Sterbehilfe

Der Anwalt des Freitods: «Mir geht es um das Recht auf Selbstbestimmung»

«Boxen ist eine Lebensschule», sagt Moritz Gall.

Moritz Gall verteidigt Sterbebegleiterin Erika Preisig. Der Hobbyboxer kämpft für mehr als seine Mandantin.

Fünf Augenpaare hinter Brillen richten sich vom Richterpult auf die Angeklagte und es wird ruhig im Saal. Hinter ihr sitzt Verteidiger Moritz Gall, 47, sportliche Statur, kurze Haare und kantiges Gesicht. Jetzt wird er erfahren, ob seine Strategie aufgegangen ist. Der Gerichtsschreiber eröffnet das Urteil. Gall lehnt sich zurück, senkt den Kopf und führt die linke Hand zum Kinn.

Dieser Fall ist wichtig, das zeigen die Kameras vor dem Strafjustizzentrum Muttenz, die vielen Journalisten und die Nervosität des dazwischen wuselnden Weibels, das verdeutlichen die Reaktionen im Internet und die Drohungen gegen das Gericht.

Kein Wunder: Verhandlungsgegenstand ist das Recht auf Leben und auf dessen Ende. «Es geht um die Bedeutung des Todes und seine Endgültigkeit», sagt der Gerichtspräsident, und weil er es so nüchtern sagt, haftet den dramatischen Worten kein Pathos an. Er verurteilt Erika Preisig wegen Verstössen gegen das Heilmittelgesetz und spricht sie vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung frei.

Das Urteil ist ein knapper Sieg nach Punkten für Moritz Gall. Er lächelt säuerlich. Den Medien wird er es als klaren Sieg verkaufen, das tun Boxer immer und Gall ist einer.

Wer ist dieser Mann, der sich für das Sterben einsetzt, mehr, als er es als Anwalt müsste?

Zwei Tage später sitzt Gall in seinem Büro an der Elisabethenstrasse. Er wirkt erleichtert, denn die vergangenen zwei Wochen haben ihn stark beansprucht. Gleichzeitig mit dem komplexen Fall ist er wieder Vater geworden, zum dritten Mal. «Es ist erstaunlich, wie der Körper diese Belastungen aushält», sagt er, «etwas mehr Adrenalin und schon funktioniert er.»

Adrenalin ist Galls Benzin: Um runterzufahren habe er eine Rennstrecke gemietet und auf seiner Ducati Runden gedreht.

Zäsur und Sinnsuche im Elend

Moritz Gall wächst in bürgerlichen Verhältnissen in Binningen auf, der Vater Zahnarzt, die Mutter Übersetzerin. Nach dem Studium schliesst er das Anwaltsexamen ab und wird bald Partner in der Kanzlei Liatowitsch. Er verbringt viele Stunden im Büro, was sich belastend auf seine erste Ehe ausgewirkt hat, wie er vermutet.

Das Ende der Beziehung bedeutet eine Zäsur im Leben von Moritz Gall. Er steht da mit einem tollen Job und einem guten Lohn, doch plötzlich weiss er nicht mehr genau, wofür er eigentlich arbeitet.

Er reist in den Sudan und lernt das Leiden kennen. Dem Darfur-Konflikt fielen Hunderttausende zum Opfer. Der Genozid relativiert Galls Verständnis vom Tod. Er sagt: «In unserer Kultur wird dem Tod eine sehr grosse Bedeutung zugemessen, vielleicht eine fast zu grosse.»

Gall meldet sich bei der Hilfsorganisation Oxfam und besucht Flüchtlingscamps. Im Elend findet er neuen Antrieb.

Mehr durch Zufall wird er zurück in der Schweiz der Anwalt von Sterbehelferin Erika Preisig. Ein Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft vermittelt den Kontakt. Preisig arbeitet damals noch bei Dignitas, Gall hilft ihr beim Gang in die Selbstständigkeit. Er ist es, der die Strukturen mit dem Verein Lifecircle und der Stiftung Eternal Spirit aufbaut.

Eternal Spirit ist das Organ, das die Freitodbegleitungen durchführt. Der Verein beschäftigt sich mehr mit dem Leben; er unterstützt Suizidprävention und Organisationen zur Verbesserung der Lebensqualität. Die beiden Körperschaften sind jedoch verschlungen, für eine Sterbebegleitung ist eine Vereinsmitgliedschaft nötig.

Galls Engagement geht über das eines Anwalts hinaus. Er ist Stiftungsrat von Eternal Spirit, Vizepräsident von Lifecircle und rechte Hand von Erika Preisig. In heiklen Fällen ist er es, der das Spiel mit den Medien übernimmt.

Er beherrscht es gut. Als der Australier David Goodall (†104) nach Liestal zum Sterben kommt, richtet Gall die Mikrofone der Weltpresse vor ihm. Als die Journalisten diesen Monat zum Prozessauftakt auf Preisig warten, trickst er die Fotografen aus und führt Preisig in der Morgenfrühe ins Gebäude. Nach der Urteilsverkündigung stellt er sich vor die Kameras und lässt ausrichten, Preisig sei erschöpft.

