wie eine Befreiung angefühlt. Was konnten sie mir denn jetzt noch antun, nachdem sie mich schon eingesperrt hatten? Zu schweigen, diesen Gefallen wollte ich ihnen einfach nicht tun. Es hätte bedeutet, mich einschüchtern zu lassen.»

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