Stadtgeschichte

Der bedeutendste Schweizer Bauernführer war ein Stadtbasler – aber kein Freund des Städtischen

Als 90-Jähriger sass Ernst Laur am 17. November 1961 an einer Grossdemonstration in Bern auf der Ehrentribüne. Die Bauern protestierten gegen fallende Lebensmittelpreise, die Demonstration eskalierte.

Als 90-Jähriger sass Ernst Laur am 17. November 1961 an einer Grossdemonstration in Bern auf der Ehrentribüne. Die Bauern protestierten gegen fallende Lebensmittelpreise, die Demonstration eskalierte.

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 17: Ernst Laur, eine der bekanntesten Figuren seiner Zeit, kam aus Basel. Das erstaunt, denn Basel war lange Zeit der Inbegriff des Urbanen.

In vielen älteren Schweizer Filmen sprechen windige Geschäftemacher und dubiose Schwiegersöhne aus der Stadt Baseldeutsch. Denn Basel war lange Zeit in der Deutschschweiz der Inbegriff von Urbanität. Es ist deshalb erstaunlich, dass der bedeutendste Schweizer Bauernführer des 20. Jahrhunderts ein Stadtbasler war.

Ernst Laur (1871-1964) gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den bekanntesten Figuren des öffentlichen Lebens der Schweiz. Während mehr als 40 Jahren leitete er als Direktor den 1897 gegründeten Schweizerischen Bauernverband und machte diesen zu einem erstrangigen politischen Faktor.

Er entwickelte eine wirtschaftspolitische Strategie und eine Ideologie für einen Agrarsektor, den die Industrialisierung und der Druck des Weltmarktes zunehmend an den Rand drängten. Gleichzeitig forschte und wirkte er als Agrarwissenschaftler während 30 Jahren als Professor an der ETH. Dort prägte er nicht nur Generationen von Agronomen, sondern gewann auch eine beachtliche internationale Ausstrahlung; seine Werke wurden sogar ins Japanische übersetzt.

Distanziertes Verhältnis zur Stadt – trotz Zunft-Mitgliedschaft

Ernst Laur entstammte einem bürgerlichen Milieu; der Grossvater war aus Deutschland eingewandert, über Mutter und Grossmutter war man mit alten Basler Familien verwandt. Als Ernst im Gymnasium nicht reüssierte, schickte ihn der Vater in Praktika auf Bauernhöfe und an die landwirtschaftliche Schule Strickhof in Zürich.

So fand er den Weg zum Agronomiestudium. Er war in den Fussstapfen des Vaters zwar sein Leben lang Mitglied der Schlüsselzunft. Aber sein Verhältnis zu Basel war distanziert (und umgekehrt). Aus politischen Gründen geriet er mit der Hochburg des Freihandels oft in Konflikt.

«Basel, die an Geld so reiche und an Land so arme Stadt, hat jede Fühlung mit der Bauernsame verloren», schrieb er 1914. Auch emotional war Laur kein Freund des Städtischen, er lebte in Effingen im oberen Fricktal.

Was nahm er von Basel mit? Zunächst die Religion. Das Elternhaus war pietistisch, die Mutter eine typische Vertreterin des «frommen Basel». Dem Tagebuch des 18-jährigen Sohnes kann man entnehmen, dass er seine sündigen Triebe bekämpfen will, am meisten natürlich den Geschlechtstrieb. Das neue Jahr beginnt er mit dem Vorsatz: «Auf zum Ringen nach Vollkommenheit, Seelenreinheit und Erfolg!» Ein orthodox pietistischer Glaube begleitete ihn sein Leben lang.

Dass die Bauern nicht nur ein Bollwerk gegen den Sozialismus, sondern auch der sicherste Hort des Glaubens seien, bildete ein Leitmotiv seiner politischen Ideologie. Die «Erhaltung des Bauernstands» war so gesehen nicht nur eine ökonomische und politische, sondern auch eine christliche Aufgabe.

1918 versuchte er, die neu gegründeten Bauernparteien mit der Schrift «Die Bauernpolitik im Lichte einer höheren Lebensauffassung» zu beeinflussen. Von seinen Gegnern wurde er längst als «Bauernheiland» verspottet.

Die Bauerntums-Ideologie machte die Bauern zur biologischen Kraftquelle und zum Stabilitätsanker der modernen Gesellschaft. «Fleiss, Ordnungssinn, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Selbstbeherrschung im Genusse, Sittlichkeit, Nächstenliebe, Selbstgefühl, Selbsterkenntnis, Zufriedenheit, Familiensinn, Frömmigkeit» sollten sie auszeichnen. Das ideale Wesen des Bauern verkörperte die Werte, die dem Basler Stadtbuben anerzogen worden waren.

Landwirtschaft modernisieren, um letztlich zu bewahren

In seinem wissenschaftlichen und politischen Wirken ging es hingegen um Materielles. Der aus der Handelsstadt Basel stammende Laur wurde zum Herold der bäuerlichen Buchhaltung, der er eine hohe erzieherische Bedeutung beimass.

Sie sollte den Bauern, auch den kleinen und mittleren, kaufmännischen Geist vermitteln (und versorgte ihn mit Daten für den politischen Kampf). Technisch-wissenschaftlicher Fortschritt und betriebswirtschaftliche Effizienz sollten den Bauern das Überleben in der Industriegesellschaft sichern.

Die Modernisierung wurde flankiert von einer traditionalistischen Kultur und Ideologie. Sie sollte der schrumpfenden Bauernschaft Selbstbewusstsein und Ansehen in der Gesellschaft geben. Modernisieren, um zu bewahren, war die Devise. «Die kapitalistische Unternehmung bedeutet für mich nur ein Mittel, oft auch ein notwendiges Übel, nicht ein Ziel», schrieb Laur 1924.

Letztes Ziel war für ihn die Erhaltung der Nation und ihres Wesenskerns. Denn «Schweizer Art ist Bauernart», schrieb er 1939. Die von ihm beschworene und beeinflusste «Bauernart» enthielt damit ironischerweise ein gutes Stück Basler Bürgergeist.

Der Autor ist Historiker, promovierte und publizierte zur modernen Agrargeschichte der Schweiz. Er arbeitete als Lehrer und Rektor am Gymnasium Oberwil und lebt in Basel.

www.stadtgeschichtebasel.ch

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