Thomas Strahm (56) ist ein netter, umgänglicher Mensch. Trotzdem ist der LDP-Politiker und Banker zum Feindbild vieler Bürgerlicher geworden. Der Grund: seine Kandidatur für das Gemeindepräsidium bei den Riehener Erneuerungswahlen im Januar 2014.

Seit 1970 ist in Riehen die Mitte-Partei EVP an der Macht und stellt den Gemeindepräsidenten. Mit dem Rücktritt von Willi Fischer bietet sich den Bürgerlichen nun die historische Chance, die Vormachtstellung zu erobern. Doch daraus wird wohl nichts.

Die Bürgerlichen sind uneins. FDP, CVP und SVP gaben Ende September bekannt, dass sie hinter dem parteilosen Gewerbler Hansjörg Wilde stehen, dessen Kandidatur auch von der «Basler Zeitung» forciert wird. Die LDP, die Mitte August vorgeprescht war, zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt und blieb bei ihrem Entscheid, Strahm ins Rennen zu schicken. Dieser meint es ernst mit seinem Alleingang: Diese Woche hatte er eine Wahlkampf-Sitzung mit der Basler Werberin Ursula Stolzenburg.

Die Kandidatur von Strahm, seit über 25 Jahren im Bankgeschäft und heute Vizedirektor bei der UBS am Basler Aeschenplatz, kommt nicht überraschend. Dem Ziel, Gemeindepräsident zu werden, ordne er alles unter, heisst es in Riehen. Solche Gerüchte will Strahm nicht kommentieren. Seine Kandidatur sei «auf Wunsch der Parteibasis» erfolgt, sagt er im Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag». Er fühle sich bereit für das Amt. «Die Vertretung der Gemeinde gegen Aussen reizt mich.» Über Wilde, den anderen bürgerlichen Kandidaten, äussert er sich zudem kritisch. Über dessen Politik sei kaum etwas bekannt. «Er ist diesbezüglich eine Blackbox.»

Umso mehr muss es Strahm schmerzen, dass FDP, CVP und SVP Quereinsteiger Wilde und nicht ihn unterstützen. Strahm zählt seit Jahren zum Inventar der Riehener Politszene. Seit 2001 sitzt er im Einwohnerrat, den er von 2006 bis 2008 präsidierte. Heute ist er Fraktionschef. Strahm, der aus der Eisenwarenhandels-Dynastie stammt, gilt als gemässigter Bürgerlicher und setzte sich für Steuersenkungen, aber auch für das Naturbad ein. Schon vor vier Jahren wollte er in den Gemeinderat, musste parteiintern aber der Bisherigen Maria Iselin den Vortritt lassen.

Strahm ist auch Vizepräsident der Bürgergemeinde Riehen und Mitglied im Rotary Club Basel-Dreiländereck, dem er im vergangenen Jahr vorstand. Auch seine Familie mischt in der Politszene mit: Ehefrau Nicole ist Eventmanagerin beim Gewerbeverband Basel-Stadt und Präsidentin des Verkehrsvereins Riehen. Tochter Adrienne ist im Vorstand der Jungliberalen und kämpft aktuell an vorderster Front gegen die Frauenquoten für die Verwaltungsräte von staatsnahen Betrieben.

Obwohl Strahm seit 2007 auch im Grossen Rat sitzt und dort Vizepräsident der Geschäftsprüfungskommission (GPK) ist, wird er im Gegensatz zu anderen Riehener Politikern in der Basler Politik kaum wahrgenommen. Im Rathaus agierte er bisher weitgehend unauffällig. «Er ist ruhig und sachlich», sagt FDP-Präsident Daniel Stolz. Als «überlegt und gut vernetzt» bezeichnet ihn die Riehener SP-Grossrätin Salome Hofer.

In den vergangenen sechs Jahren hat Strahm im Grossen Rat nur drei Vorstösse eingereicht, die allesamt keine grossen Wellen warfen. In Bilanzen der letzten Legislatur wurde er deshalb als «stiller Typ» («bz Basel») und «Vorstossfaul» («Basler Zeitung») bezeichnet. Mit seiner Forderung, mehr Geld für die öV-Anbindung Riehens bereitzustellen, profilierte er sich Anfang Jahr immerhin als Interessenvertreter der Gemeinde. «Ich sehe meine Arbeit vor allem in den Sachkommissionen», sagt er.

«Hier hat man auch mehr Einfluss als mit Vorstössen.» Umso erstaunter registrierte man in der Politszene, dass Strahm mitten in den Sommerferien als Präsident einer GPK-Subkommission plötzlich einen grossen, markigen Auftritt hatte und die Führung von Rettung und Sanität ungewohnt heftig kritisierte. In der Grossratsdebatte im September geriet Strahm deswegen selber in die Kritik. Die Verantwortlichen seien regelrecht abgeschossen worden, sagte Tanja Soland (SP).

Strahms Kandidatur für das Riehener Gemeindepräsidium stellt vor allem eine Belastungsprobe für die Zusammenarbeit der LDP mit der Partnerpartei FDP dar. Offiziell versuchen Exponenten beider Parteien, die Wogen zu glätten. «Das Verhältnis zwischen FDP und LDP ist weiterhin sehr gut», sagt Stolz. Grosse Auswirkungen auf die kantonale Politik werde Strahms Kandidatur kaum haben. «Riehen ist Riehen, Basel ist Basel.» Hinter vorgehaltener Hand ist bei den Freisinnigen allerdings gar von einem «Amoklauf» die Rede. Strahm und die LDP würden sich mit ihrem Alleingang schaden. Strahm spricht von einer «gewissen emotionalen Situation». Man dürfe sie aber «nicht überbewerten».

Strahms Alleingang kommt für die LDP zu keinem guten Zeitpunkt. Die Partei riskiert damit nicht nur, dass das Riehener Gemeindepräsidium im Mitte-Links-Lager bleibt. Die Kandidatur könnte auch zur Hypothek werden im Hinblick auf die nächsten Regierungsratswahlen. Die LDP muss dann den Sitz des abtretenden Christoph Eymann verteidigen und ist dabei auf die Unterstützung der FDP angewiesen. In Basel führt ein Alleingang noch weniger zum Erfolg.