Die Anspannung fällt erst von ihm ab, als sich die Räder des Flugzeugs vom Rollfeld lösen und er Istanbul mit jeder Sekunde ein bisschen mehr schrumpfen sieht. Das war am vergangenen Donnerstag. Elf Tage zuvor ist Mehmet Salih Coşkun in seine frühere Heimat eingereist. Ohne Angst, ohne Argwohn.

Nach Erdogans Sieg über das Verfassungsreferendum wähnt er sich in Sicherheit. Ein Trugschluss. Die Polizei verhaftet ihn kurz nach der Passkontrolle.

Coşkun ist einer der drei türkischstämmigen Männer, die seit Mitte April in ihrem Herkunftsland festgenommen wurden.

Sie leben in den beiden Basel und sympathisieren offen für die kurdische Oppositionspartei HDP. Neben Coşkun traf es einen schweizerisch-türkischen Doppelbürger und einen Mann, der mit einer C-Bewilligung und seit 40 Jahren in der Schweiz lebt.

Diese zwei haben ihre Kritik an Erdogan in den sozialen Netzwerken geäussert. Coşkun hat sich darüber hinaus exponiert:Er ist Co-Präsident der HDK Basel. Diese Dachorganisation von prokurdischen und linken Kräften ist bekannt für ihre kritische Haltung gegenüber Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

In Ungewissheit gelassen

Coşkuns Familie lebt in der Türkei. Im vergangenen Jahr pendelte er mehrfach zwischen der Türkei und der Schweiz. Damit ist nun Schluss. Der Kurde sitzt im Café Eldiro, das er mit seiner Frau betreibt. Blütenweisses Hemd, dunkelblauer Blazer, rührt er im Kaffee, der vor ihm auf dem Tisch steht. Er erzählt, wie er in der U-Haft zwei Tage weder Essen noch Trinken bekommt.

Nachdem ihn die Polizei am Flughafen festgenommen hat, übergibt sie ihn der Antiterroreinheit. Coşkun kann nur mutmassen, was ihm die Behörden vorwerfen. Über die konkreten Anschuldigungen informieren sie ihn während seiner einwöchigen U-Haft nicht, seinen Anwalt darf er nicht kontaktieren. Diese Ungewissheit sei das Schlimmste gewesen, sagt er.

Während ihn die Polizei am Flughafen in einen Raum mit drei weiteren Personen pfercht, harrt er in der U-Haft in einer Einzelzelle aus. Ihm ist nicht erlaubt, seine Ehefrau in der Schweiz oder seine Angehörigen in der Türkei anzurufen. Es sei «reines Glück» gewesen, dass unter den Aufsehern ein Polizist war, der aus derselben Stadt wie Coşkun stammt und ihn kannte. Am zweiten Abend steckt dieser ihm heimlich ein Sandwich zu.

Helfen kann er ihm hingegen nicht, als Polizisten ihn morgens um drei Uhr wecken, seine Arme hinter seinen Rücken biegen, Handschellen klicken. In dieser Position fahren sie ihn durch die Nacht. «Ich wusste nicht, wohin sie mich bringen. Je länger die Fahrt dauerte, umso schlechter ging es mir», sagt er. Todesangst habe er verspürt; er erinnert sich an Kurden, die in den 90er-Jahren verschleppt und ermordet wurden.

Als der Wagen hält und die Polizisten die Türen aufreissen, sieht Coşkun, dass sie ihn zum Istanbuler Spital gebracht haben. «Vor Gericht muss ein ärztliches Attest belegen, dass der Angeklagte nicht gefoltert wurde», sagt Coşkun. Das sei aber bloss eine «Alibi-Übung». Er habe dies 2008 erlebt, als er aufgrund seiner politischen Tätigkeit und als Bürgergemeindekandidat einer früheren kurdischen Partei verhaftet worden sei.

Nach den Folterungen konnte er sich selber nicht mehr auf den Beinen halten. Die Polizisten schleppten ihn damals in das Spital. Im ärztlichen Zeugnis stand am Ende dennoch: «nicht gefoltert».

Provozierende Polizisten

Bei seiner Verhaftung Anfang Mai bleiben ihm körperliche Verletzungen erspart. Ein Spiessrutenlauf sei der Gang durch das Spital dennoch gewesen. Die Polizisten führen ihn durch die Empfangshalle und in die Notfallaufnahme; begleitet mit lauten Rufen wie «beeil dich du Terrorist». Für Coşkun ein Kalkül: «Sie präsentieren mich vor mehr als hundert Anwesenden als Terrorist.»

Das sei nicht nur erniedrigend gewesen, sondern auch der Versuch, die Anwesenden zu provozieren. «Ich wusste, wenn ich mich rechtfertige, gehen die Menschen auf mich los.» Er blickt zu Boden, schweigt. Erst als der Arzt ihm aus der Distanz von mehreren Metern fragend zuruft, ob er gefoltert worden sei, spricht er – und verneint.

Damit ist die ärztliche Untersuchung beendet. Coşkun kehrt zurück in die U-Haft, zurück in die Einzelzelle. Als er Tage später vor dem Richter steht, erfährt er, dass ihm erneut kurdische Propaganda angelastet wird. Die Behörden werfen ihm die bereits verbüsste frühere Mitgliedschaft vor sowie eine Rede, die er vor eineinhalb Jahren hielt.

Damals feierte die kurdische Oppositionspartei HDP einen Sieg bei den Parlamentswahlen. Coşkun sagt, dass er mit dem ihm zugeteilten Richter «grosses Glück» hatte: «So wie er mit mir umging, war er wohl kein glühender Erdogan-Anhänger.» Der Richter entlässt ihn aus der Haft, spricht ihn aber nicht frei. Weitere Verhandlungen sollen folgen. Wann, ist unklar.

Als Coşkun endlich seinen Anwalt sieht, empfiehlt er ihm, sofort die Türkei zu verlassen. Bevor die Staatsanwaltschaft auf die Idee kommt, ihm den Pass zu entziehen, fährt er zum Flughafen und bucht ein Ticket in die Schweiz. Einfach.