«Als ich die Stellenausschreibung gesehen habe, dachte ich zuerst, das haben die für mich erfunden», freut sich Benjamin Ludwig (31) noch heute. Der südelsässische Zweckverband «Communauté de Communes des Trois Frontières», in dem zehn Gemeinden mit rund 50 000 Einwohnern zusammengeschlossen sind, hatte einen «Monsieur dialecte» gesucht, der den Kindergarten- und Primarschulkindern den Dialekt und das elsässische Kulturerbe nahe bringen sollte.

Ludwig war der ideale Kandidat. Er hat einen Master in Regionalgeschichte am Strassburger Institut für elsässische Geschichte gemacht und als Animateur im Freilichtmuseum Ecomusée und auf der Hohkönigsburg gearbeitet. Dazu spricht er natürlich den Dialekt und singt auch auf Elsässisch. Seine neue Tätigkeit ist für ihn kein Job, sondern eine Herzensangelegenheit.

«Ich bin ausgesprochen gut aufgenommen worden», erinnert sich Ludwig an den Start vor einem Jahr. Allerdings sei ihm auch die Vielfalt des Dialekts bewusst geworden. Selber stammt er aus Ammerschwihr bei Colmar und lebt noch heute in Ribeauvillé, in der elsässischen Weinbauregion, wo man Niederalemannisch spricht. Im Südelsass und in Basel hingegen rede man Hochalemannisch.

Pensionierte Grenzgänger helfen

Ein Teil seiner Arbeit besteht darin, Freiwillige zu finden, die Elsässisch sprechen und bereit sind, ihr Wissen mit den Kindern zu teilen.

Sie gehen in der Regel eine oder zwei Stunden in der Woche in die Freizeitzentren, die von den Kommunen betrieben werden und in denen die Kinder nach der Schule oder am schulfreien Mittwoch verschiedenen Aktivitäten nachgehen. Bisher hat Ludwig um die zwölf derartiger Animateure gefunden. Oft sind das Pensionierte, die ihr ganzes Arbeitsleben als Grenzgänger im Raum Basel verbracht haben und deshalb Dialekt sprechen.

Der Dialekt lebt nach wie vor

Die verbreitete These, dass das Elsässisch im Gegensatz zum Nordelsass vor allem im Süden am Verschwinden ist, hält Ludwig für ein Cliché. «Im Sundgau ist der Dialekt noch sehr lebendig», betont er. Aktiv wird er nur auf Anfrage einer Mairie oder einer Schule. Mit Ausnahme einer sehr kleinen Gemeinde gibt es in allen Kommunen des Zweckverbands zweisprachige Klassen in Kindergarten und Primarschule. Dazu gehören zum Beispiel Saint-Louis, Huningue, Hésingue und Hégenheim, um nur einige zu nennen. Im Schuljahr 2013/2014 waren es insgesamt 57 zweisprachige Klassen und Benjamin Ludwig schätzt, dass es jetzt eher noch mehr seien.

Er geht zu gleichen Teilen in Primarschulen und Kindergärten, wo er mit Spielen und Liedern den Kindern den Dialekt und das elsässische Kulturgut nahe bringt. «Die Traditionen wie den Maibaum oder den Brauch der Ostereier, verstehen auch Kinder, deren Eltern nicht aus dem Elsass stammen», betont er. Oft habe er zudem die Erfahrung gemacht, dass Kinder, die mit einer Fremdsprache aufwachsen, also zu Hause beispielsweise Englisch oder Portugiesisch reden, schneller lernen als jene, die einsprachig aufwachsen.

Eine Art Pilotprojekt

Die Arbeit von Benjamin Ludwig ist eine Art Pilotprojekt. Vorher hat noch niemand im Elsass eine derartige Stelle aufgebaut.

Die Gebietskörperschaft Region Elsass hat das Vorhaben denn auch mit 50 000 Euro subventioniert. Viel Unterstützung komme auch vom «Office pour la Langue et la Culture d'Alsace» (OLCA), erzählt Ludwig. Seit 1994 setzt sich diese Organisation der elsässischen Gebietskörperschaften für die regionale Identität des Elsass und den Dialekt ein.