Lörrach
Der Besuch in Lörrach war für Schweizer nicht immer empfehlenswert

Das Dreiländermuseum in Lörrach zeigt, wie die Stadt das Dritte Reich erlebt hat. Die Beziehung zu Basel ist Teil der Sonder-Ausstellung «Lörrach und der Nationalsozialismus». Schweizern war zur Nazi-Zeit der Gang über die Grenze nicht zu empfehlen.

Muriel Mercier
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Ausflügler wurden am Ortseingang vor Belästigungen gewarnt: Lörrach unter dem Hakenkreuz (Turmstrasse, 1939).

Ausflügler wurden am Ortseingang vor Belästigungen gewarnt: Lörrach unter dem Hakenkreuz (Turmstrasse, 1939).

zvg

«Stopp! Keinen Schritt über die Grenze.» Mit diesem Aufruf werden Basler Ausflügler vor der Grenze nach Lörrach gewarnt, nach Deutschland zu gehen. Dort würden sie belästigt, heisst es im Flugblatt. Auch wenn der Text 80 Jahre alt ist, fährt er ein.

Das Flugblatt ist das passende Objekt, um den Besucher des Dreiländermuseums auf die eindrucksvolle Ausstellung «Lörrach und der Nationalsozialismus» vorzubereiten. Mit ihm beginnt der Rundgang durch die Ausstellung. Diese thematisiert, was der Machtwechsel zu den Nationalsozialisten und dem Deutschen Reich für die Stadt ein paar Meter hinter der Basler Grenze bedeutete.

Zwei Hitlerjungen, im Hintergrund die Burg Rötteln.
6 Bilder
Werbeschild der Tageszeitung «Der Alemanne».
Deportation von Lörracher Juden, Oktober 1940.
SA-Boykott des jüdischen Geschäftshauses Knopf im Jahr 1933.
Lörrachs NS-Bürgermeister Reinhard Boos, eingesetzt nach der «Machtergreifung» der Nazis 1933.
Diese verbotene Fahne wurde per Kinderwagen nach Basel geschmuggelt.

Zwei Hitlerjungen, im Hintergrund die Burg Rötteln.

Stadtarchiv Lörrach

Büste, Schülerhefte und Filme

Die Ausstellung beginnt mit dem Ende der Weimarer Republik – mit der Machtübernahme Adolf Hitlers. Die erste Station widmet sich dem Hitlerkult. Eine Büste von Valentin Oecker aus dem Jahr 1933 steht neben einem Aufsatzheft einer Schülerin, die im 1943 über den Führer des Deutschen Reiches geschrieben hatte. Gleichzeitig flimmern im Fernsehen daneben Filmaufnahmen aus Lörrach während dieser Jahre, die zum ersten Mal ausgestrahlt werden.

Insgesamt 300 Objekte sind im ersten Stock des Museums zu sehen. 100 davon sind Fotos, 80 Archivalien aus dem Stadtarchiv und 120 Ausstellungsstücke aus der eigenen Sammlung des Museums zum Nationalsozialismus am Oberrhein.

Grösse gegenüber Basel zeigen

Lörrach will sich mit dem schwierigen Kapitel seiner Geschichte auseinandersetzen. Die Stadt vergab deswegen ein dreijähriges Forschungsprojekt an den Freiburger Historiker Robert Neisen. Innerhalb dessen wissenschaftlicher Dokumentation, verfasste er 21 Texte, welche die Basis für die Ausstellung darstellen.

Viele der Fotografien sprechen spezifisch die Einstellung gegenüber Basel an. Bilder von Gross-Veranstaltungen zum Beispiel sollten die Stärke von Lörrach gegenüber Basel zeigen, erklärt Stadtarchivar Andreas Lauble. Digitalisierte Kinowerbung und Plakate hängen an den Wänden des Ausstellungsraumes. Letztere seien in Lörracher Betrieben gehangen.

Euthanasie-Aktion: 40 Menschen vergast

In der zweiten Hälfte der Ausstellung werden die Wände dunkler – es ist der Bereich der Opfer. Einige Schicksale werden durch Briefwechsel erklärt. Eindrücklich ist die Spitalhose in einer Vitrine. Sie erzählt von einer Familie, die einen Verwandten nicht auf die Flucht mitnehmen konnte, weil dieser geistig behindert war. Er wurde in ein Krankenhaus überwiesen – und in der Tötungsanstalt Grafeneck vergast. Euthanasie-Aktion nannte sich dies: Etwa 40 Behinderte aus Lörrach wurden dort vergast, ohne dass die Angehörigen informiert wurden.

Etwa 1400 Lörracherinnen und Lörracher sind während des Nationalsozialismus umgekommen – Opfer wie Täter. Die Grenze dabei sei schwer zu ziehen, sagt Museumsleiter Markus Moehring. Ziel der Ausstellung ist, ein differenziertes Bild des Nationalsozialismus zu erhalten.

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Sonderausstellung «Lörrach unter dem Nationalsozialismus»: 26. April bis 13. Oktober 2013, Dreiländermuseum, Basler Strasse 143, D-79540 Lörrach (www.dreilaendermuseum.eu)