Boxeo
Der blonde Engel - Eine boxende Staatsanwältin mit schnellen Fäusten

Die Schweiz-Jamaikanerin Sarah-Joy Rae aus Riehen boxt am Samstag im Basler Volkshaus beim «Boxeo». Nicht nur was ihre Herkunft angeht, ist sie in zwei Kulturen beheimatet: Wenn Rae nicht boxt, geht sie ihrem Beruf als Staatsanwältin nach.

Tobias Gfeller
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Sie boxt unter dem Kampfnahmen «Der Engel»: Die Riehenerin Sarah-Joy Rae.

Sie boxt unter dem Kampfnahmen «Der Engel»: Die Riehenerin Sarah-Joy Rae.

Nicole Nars-Zimmer

Sie ist gross, schlank und hat langes, welliges Haar. Die 31-jährige Sarah-Joy Rae könnte glatt als Model durchgehen. Doch anstatt über den Laufsteg zu schlendern, tänzelt sie lieber im Boxring zwischen den Seilen und lässt ihre Fäuste sprechen. Dass sie dies beherrscht, zeigt ein Blick auf ihr sportliches Palmarès. Im vergangenen Jahr wurde sie zum ersten Mal Schweizermeisterin im Bantamgewicht bis 54 Kilogramm. Auch nahm sie 2012 an den Weltmeisterschaften in China teil. Dass sie dies unter jamaikanischer Flagge tat, zeigt: Die Riehenerin hat einen äusserst bemerkenswerten Lebenslauf.

Jamaika gibt den Ton an

Boxen und Kultur - das ist bereits zum 25. Mal Boxeo. «Die Symbiose zwischen Sport und Kunst - Boxen wird zum Kulturereignis», lautet auch am Samstagabend das Motto im Volkshaus Basel. Vor zwölf Jahren vom Basler «Mister-Boxen» Angelo Gallina ins Leben gerufen, geniesst die aussergewöhnliche Kombination in den verschiedensten Locations grosse Beliebtheit. Heute steht sportlich das Duell zwischen dem Team Boxclub Basel und Jamaika im Blickpunkt. Die Boxeo-Tradition macht es möglich, dass das Gastland auch künstlerisch den Ton angibt. Bei Jamaika ist klar, da schallt Reggae und Dancehall aus den Musikboxen. Sportlicher Höhepunkt ist der Kampf des in 17 Profikämpfen ungeschlagenen Prattler Schwergewichtlers Arnold «The Cobra» Gjergjaj gegen den Finnen Janne Katajisto. (tgf)

Sehnsucht nach Jamaika

Mit einer Schweizer Mutter und einem jamaikanischen Vater schlagen bei ihr zwei Herzen in der Brust. Doch der Eindruck, dass das jamaikanische ein wenig fester schlägt, trügt nicht: «Im Herzen sind es sicher mehr als die fünfzig Prozent», sagt sie mit einem leicht melancholischen Unterton. Dass sie Sehnsucht nach ihrer zweiten Heimat hat, versucht sie erst gar nicht zu verbergen. Daher zieht es sie mindestens einmal im Jahr auf die Insel. «Mein Freundeskreis dort ist gleich gross wie jener hier in der Schweiz.» Das Leben auf der für den Musikstil Reggae bekannten Insel gefällt ihr. «Ich bewege mich in der Gesellschaft Jamaikas genau gleich wie hier und habe keine Probleme, mich dort zurechtzufinden.»

Nett und schlagkräftig

Dass Sarah-Joy Rae heute Abend am Boxeo im Basler Volkshaus wieder unter jamaikanischer Flagge kämpft, macht sie noch ein wenig nervöser als üblich. «Für mich ist dieser Abend schon ganz speziell. Unter anderem wegen mir hat Boxtrainer Angelo Gallina diesen Jamaika-Abend organisiert.» Die Vorfreude bei Rae ist dementsprechend gross. «Natürlich will ich gewinnen. Primär möchte ich aber dem Publikum, in dem auch viele Freunde und Jamaikaner sitzen werden, einen tollen Kampf bieten.» Boxcoach Gallina war es auch, der ihr den Kampfnamen «Der Engel» verlieh. Ursprünglich habe sie an die langen blonden Haare gedacht. Danach kamen auch Gerüchte auf, wonach Gallina den Namen aufgrund ihrer breiten Schulterblätter wählte. Doch der charismatische Trainer dachte mehr an ihre inneren Werte. Lieb sei sie – wie ein Engel eben. So kam es in ihrer Anfangszeit nicht selten vor, dass sie sich nach einem harten Schlag bei der Gegnerin entschuldigte. «Ich tausche mich auch mit meinen Gegnerinnen aus. Manchmal fast zu viel», erklärt sie sich. Diese Charakterzüge hindern sie aber nicht, im Ring ordentlich zu zulangen. «Mit mehr Aggressivität hätte ich vielleicht einen anderen Boxstil. Aber mein Biss zeigt sich halt anders.»

Kontrolle und Disziplin

In ihren Berufsalltag als Jugend- und Staatsanwältin lässt sie ihre grosse Leidenschaft aber nicht hineinfliessen. «Ich sage den Jugendlichen nicht, dass ich boxe.» Doch Sarah-Joy Rae ist der festen Überzeugung, dass Sport im Allgemeinen helfen kann, überschüssige Aggressionen loszuwerden. «Gerade das Boxen ist ein Sport, der sehr viel Kontrolle und Disziplin verlangt. Ich würde dies jedem Jugendlichen empfehlen. Und wenn man mal eine bekommt, kann man nicht einfach wild zurückschlagen, sondern muss auch dann die Kontrolle bewahren.»