Stadtgeschichten

Der Baslerstab war nicht immer schwarz-weiss

Der goldene Baslerstab in der Leonhardskirche.

Der goldene Baslerstab in der Leonhardskirche.

Der Autor, geboren 1956, ist Privatdozent für mittelalterliche Geschichte an der Universität Basel und bis Ende Juni noch Lehrer am Gymnasium Liestal.

Ganz zuoberst in der Leonhardskirche ist ein Symbol, dessen Farbe auf Papst Julius II. zurückgeht. Die vielen, wunderbaren Orgelkonzerte in der Leonhardskirche verzaubern regelmässig eine Hörerschaft, die mit gesenkten Köpfen dasitzt. Wer aber die Augen zum Altar oder gar zum Himmel wendet, sieht ganz oben im Ostfenster etwas Goldenes blinken: Einen Baslerstab in Gold. So viel Luxus passt eigentlich nicht zum bescheidenen Habitus der alteingesessenen Basler. Die kostbare Ausstattung ist von eigentümlicher Herkunft: Sie geht auf eine Erlaubnis von Papst Julius II. (1503-1513) zurück, die er 1512 den Eidgenossen gewährt hatte.

Die frommen und wackeren «Schweizer» – ein Name, den die Eidgenossen bis 1500 verschmäht hatten – standen beim Papst dank ihrer Brutalität seit Längerem in grossem Ansehen. Bereits 1506 gründete er die Schweizergarde. Das damalige Oberhaupt der Kirche entsprach ganz einem Renaissancefürsten. Er hatte drei illegitime Töchter, plante den Neubau des Petersdoms und förderte die Künste, indem er unter anderem die Sixtinische Kapelle von Michelangelo ausmalen liess. Ein Friedensfürst war er keinesfalls, sondern er stand gerne an der Spitze eines Heeres, führte auch persönlich Krieg und tötete seine Gegner. Martin Luther bezeichnete ihn als «Blutsäufer».

Er träumte davon, ganz Italien unter seiner Vorherrschaft zu vereinen. Als Frankreich und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation sich um Oberitalien stritten, wollte Julius II. seinen Anteil sichern. Deswegen verbündete er sich 1510 mit den wilden Berglern, zu denen seit 1501 überraschenderweise auch die Basler gehörten. In der Folge kam es zu verschiedenen Schlachten – eher Schlächtereien –, die für die Eidgenossen erfolgreich verliefen. Um diese wackeren Mannen zu belohnen, gewährte ihnen der Papst 1512 eine Audienz.

Ein päpstlicher Schreiber schildert, wie sie verlief. Leonhard Grieb – ein Basler! – hielt eine lateinische Rede, worin er betonte, die Eidgenossen («Helvetii») seien Verteidiger der Kirche und hätten deshalb als Ehrenzeichen vom Papst das Barett und das Schwert – eigentlich adlige Symbole – erhalten. Grieb hob auch hervor, dass die Eidgenossen sich keinem Fürsten unterordnen möchten; beim Stellvertreter Petri sei dies aber selbstverständlich anders. Als Zeichen ihrer Unterwürfigkeit küssten die 60 eidgenössischen Gesandten – Basler eingeschlossen – dem Papst anschliessend die Füsse, der huldvoll weitere Privilegien erteilte: Alle eidgenössischen Orte erhielten ein Banner mit goldenem Hintergrund, und Basel durfte fortan Goldmünzen prägen.

Die Reformation wollte keine Farben sehen

Die Goldfarbe war zwar korrekt gesehen ein Zeichen des weltlichen Adels, aber Julius II. adelte als geistlich-weltlicher Renaissance-Fürst ohne Bedenken seine treuen Mitstreiter. Bis heute finden sich goldene «Juliusbanner» in der Schweiz, beispielsweise im Sitzungssaal in Andermatt. Offensichtlich fanden auch die Basler Gefallen an dieser Ehrung, denn die Baslerstäbe im Rathaus hatten seither – aber nur für kurze Zeit – einen Goldhintergrund. Die Reformation wollte davon nichts wissen, und seither kennen wir nur das nüchterne Schwarz-Weiss des Basler Standeszeichens.

Als 1529 im Zeichen des Bildersturms die Kirchen geräumt wurden, übersahen die eifrig wütenden Handwerker offensichtlich den goldenen Baslerstab ganz oben in der Leonhardskirche. Ob ihre Steinwürfe nicht trafen oder ob sie zu wenig in Richtung Himmel schauten, wissen wir nicht.

Die bereist erschienen Teile unserer Serie finden Sie unter www.stadtgeschichtebasel.ch.

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