«Mir geht es um das Recht auf Selbstbestimmung», erklärt sich Gall. Er hat Mühe mit Einschränkungen und Verboten. «Wenn man clever ist in unserem System, dann muss man nur genügend Leute finden, um seinen Willen durchzusetzen. Dann ist es demokratisch legitimiert, wie man sagt.»

Politisch ist Gall nicht. Dennoch sucht er Widerstände: Erst als Gall merkt, dass es Kräfte gibt, die sich gegen die Freitodbewegung stellen, ist sein Interesse geweckt: «Das hat in mir eine Oppositionshaltung hervorgerufen.»

Seit Kurzem boxt Gall wieder im Boxring Basel, schon früher hat er hier einige Kämpfe ausgetragen. «Mich fasziniert die Nähe zum Gegner und wie viel davon Kopfsache ist.» Ein platzierter Treffer, und plötzlich sei man einen Kopf grösser. «Dann denke ich: Der kann mir ja gar nichts anhaben. Ich spüre keine brennenden Muskeln mehr, keine Schmerzen. Ich habe die Oberhand.» Die Augen weiten sich, als Gall von seinem Hobby erzählt.

Ob es denn Analogien zur Strafverteidigung gebe?

«Ich weiss nicht, ob man das eins zu eins übersetzen kann. Aber Boxen ist eine Lebensschule», sagt er. «Beim Boxen geht es darum, Emotionen zu kontrollieren.» Nicht zu zeigen, wenn man einen Wirkungstreffer einstecken muss. Das ist ihm nicht immer gelungen. Dass er während der Urteilsverkündigung gelächelt hat, ärgert ihn. Es hat zu viel preisgegeben.

Kritik an seiner Verflechtung

Andere Anwälte finden Galls Verstrickung mit der Freitodorganisation unprofessionell. Sie monieren, letztlich habe Gall im Fall Preisig auch sich selbst vertreten. Ihm habe die nötige Distanz gefehlt und er setze Rhetorik über Akribie. Auch der Gerichtspräsident ist Gall in seiner Urteilsbegründung harsch angegangen. Die Verteidigung habe es versäumt, sich detailliert mit der Sache auseinanderzusetzen.

Der Vorwurf stimmt nur zur Hälfte. Als es in der Verhandlung darum geht, das psychiatrische Gutachten von Marc Graf zur Urteilsfähigkeit der Patientin zu hinterfragen, wagt Gall den Infight. Er stellt so viele Fragen, dass Graf seine Teilnahme an einer Verwaltungsratssitzung seiner Klinik absagen muss. Das Gericht hat ihn nur für eine Teilnahme am Vormittag eingeladen, doch Galls Fragerei dauert bis am Nachmittag. Satz für Satz nimmt der Verteidiger das 77-seitige Gutachten auseinander. Es gelingt ihm, dass Graf in Nebenpunkten Ungenauigkeiten eingesteht.

Ab und zu begeht Gall eine Unsportlichkeit. Er stellt nicht nur Fragen, sondern gibt manchmal gleich selber die Antwort. Als ihn der Gerichtspräsident deswegen massregelt, entschuldigt sich Gall und sagt, es sei nicht so gemeint, sondern im «Eifer des Gefechts» passiert. Fairplay ist ihm wichtig.

Weniger akribisch geht Gall bei der Vorbereitung seines Plädoyers vor. Hier setzt er auf Rhetorik. Normalerweise bereitet ein Strafverteidiger einen Redetext vor, um juristisch präzise zu sein. Gall hingegen plädiert frei. Am Anfang seiner Rede erklärt er die Vor- und Nachteile seiner aussergewöhnlichen Vorgehensweise. So könne er besser auf die in der Hauptverhandlung vorgetragenen Argumente eingehen, dafür könne es vorkommen, dass er «den Faden verliere». Tatsächlich sucht er manchmal nach Worten. Der Spannungsbogen flacht ab, wenn sich Gall in seinem Spontanvortrag im Kreis bewegt, und steigt an, wenn er sich in Rage redet.

Gall hält eine emotionale Rede. Er spricht viel mehr über Gefühle als Paragrafen. Am Schluss sagt er: «Die Staatsanwältin hat bei der ganzen Sache auch nicht so ein gutes Gefühl. Dieses ungute Gefühl lässt uns heute nicht los.»

Im Hauptpunkt wird Preisig freigesprochen. Der Gerichtspräsident sagt, es handle sich um eine Abwägung von Grundwerten, wobei Nuancen den Ausschlag gegeben hätten. Gall hat mit seinem Plädoyer die richtigen Nuancen gesetzt. In Nebenpunkten wird Preisig allerdings verurteilt. Es geht um Verletzungen des Heilmittelgesetzes und des kantonalen Gesundheitsgesetzes. Darüber hat Gall in seinem Plädoyer kein Wort verloren. Das war ein Fehler. Einem Strafverteidiger mit einem vorbereiteten Redetext wäre das nicht passiert. Diese Treffer habe er nicht antizipiert, gibt Gall später selber zu.

Noch während der Urteilsverkündigung greift Gall zum Stift, kritzelt Notizen auf ein Blatt. Er bereitet schon den nächsten Prozess, den nächsten Kampf vor. Jetzt sucht er nach Schwachstellen, wo er seinen Schlag dann platzieren wird.

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