Schäferstündchen

Der braune Sumpf: Die gefährlichen Untiefen der «Political Incorrectness»

Ein seltsames Kabinett aus Wut und Verschwörung: Online-Nachrichten, die «politisch inkorrekt» daher kommen wollen. (Symbolbild)

Ein seltsames Kabinett aus Wut und Verschwörung: Online-Nachrichten, die «politisch inkorrekt» daher kommen wollen. (Symbolbild)

Geflüchtete werden als «Ficki-Ficki-Fachkräfte» bezeichnet, Musliminnen und Muslime gelten als «geistige Brüder und Schwestern der Nationalsozialisten» und gegen «Gutmenschen» aller Art wird hemmungslos gehetzt. Wer sich durch «Politically Incorrect» (PI-News) klickt, watet tief durch den braunen Sumpf.

Mit seinen «News gegen den Mainstream» – einer Mischung aus gefährlichen Falschinformationen, brutaler Hassrede und kruden Vorurteilen – gilt das Weblog als das «Zentralorgan der Islamfeinde».

Zwischen Werbung für den Kopp Verlag, der geschichtsrevisionistische und rechtsesoterische Titel vertreibt, für die fremdenfeindlichen Demonstrationen der «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» oder für «Phalanx Europa», ein Modelabel «für patriotische Gegenkultur», tummelt sich auf PI-News das Who is Who der Neuen Rechten: Götz Kubitschek etwa, der sich in einem «geistigen Bürgerkrieg» wähnt und sich mit Blick auf unsere freiheitlich demokratische Grundordnung «die Beendigung der Party» wünscht. Der Skandalautor Akif Pirinçci, der einmal bedauerte, «KZ sind ja leider derzeit ausser Betrieb», und wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. Martin Sellner, Kopf der vom Verfassungsschutz beobachteten «Identitären Bewegung», der als Gegenentwurf zu unserer multikulturellen Gesellschaft fordert, Staaten sollten «kulturell rein» sein.

Das Konzept, das Sellner und Konsorten propagieren, nennt sich «Ethnopluralismus»: Jedes Volk habe seinen definierten Wesenskern und sein historisch zugewiesenes Territorium, jede Ethnie solle in ihrem eigenen Staat leben. Eine Durchmischung der Ethnien und Religionen bedrohe Identität, Kultur und Tradition. Auch wenn das stigmatisierte Wort «Rasse» durch «Identität» ausgetauscht wird, läuft das Konzept auf das altbekannte «Ausländer raus!» hinaus. Unsere pluralistische Gesellschaft ist ihnen verhasst, sie sehnen sich nach einem homogenen Kollektiv.

Mindestens bis 2011 schrieb auch Christine Dietrich regelmässig für PI-News. Gemäss verschiedenen Medien soll sie eine Zeit lang sogar Drahtzieherin hinter dem islamfeindlichen Weblog gewesen sein. Heute distanziert sich die Kleinbasler Pfarrerin davon, «nicht weil ich nicht zu meinen damals vertretenen Meinungen stehen würde, sondern weil der dortige Kontext falsch war». Im vergangenen Monat wurde sie in den Kirchenrat der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt gewählt. Wie ernst es Dietrich mit ihrer Distanzierung ist, weiss sie allein. Wie gut ihre Vergangenheit zu einer Kirchenrätin passt, müssen die beurteilen, die sie gewählt haben.

Der Extremismusforscher Hajo Funke sagte zum Umgang mit Kubitschek, Pirinçci oder Sellner: «Wer sich mit solchen aggressiven Akteuren zusammentut, muss wissen, was er tut. Und oftmals weiss er es. Und insofern nimmt er diese Positionierung hin, wenn auch nicht ausdrücklich.»

Und Paulus schrieb: «Lasst euch nicht verführen. Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten.»

 

Tobit Schäfer arbeitet als Strategie- und Politikberater. Zudem engagiert er sich ehrenamtlich in verschiedenen Kulturinstitutionen. Während 13 Jahren politisierte er für die SP im Grossen Rat.

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