Er sagt nichts, er tut wenig. Trotzdem fällt er auf, immer wieder, seit Jahren, 15 oder 20, jedenfalls seit so langer Zeit, dass er selber nicht spontan sagen kann, wann alles begonnen hat. Fabian Degen ist Statist am Theater Basel. Vielleicht der berühmteste. Derzeit ganz bestimmt: als Geist des ermordeten Duncans in der Oper Macbeth, nackt, blutverschmiert, unheimlich.

Duncan ist eigentlich eine Rolle, stumm zwar, aber umso körperlicher. Eine Rolle mit einem Namen. Das ist eher die Ausnahme. Manchmal sei er «der Hellebardenträger hinten links», sagt Fabian Degen. Und auch das sei in Ordnung. Er habe ein paar Kurse am Jungen Theater besucht, aber Schauspieler wollte er nie werden. Als Statist sei er ein Teil der Produktion, könne einen gewissen Einfluss nehmen, lerne viel über das Inszenieren – und müsse sich doch nicht komplett verausgaben.

Denn ob Baum oder König: Man darf einen Statisten niemals unterschätzen. «Es handelt sich oft um eine eigene Rolle, die sich ein wenig entwickelt, wenn man etwas daraus macht.» Fabian Degen weiss, wie er die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich ziehen kann – oder umgekehrt, von sich weg, auf jemand anderes. Er habe gelernt, wie man sich bewegt – Haltung, Blick, Einstellung. Oder wie man böse sein kann, obwohl man lieb dreinschaut. Ein «kleines Rädchen zu sein», das «seine Sache so super» mache, dass es etwas bewirke, sei für ihn «das grösste Geschenk».

Lustige Pannen, tolle Menschen

Statisten seien «eine Gruppe von Individuen, die alle ihre Minispezialitäten haben». Der Chef der Statisterie treffe eine Vorauswahl, die Regisseurin oder der Regisseur wähle daraus die gewünschten Leute. Fabian Degen wird eine starke Bühnenpräsenz attestiert. «Ich nehme die Situation sehr ernst», sagt er. Mal für Mal denke er sich stark in ein Stück ein. Weil das bei ihm sehr schnell gehe, werde er gerne als Ersatz herangezogen, wenn jemand ausfällt. In einem Notfall sei er nur zehn Minuten vorher gerufen und ahnungslos auf die Bühne geschubst worden. In einem Chaos aus Videos und Wänden habe er sich in «Les Dialogues des Carmélites» fast verirrt – während der Vorstellung.

Von lustigen Pannen gäbe es noch viel zu erzählen. Wie er etwa bei einer Messerwerfszene den Mechanismus zu spät auslöste – das wirkte wie absichtlich komisches Timing, das Publikum lachte schallend. Ein unwiederholbarer Moment. Aber lieber spricht er von all den wunderbaren Menschen, mit denen er schon arbeiten konnte.

Mit der weltberühmten Performerin Marina Abramovic: «Sie hat mich so was von weggeblasen. Schon nur durch ihre Präsenz. Und sie ist unglaublich freundlich und begeisterungsfähig.» Mit dem sogenannten «Skandalregisseur» Calixto Bieito: «Er hat eine ganz klare Vorstellung von der Bühnensituation. Er nimmt einen auch als kleinen Teil ernst – wenn man positiv auffällt, setzt er einen in den Vordergrund.

Dem italienischen Regisseur Romeo Castelluci durfte Fabian Degen sogar helfen, die Leute zu betreuen und anzuweisen: «Ein toller Mensch, unglaublich intelligent. Und offen dafür, zusammen Lösungen zu finden.»

Gute Erfahrungen mit Grössen

Bei den meisten wirklich grossen Regisseuren stünde das Team im Vordergrund. Sie nähmen auch Statisten «als Bühnenpersönlichkeit ernst». Da habe er durchweg nur gute Erfahrungen gemacht. «Es ist so inspirierend, mit diesen Leuten zusammenarbeiten zu dürfen.» Bis heute zehre er von den Erinnerungen an ein Tischgespräch mit dem Schauspieler Willem Dafoe. «Ich konnte ihn mit Scherzen zum Lachen bringen.»

Christoph Marthalers «Lo Stimulatore» sei auch so ein Höhepunkt seiner Statistenkarriere. Mit weiteren Statisten musste er da mühsamst ein Klavier durch ein Bühnen-Treppenhaus schleppen. Bei einer Probe, als im Stück ein Alarm einsetzte, nahm er das Klavier – in Wahrheit aus Karton und federleicht – unter den Arm und rannte davon. «Ich hörte Marthaler lachen. Er sagte: ‹Das nehmen wir›». So einen Gag könne man aber nur anbieten, wenn man genau wisse, wie ein Regisseur ticke. «Ich kenne Marthalers Kosmos, den Kindskopf in ihm. Darum habe ich das angeboten.»

Fabian Degen schaut jedem Regisseur, jeder Regisseurin genau zu. Er registriere und analysiere alles: wie jemand denkt, die Ästhethiken, die Haltung. «Das Ganze ist für mich auch wie eine Ausbildung.» Tatsächlich hat er schon selber Regie geführt. Weitere Kunst- und Theaterprojekte warteten in seiner Ideenschublade darauf, hervorgezogen und realisiert zu werden. «Zu viele für ein Leben».

Reich an Erfahrung werde man als Statist, aber nicht reich an Geld. Er verdiene damit «fast nichts». In Macbeth etwas mehr als üblich: Er bekommt eine Nacktzulage. Doch die Miete bezahle seine Arbeit an der Theaterporte sowie der Betreuung von Archiv und Büromaterial. Nebenbei liest er öffentlich aus Mangas vor, eine weitere Leidenschaft.

Viel Geld brauche er gar nicht. Der 40-Jährige lebt in einer WG, hält die Fixkosten tief. Beziehung oder gar Familie sei nichts für ihn. Lieber gehe er seinen vielen Interessen nach, befriedige er seinen Wissensdurst. «Und wenn ich ein paar Leuten in Erinnerung bleibe, ist das schön.»

Fabian Degen ist morgen Sonntag, 5., sowie am 7. und am 16. Juni in der Oper Macbeth zu sehen. Wer auch gerne mal Statist sein möchte, kann sich hier melden: statisterie@theater-basel.ch.