Riehen

Der bittere Abgang: Pächter fordert von Gemeinde 390'000 Franken

Der gemeindeeigene Landgasthof ist für Riehen eine Hypothek.

Der gemeindeeigene Landgasthof ist für Riehen eine Hypothek.

Die Fronten haben sich nach der Vertragsauflösung verhärtet. Pierre Buess, der ehemalige Pächter des Landgasthofs, will nun Geld für Bilder und Voraus-Umsätze von der Gemeinde Riehen.

Alles in Minne, signalisierte Pierre Buess, als er Mitte vergangenen Jahres als Pächter des Landgasthofes in Riehen aufhörte. Einvernehmlich sei er vor Weihnachten 2018 mit der Gemeinde übereingekommen, die auf zwanzig Jahre angelegte Pacht vorzeitig aufzulösen. Es sei zunehmend schwierig geworden, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, erzählte Buess in seinen Abschiedsinterviews. Die Grenznähe und die steten Baustellen im Dorf hätten das Seine dazu beigetragen, einen Schlussstrich unter seine Gastrokarriere zu ziehen und sich aufs Immobiliengeschäft zu verlegen.

Doch nun zeigt sich: Die Harmonie sollte bloss einen nahtlosen Übergang zu einem neuen Pächter erleichtern. Sie entsprach jedoch nicht den Verhältnissen. Buess, der als Betreiber des «Stucki» zur städtischen Prominenz aufgestiegen ist, hat gegenüber der Gemeinde vielmehr Forderungen in Höhe von 389'597 Franken. Die Betreibung hat er im Juli eingereicht, nun steht ein zivilrechtliches Verfahren bevor.

Buess sagt: «Wir sind immer fair geblieben und haben die bestehenden Differenzen für uns behalten.» Doch seit der Vertragsauflösung hätten sich die Fronten weiter verhärtet, dass sich Buess entschloss, den Konflikt auch öffentlich zu machen.

Die Bilder, die niemand zahlen will

Die Streitsumme, die zur Eskalation führte, liegt bei rund 80'000 Franken. 60'000 Franken betreffen die Bilder, die Buess als betriebsnotwendige Neuanschaffung gekauft hat. Bei der Aufnahme des Inventars sei unbestritten gewesen, dass die Sammlung übernommen werde. Erst danach sei ihm mitgeteilt worden, die Gemeinderätliche Kunstkommission habe entschieden, dass sie – wenig erstaunlich – nicht ins Bilderportfolio der Gemeinde passe.

Weiterer Streitpunkt: Während seiner letzten sechs Monate bearbeitete Buess Bankettanfragen und erwirtschaftete nach eigenen Angaben für seinen Nachfolger einen Voraus-Umsatz von 445'000 Franken. Als Vermittlungsprovision stehe ihm gut vier Prozent zu. Erst sieben Wochen nachdem er 20'000 Franken in Rechnung gestellt habe, sei ihm mitgeteilt worden, dies sei in der Vereinbarung anders geregelt.

Mehrfach vor der Schlichtungsstelle

Mit dem Streit nach dem Abgang wird offenkundig, dass das Verhältnis schon zuvor zerrüttet war. Mehrfach hatte die staatliche Schlichtungsstelle zu entscheiden, welche Kosten die Gemeinde beim Unterhalt der Liegenschaft zu übernehmen hat. Obwohl das Lokal 2012 für sechs Millionen Franken saniert worden ist, bevor es von Buess zur neuen Blüte hätte gebracht werden sollen, seien regelmässig Mängel aufgetreten. Angefangen vom Lift, der ausfiel, bis zu den Vorhängen, die aus Brandschutzgründen hätten ersetzt werden sollen.

Vor Gericht geht Buess aufs Ganze und schnürt Forderungen ins Paket, die schon als bereinigt gegolten hatten. Darunter fallen rückwirkende Mietzinssenkungen wegen mangelhafter Infrastruktur, aber auch eine Rückforderung von bezahlten Mietzinsen in Höhe von knapp 290'000 Franken. Hintergrund ist eine vereinbarte, dann aber wieder rückgängig gemachte Mietzinssenkung im Jahr 2016.

Riehen trägt aktuell das Defizit des Landgasthofs

Daniel Albietz, der zuständige Gemeinderat von Riehen, sagt, er könne zum laufenden Verfahren aus rechtlichen Gründen nicht Stellung nehmen. Wenn ihn Buess jedoch vom Amtsgeheimnis entbinden sollte, würde er die Akten offenlegen.

Buess hat aber vor allem ein Interesse an einer schnellen Einigung. Als er vor sieben Jahren gegen den damaligen Geschäftspartner und Wirtepräsident Josef Schüpfer mit einer Forderung vor Gericht zog, blieben ihm am Schluss nur die leeren Hände. Nun hofft er etwa eine direkte Vermittlung des Einwohnerrats, um eine Lösung zu finden. Sein Verhandlungsangebot: 150'000 Franken plus Mehrwertsteuer.

Für Riehen wird der Landgasthof ohnehin teuer. Seit Juli 2019 betreibt das Gastrounternehmen Berest im Auftrag und auf Risiko der Gemeinde das Lokal. Albietz räumt ein, dass rote Zahlen geschrieben werden, über die Höhe schweigt er sich aus. Was er offen über das Lokal denkt, hat er allerdings vor Jahren noch als Einwohnerrat zu Protokoll gegeben: Riehen soll das Lokal verkaufen oder in Wohnraum umwandeln.

Autor

Christian Mensch

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