Musik

Der Basler Pink Pedrazzi besingt das Unglück von der einsamen Insel

Ortsveränderungen lösen keine Probleme: Pink Pedrazzi.

Ortsveränderungen lösen keine Probleme: Pink Pedrazzi.

Der Basler Singer/Songwriter Pink Pedrazzi veröffentlicht die EP «The Island». Das Atlantis plant aus diesem Anlass «3 Nights with Pink».

Warum eigentlich nicht? Weder der Musiker noch der Veranstalter kann die Frage beantworten, warum Pink Pedrazzi nur einen Abend im Atlantis bestreitet. An der Publikumsnachfrage kann es kaum liegen, schliesslich hat sich der Singer/Songwriter in der Region eine treue Gefolgschaft erspielt: als Mitglied der Wondergirls, der Zodiacs, der Twang Gang, der Moondog Show und schliesslich als umtriebiger Solo-Musiker.

So ist absehbar, dass viele seiner Fans vor verschlossener Tür stehen werden, wenn Pedrazzi seine neue EP «The ­Island» Corona-bedingt vor maximal 50 Leuten tauft. Die Lösung liegt auf der Hand und ist zwei E-Mails später besiegelt: Das Konzertlokal am Klosterbergt wiederholt das Solo-Konzert von Pedrazzi im Wochenabstand und macht daraus «3 Nights with Pink».

Bei der Arbeit an seinem neuen Tonträger hat sich Pedrazzi zuvor etwas mehr Zeit gelassen als bei der spontanen Planung der dreifachen Taufe. Sieben Jahre lang hat der heute 65-Jährige vergehen lassen, seit mit «A Calico Collection» das erste ­Album unter seinem Namen erschienen war. Die Americana-CD sei noch immer aktuell, sagt er: Wenn er etwa in Süddeutschland auftrete, dann sei «die letzte CD halt einfach die neue». Das habe bis anhin wunderbar funktioniert.

Zehn neue Lieder auf zwei EPs

Dass der neue Wurf «The ­Island» nun nur fünf Songs beheimatet, habe mehrere Gründe, wie Pedrazzi bereitwillig zugibt: Er sei in der Zwischenzeit vor allem live sehr aktiv gewesen, verstehe sich als langsamer Songschreiber und sei «sowieso ein fauler Sack». Um sich selber Lügen zu strafen, kündigt der Mann mit dem markanten Zylinder aber sogleich die nächste EP an: «Carry On» soll voraussichtlich noch vor Weihnachten erscheinen und ebenfalls fünf Songs versammeln.

Wäre es da nicht naheliegend gewesen, aus den beiden EPs eine LP zu machen? Nein, meint Pedrazzi. Denn man höre den Stücken an, dass sie in zwei Etappen eingespielt wurden: «Das würde nicht zusammen auf eine Scheibe passen.» Während die Lieder auf «Carry On» erst unlängst eingespielt wurden – mit reduzierten Arrangements aus Piano, Kontrabass, Gitarre oder Ukulele –, so schöpfte Pedrazzi bei den Aufnahmen für «The Island» 2018 aus dem Vollen.

Im Titelstück sind neben Schlagzeug, Bass und drei Gitarren ein Piano, eine Orgel und ein paar Backingstimmen zu hören. Die Produktion ist warm und unaufdringlich – ein gemachtes Bett für Pedrazzis unverkennbare Stimme, deren Timbre stets etwas an einen weniger bissigen Elvis Costello erinnert. Hier geht es schön entspannt zu, kein Wunder, es wird ja auch ein Inselidyll besungen. Die obligate Pedal Steel von Lorenz Trottmann sorgt für zusätzliches ­Ferien-Feeling.

Das Paradies in der Karibik und im Alltag

Doch täuscht der erste Höreindruck. Denn wie so oft bei Pedrazzis Texten schwingen auch hier melancholische Untertöne mit. Der Text sei zwar durchaus inspiriert von seinen Besuchen in der Karibik, wie ­Pedrazzi sagt. Er besinge den «uralten Traum des Mitteleuropäers nach Freiheit und schönem Wetter im Inselparadies». Doch handle das Stück auch ­davon, dass man persönliche Probleme nicht durch Ortsveränderung lösen könne. Die Suche nach dem Glück verkehrt sich schnell ins Gegenteil, wenn man sie zu verbissen betreibt. Dann wird die Trauminsel zum «paradise that never will be», wie es im Refrain heisst.

Das Paradies findet man ohnehin eher im Alltag, etwa am «place where you spend your time with me». Sein privates Glück sei bei seiner Frau, der er mit «If It Suits You» zudem den ergreifendsten Song der EP ­gewidmet hat, sagt Pink. Und vielleicht auch ab und an auf der Bühne, wenn man den Zeilen in «Soul King» glaubt. Im Rampenlicht lockert die Schwerkraft ihren Griff, und für einen kurzen Moment blickt Pedrazzi in die Ewigkeit.

Erstmals keine Lust auf Kreatives

Doch nur zwei Songs später zeichnet der Sänger ein anderes Bild: In «Save Me» kippt die Schwerelosigkeit ins Gegenteil. Er fühle sich wie ein überladener Lastesel und spüre das Alter, singt der Musiker, der in den ­vergangenen zehn Jahren «zu etwa 70 Prozent» von seiner Kunst leben konnte. Die Instrumentierung unterstreicht die nun etwas gereizte Stimme: Neben Pinks Gitarre ertönen energische Congas und ein ­souliger Chor (als Gast: Nicole Bernegger). Der Song sei eine Zusammenfassung einer «eher schwierigen Phase» seines Lebens, sagt Pedrazzi, wobei er aber «meilenweit vom Burnout entfernt» gewesen sei.

Dennoch habe Pedrazzi im vergangenen Jahr eine «währschafte Schaffenskrise» durchlebt, wie er sagt. Er sei zwar weiterhin live aufgetreten, habe aber in Sachen Songwriting «erstmals keine Lust auf Kreatives» verspürt. An seinem ­Leben im Zeichen der Musik habe er grundsätzliche Zweifel gehegt: «Braucht das jemand?» und «Bin ich gut genug?» habe er sich gefragt.
Falls er ernsthaft gezweifelt haben sollte: Auf «The Island» liefert Pink Pedrazzi selbst gleich fünf deutliche Antworten.

CD: Pink Pedrazzi: «The Island», im Eigenvertrieb auf: www.pinkpedrazzi.ch
Live: Atlantis, 20. und 27. November sowie 4. Dezember.

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