Centralbahnstrasse
Der Bahnhof entwickelt sich immer mehr zum Gesundheitszentrum

In Bahnhofsnähe lassen sich immer mehr Gesundheits-Dienstleister nieder: Zwei Zahnarzt-Gruppenpraxen, ein Augenzentrum inklusive Makulazentrum, ein OP-Zentrum, ein Bilddiagnostik-Institut, eine Praxis für chinesische Medizin und so weiter.

Pascale Hofmeier
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Zwei von vielen Anbietern an der Centralbahnstrasse: Nach dem Besuch bei Medix Toujours können Patienten nun gleich nebenan ins Physiozentrum.

Zwei von vielen Anbietern an der Centralbahnstrasse: Nach dem Besuch bei Medix Toujours können Patienten nun gleich nebenan ins Physiozentrum.

Kenneth Nars

Schmerzt Ihr Rücken? Haben Sie Bauchweh? Tränen Ihre Augen? Haben Sie ein Muttermal, das entfernt werden sollte? Falls Sie eines dieser Leiden oder ein anderes gesundheitliches Problem plagt, lösen Sie doch ein Ticket an den Basler Bahnhof SBB. Denn der Bahnhof entwickelt sich immer mehr zu einem Gesundheitszentrum. Besonders die Centralbahnstrasse: Da sind zwei Zahnarzt-Gruppenpraxen, ein Augenzentrum inklusive Makulazentrum, ein OP-Zentrum, ein Bilddiagnostik-Institut, eine Praxis für Chinesische Medizin, eine Hausarzt-Permanence und ein Physiotherapie-Zentrum angesiedelt.

Die Physiotherapeuten der Reha-Clinic haben seit rund drei Wochen Konkurrenz: Mit dem Physiozentrum hat an der Centralbahnstrasse 7 vor drei Wochen eine weitere Physiotherapie-Gruppenpraxis eröffnet. «Man muss an die zentralen Lagen gehen», erklärt Geschäftsführer Christoph Landolt die Wahl der Centralbahnstrasse. «Für Patientinnen und Patienten ist es wichtig, dass sie die Physio auf dem Arbeits- oder Nachhausweg erledigen können.» Im Schnitt ist eine Therapie rund 15 Sitzungen lang, meist zweimal pro Woche. Da will niemand den Zeitaufwand durch lange Anfahrtswege vergrössern.

Ein weiteres Problem aus Landolts Sicht ist, dass viele Physiotherapeuten und –innen in einer umgebauten Stube in einem Wohnblock praktizieren. «Dort fehlt dann ein Trainingsraum, den es für eine zeitgemässe Therapie braucht.»

Die Nachfrage ist vorhanden

Beim Verband Physio Swiss war wegen eines Feiertages keine Einschätzung erhältlich, ob durch die Gruppenpraxen allenfalls den anderen Therapeuten in der Stadt Patienten verloren gehen. Sicher ist: Schon vor der Eröffnung war die Nachfrage relativ gross. Neben der zentralen Lage sind dafür wohl die ausgedehnten Öffnungszeiten bis 20 Uhr abends verantwortlich. Auch viele der anderen Anbieter profitieren von den liberaleren Öffnungszeiten im und rund um den Bahnhof. Diejenigen, die Notfalldienste anbieten, haben sogar sonntags offen.

Beim Physiozentrum ist dies nicht der Fall. Momentan arbeiten in den acht Räumen erst drei Physiotherapeutinnen und eine Masseurin. «Das Ziel ist es, rund zehn Vollzeitstellen aufzubauen», sagt Landolt. Dann sei eine Ausweitung der Öffnungszeiten auf den Samstag denkbar. Interessant ist: Fast alle der Gesundheits-Dienstleister, die sich am Bahnhof niederlassen, sind Ketten. Viele davon sind schweizweit tätig, einige haben mehrere Filialen in der Region. Das bringt beim Einkauf günstigere Konditionen und Synergien in der Administration.

Auch das Physiozentrum ist eine Kette. Gemeinsam mit seiner Frau hat Landolt 2010 die erste Praxis, 2011 dann die Physiozentrum GmbH gegründet. Das Unternehmen hat bisher rund 30 Angestellten und will ein schweizweites Netz aufbauen. Basel ist der fünfte Standort. Investiert hat das Unternehmen in die Räumlichkeiten am Bahnhof rund eine halbe Million Franken. Der Mietvertrag ist auf 20 Jahre angelegt. Eine Investition, die sich mit grosser Wahrscheinlichkeit auszahlen wird. Die Kundenfrequenz ist hoch, der Ort mit öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln gut erreichbar und das Angebot entspricht den veränderten Gewohnheiten einer mobilen, urbanen Gesellschaft. «Man erwartet zentrale Orte, die möglichst alles bieten, Läden, Dienstleister und Gastronomie», sagt Mathias F. Böhm, Geschäftsführer von Pro Innerstadt. Während des Zahnarzttermins bügelt die Wäscherei die Hemden, anschliessend gehts zum Einkauf in die Migros – und das alles passiert auf engstem Raum.

Dass Geschäfte an der Centralbahnstrasse den Gesundheits-Dienstleistern Platz gemacht haben, ist aus Böhms Sicht kein grosser Verlust: «Die Lage ist für Dienstleister attraktiver als für den Verkauf.» Insgesamt habe sich das Angebot im ganzen Bahnhof-Perimeter verbessert.

Gesundheitsökonom Willy Oggier erachtet die Entwicklung des Bahnhofs zum Gesundheitszentrum als logisch: «Viele Leute haben keinen fixen Hausarzt und auch keinen fixen Zahnarzt mehr.» Daraus und aus der hohen Mobilität erkläre sich die Beliebtheit der Praxen, die ohne Anmeldung oder mit Anmeldung bis spät abends behandeln. Oggier geht davon aus, dass sich der Trend weiterentwickeln wird: «Es wird zu Vernetzungen und allenfalls auch Aufkäufen kommen.» Er sei «ziemlich sicher», dass die Basler Spitäler über kurz oder lang ebenfalls ins Geschäft am Bahnhof einsteigen: «Sie werden die Praxen konkurrenzieren oder Aufkaufen, um möglichst früh an Patienten zu kommen.»