Nähkästchen

Der Basler VCS-Co-Präsident fordert für den Verkehr: «Es müssen radikalere Lösungen her»

Das Nähkästchen ist zurück: mit dem Jungpolitiker Dominik Beeler (Grüne), der ordentlich aufs Tempo drückt.

Das Nähkästchen ist zurück: mit dem Jungpolitiker Dominik Beeler (Grüne), der ordentlich aufs Tempo drückt.

Dominik Beeler, Jungpolitiker und Co-Präsident des VCS beider Basel, plaudert über Frust, virtuelle Streiks und den Ausbau des Velonetzes.

Herr Beeler, worüber plaudern wir?

Dominik Beeler: Ich habe den Begriff «Tempo» erwischt.

Was Ihre politische Karriere angeht, haben Sie den Turbo eingelegt. Mit 16 sind Sie dem Grünen Bündnis Nordwest beigetreten, neun Jahre ist das her. Was treibt Sie an?

Die Initialzündung hat die Abstimmung zur Ausschaffungsinitiative vor zehn Jahren gegeben, da wirkte ich im Abstimmungskampf mit. Seither trieben mich diverse Themen an, für die ich kämpfen wollte. Unter anderem der Ausstieg aus der Kernkraft und natürlich der Klimaschutz.

Sie wollten nicht einfach die Faust im Sack machen.

Ja, sonst wäre ich echt gefrustet worden mit der Zeit.

Was sorgt für den grössten Frust?

Viel zu viele Volksbegehren werden nicht oder nur sehr zögerlich in die Tat umgesetzt. Jüngstes Beispiel: Das Basler Volk hat sich am 9. Februar für eine nachhaltige Verkehrspolitik ausgesprochen. Von der Basler Regierung spüre ich aber nur wenig Bereitschaft, umzudenken. Das zeigt sich auch in den Antworten auf die Vorstösse zur kurzfristigen Schaffung von Velowegen. Ganz allgemein gesehen sind die bis jetzt umgesetzten Massnahmen für den Klimaschutz in der Schweiz hochgradig ungenügend. Es müssen radikalere Lösungen her. Sonst sehe ich echt schwarz.

Klingt pessimistisch.

Es gibt auch allen Grund, pessimistisch zu sein.

Mit den Klimademos kam aber der grosse Turn.

Damit ist es nicht getan, die Forderungen müssen eben auch umgesetzt werden. Aber die Klimademos sind eine grossartige Sache. Ich konnte es kaum glauben, als das angefangen hat! Ganz ehrlich, unserer Gesellschaft habe ich das nicht zugetraut. Lange ist nichts passiert, obschon die Zahlen zeigten, dass die Klimakrise droht, wenn wir in dem Tempo weitermachen. Und plötzlich ging dieser Ruck durch die jungen Leute.

Die Klimajugend fordert nun das Stimmrechtsalter 16. Ein guter Schritt?

Ein Fortschritt. Warum streiten wir immer über Zahlen? Es geht doch darum, allen betroffenen Menschen eine Stimme zu geben. Demokratie heisst für mich, dass alle mitreden dürfen. Ich finde den Denkansatz interessant, dass Familien abstimmen können und ihre Stimme nach Anzahl der Familienmitglieder gewichtet wird.

Verschärft die Bewegung der Klimajugend den Generationenkonflikt?

Ich denke nicht. Sie demonstriert nicht und will nicht mitreden, weil sie den Älteren nicht traut. Sondern ganz einfach, weil sie ihre Zukunft retten will. Es soll sich niemand angegriffen fühlen. Damit die Bewegung Erfolg hat, muss es mehr ein Miteinander geben.

Die Klimajugend hat es geschafft, dass das Thema in der breiten Öffentlichkeit an Wichtigkeit gewonnen hat. Wegen der Coronakrise, so mein Eindruck, hat die Klimadiskussion aber an Tempo eingebüsst.

Bei den Jugendlichen nicht. Während des Lockdowns hat etwa der erste digitale Klimastreik stattgefunden...

... ich meine mehr in der breiten Öffentlichkeit.

Es gibt tatsächlich einige Verbände und Interessensgemeinschaften, die jetzt versuchen, die Klimaziele in den Hintergrund zu drängen zu Gunsten des Wohls der Wirtschaft. Wir müssen deshalb umso mehr Gas geben und mit Nachdruck an unseren Forderungen festhalten. Aber ich mache mir keine Illusionen, dass jetzt plötzlich alle viel ökologischer leben. Nur auf individueller Ebene können wir dieses Problem nicht lösen, es braucht die Gesetzesebene.

Sie sind erst 25 Jahre alt, aber an vielen Fronten aktiv. Dazu machen Sie noch den Master an der Uni Basel. Treten da ab und an Ermüdungserscheinungen auf?

Tatsächlich hatte ich eine Zeit lang praktisch jeden Abend einen Termin. Das war mit ein Grund, warum ich vergangenen Herbst das Präsidium der Jungen Grünen beider Basel abgegeben und damit das Tempo ein wenig rausgenommen habe.

Während des Lockdowns waren Sie zu einer Entschleunigung gezwungen. Wie erlebten Sie die Zeit?

Es war schon speziell, hatte aber auch sehr schöne Seiten. Ich habe etwa viel mehr Zeit mit der Familie verbracht. Aber natürlich war ich sehr froh, als die Lockerungen kamen. Vergangene Woche habe ich erstmals wieder meine Kollegen getroffen – mit Abstand. Diese Sozialkomponente hat gefehlt.

In der Zeit des Lockdowns sind viele Menschen aufs Velo als Fortbewegungsmittel umgestiegen. Eine nachhaltige Entwicklung?

Das hängt von den Behörden ab. Wenn wir den Verkehr nach den Klimazielen umgestalten wollen, ist das Velo ein ganz entscheidender Faktor – und hinsichtlich Umbau der Infrastruktur ein sehr kostengünstiger. Das wollen wir vom VCS beider Basel vorantreiben in den nächsten Wochen und Monaten, beim Verkehrsdepartement darauf pochen. Wir fordern ja schon lange einen Ausbau des Velonetzes, um das Velofahren in der Stadt sicherer zu machen. Das ist entscheidend, damit die Entwicklung nachhaltig ist. Im Moment ist es einfach sehr gefährlich an gewissen Stellen.

Genf hat innert weniger Tage grosszügige Velostreifen eingeführt, Brüssel hat im Stadtzentrum auf Tempo 20 reduziert. Warum klappt das in Basel nicht?

Wenngleich sich Basel gerne als Velostadt bezeichnet, gibt es viele Politiker, die sich gegen den Ausbau des Velonetzes sträuben. Wenn es um Mobilität geht, hat bei vielen kein Umdenken stattgefunden. Spätestens ab kommendem Jahr, wenn ein Wechsel in der Leitung des Verkehrsdepartements erfolgt, sollte das Thema wieder an Fahrt gewinnen. Wir haben die Klimakrise, die nicht wartet. Aufgeben ist für mich keine Option.

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