«Angst muss man keine haben. Das sagte ich immer meinen Freunden, wenn sie sich Sorgen machten. Die israelische Bevölkerung ist sehr gut informiert. Merkblätter weisen Stationen aus, welche besonders sicher gebaut sind. Gibt es einen Luftalarm, wissen alle, wohin man gehen muss. Und zwar in die Treppenhäuser, in den ersten Stock von möglichst hohen Gebäuden.

Lukas Kundert reiste während sechs Wochen durch Israel.

Lukas Kundert reiste während sechs Wochen durch Israel.

Trotzdem hat man gemerkt, dass die Israeli besorgt sind. Alle finden sie den Krieg furchtbar, doch nehmen sie die Situation mit einem Schulterzucken an. Die Leute finden sich mit der Bedrohung ab. Sie sind routiniert. Und enorm diszipliniert. Dem Raketenalarm leisten sie immer sofort Folge. Wenn am Radio zum Beispiel eine israelische Schnulze läuft, wird der Ton langsam zurückgenommen. Ein Moderator verkündet unglaublich unaufgeregt einen Luftalarm. Dann wird die Musik weitergespielt. Und zwei Minuten später kommt die nächste Meldung eines Luftangriffs, aus einem anderen Teil des Landes.

Pausenlose Berichterstattung

Israel ist eine Mediennation. Es gibt unzählige Fernseh- und Radiosender. Ein TV-Gerät an der Wand, welches laufend über die Luftangriffe der Palästinenser und die Verteidigungsschläge der Israeli informiert, ist Standard – sei es im Tante-Emma-Laden, in der Wäscherei oder am Falafelstand. Nach der Entführung der drei Buben wurde pausenlos darüber berichtet. Als diese dann tot aufgefunden wurden, war ich gerade am Toten Meer. Ich sah, wie nachts Kampfjets extrem tief über dem Meer flogen. Sie kamen von Einsätzen in Gaza zurück.

Dass sich Israel wehrt, darf aus meiner Sicht nicht verurteilt werden. Das ist verständlich bei dem täglichen Beschuss. Täglich werden bis zu 100 Raketen auf Israel abgefeuert. Die meisten werden abgewehrt, nur eine bis zwei kommen bis auf den Boden. Die Berichterstattung ist extrem ausführlich. Darüber nerven sich einige Israeli, denn so zeigen die Medien den Feinden, wo ihre Raketen landen – und helfen ihnen damit, die Ziele beim nächsten Mal besser zu treffen.

Bummeln bis zum Luftalarm

Im Süden des Landes gibt es mehrmals täglich Luftalarme. Diese werfen alles über den Haufen. Das Familienleben, das Tagesprogramm, den Alltag. Im einen Moment bummelten die Leute über den Gemüsemarkt, im anderen Moment müssen sich alle in Sicherheit bringen. In den meisten Regionen des Landes aber herrscht normaler Berufsverkehr. Von Sonntag bis Donnerstag wird gearbeitet, es gibt Bürozeiten, die Läden sind offen. Notvorräte kaufen die Israeli kaum.

Meine Abreise am Sonntag war so geplant, ich wäre nicht früher heimgeflogen. Eher hätte ich die Stadt gewechselt, wenn es gefährlicher geworden wäre. Doch Jerusalem ist zurzeit nicht sehr gefährdet. Einmal wurde ich zwar von einem Araber mit Steinen beworfen, doch normalerweise ist die Situation unbedenklich.

Tel Aviv liegt etwas näher am Gazastreifen, somit ist es dort etwas riskanter. Dennoch habe ich am Flughafen keine Leute getroffen, die panikartig das Land verliessen. Doch sicherlich reisen derzeit weniger Touristen nach Israel. Es weiss ja niemand genau, wie lange die Kriegshandlungen andauern werden.

Was mich wirklich beschäftigt, sind die Reaktionen aus Europa. Solange der Beschuss einseitig war, wurde hier bei uns und in den anderen westlichen Ländern überhaupt nichts wahrgenommen. Erst als die Israeli auf die palästinensischen Angriffe zuerst mit Luft- und dann mit der Bodenoffensive antworteten, reagierte Europa. Ich frage mich, was dies zu bedeuten hat.»