Grenzöffnung
Der Ansturm zur Grenzöffnung? So sah es nach der Öffnung im Dreiland wirklich aus

Der grosse Ansturm von Einkaufstouristen blieb zwar aus - Paketshops hatten am Montag aber alle Hände voll zu tun.

Boris Burkhardt
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Vor einem Paketshop in Weil am Rhein bildete sich eine lange Schlange.

Vor einem Paketshop in Weil am Rhein bildete sich eine lange Schlange.

Boris Burkhardt

Am helllichten Tag standen gestern auf dem Trottoir knapp 20 Menschen Schlange wie samstagnachts vor der Disco. Nur handelte es sich bei dem Etablissement in der Hauptstrasse im Weiler Stadtteil Friedlingen, vor dem mit Kinokordeln der Wartebereich in zwei Metern Abstand ausgewiesen war, nicht um einen angesagten Club, sondern um einen der zahlreichen deutschen Paketshops, die Schweizer Kunden als Lieferadresse angeben könne, um sich Porto- und Zollgebühren zu sparen. Wenn es am Montag den befürchteten Ansturm Schweizer Einkaufstouristen gab, dann vor allem bei den Paketdienstleistern. Ein älterer Herr aus Basel bekam Dinge für eine grosse Velotour, die er 2021 plant, zugeschickt: Nichts Dringendes, meint er; aber er wolle das Lager etwas entlasten. Eine ältere Dame hatte dem Paketshop sogar gesagt, sie sollten ihre Pakete wieder zurückschicken.

Unzählige Pakete warteten darauf, von ihren Empfängerinnen und Empfängern abgeholt zu werden.

Unzählige Pakete warteten darauf, von ihren Empfängerinnen und Empfängern abgeholt zu werden.

Boris Burkhardt

Viel hatten Detailhandel, Gastronomie, Politik und Medien auf der deutschen Seite der Grenze orakelt, wie die Schweizer wohl am ersten Tag auf die Grenzöffnung reagieren würden. Darüber hinaus hatte eine peinliche Kommunikationspanne der deutschen Behörden in den vergangenen Tagen erst in der Nacht auf Sonntag Klarheit gebracht, dass die deutschen Grenzen tatsächlich am Montag und nicht erst am Dienstag öffnen würden. Nun denn, die Schweizer bescherten vielen Läden vor allem in Weil am Rhein, Lörrach und Rheinfelden einen überdurchschnittlichen Montag (verglichen mit der Prä-Corona-Zeit). Der grosse Ansturm fand aber nicht statt.

Der grosse Ansturm kommt am Wochenende

Auf dem Lidl-Parkplatz in Lörrach diskutiert um 8.45 Uhr eine schlanke Dame im besten Alter mit Basler Kennzeichen am Auto mit dem Security-Mitarbeiter, der am Ladeneingang darauf achten muss, dass alle Kunden Mundschutz tragen und einen Einkaufswagen mit sich führen. Worum es geht, lässt sich nicht heraushören. Wenig später zetert ein älterer Schweizer Herr über die Pflicht, einen Einkaufswagen zu benutzen. Im Drogeriemarkt dm hat eine Mutter aus dem Oberaargau um 10 Uhr für 400 Euro Hygieneartikel eingekauft. Sie sei eigentlich dagegen, im Ausland einzukaufen, versichert sie; und tue das auch nur einmal im Jahr. Aber viele Produkte gerade zur Babypflege bekomme man in der Schweiz gar nicht oder zahle das Vierfache dafür.

Der grosse Ansturm an der Grenze blieb aber aus, nur wenige Fahrzeuge parkierten auf dem Weg zurück nach Riehen, um ihre Ausfuhrzettel abstempeln zu lassen.

Der grosse Ansturm an der Grenze blieb aber aus, nur wenige Fahrzeuge parkierten auf dem Weg zurück nach Riehen, um ihre Ausfuhrzettel abstempeln zu lassen.

Boris Burkhardt

In Weil am Rhein steht um Mittag ein älteres Ehepaar aus Arlesheim vor dem Bioladen in der Schlange: Sie kauften in Deutschland nur Bio-Lebensmittel ein, sagt die Frau, denn auch diese kosteten in der Schweiz das Dreifache. Ausserdem hätten sie noch getankt. Tatsächlich schienen wenige Schweizer Einkaufstouristen gestern auch bemerkt zu haben, dass das Benzin in Deutschland mit bis zu 1,18 Euro für den Liter Super E10 noch deutlich günstiger war als in der Schweiz.

Hygienemassnahmen wurden grösstenteils eingehalten

Mit dem grossen Ansturm rechnen viele Detailhändler am Wochenende und in der kommenden Woche, wenn in der Schweiz die Gehälter ausbezahlt wurden. Der dm in Rheinfelden hat deshalb für zwei Wochen die Öffnungszeiten von 8 bis 20 auf 7 bis 21 Uhr verlängert. Im Rhein-Center in Friedlingen hat sich laut Centermanagerin Alev Kahraman «die normale Reihenfolge unter den Kunden Schweiz–Frankreich–Deutschland» am Montag wieder eingespielt. Auf die neuen Kunden richtete sie sich ein, indem sie die Security-Mannschaft verdreifachte: Die Mitarbeiter sollten auf die Einhaltung der Hygienemassnahmen achteten, hätten bis auf zwei, drei Renitente aber nicht eingreifen müssen. An den Eingängen konnten die Kunden Mundschutz, zum Teil für einen karitativen Zweck, kaufen. Das Kino im Rheincenter hatte am Montag überhaupt erstmals wieder geöffnet.

Die Hieber-Gruppe, die mit ihren Lebensmittelmärkten in Weil am Rhein, Lörrach, Grenzach-Wyhlen und Rheinfelden sehr von der Schweizer Kundschaft profitiert, wollte sich gestern im Gegensatz zu den vergangenen Wochen nicht mehr zum Thema Grenzöffnung und Einkaufstourismus äussern. Dem Augenschein nach bot sich dort aber ein ähnliches Bild: ein gut frequentierter Montag ohne den befürchteten Ansturm.