Glosse

Der Bummel ist die Anti-Fasnacht

Mit den Bummelsonntagen geht Frau Fasnacht auf den Estrich, wird abgespannt, einbalsamiert oder mit Mottenkugeln gestopft. Auf die drey scheenschte Dääg folgen die drei Anti-Tage der Fasnacht.

Heute ist der finale, letzte Schlusspunkt der Fasnacht, der Ändändändstraich. Der Bummel. Mit den Bummelsonntagen geht Frau Fasnacht auf den Estrich, wird abgespannt, einbalsamiert oder mit Mottenkugeln gestopft. Auf die drey scheenschte Dääg folgen – so verlangt es die Tradition, und ihr lässt sich kein Wunsch abschlagen – die drei Anti-Tage der Fasnacht. Hui, er hat Anti-Fasnacht gesagt! Aber Achtung, lassen Sie mich ausschreiben, bevor sie mich einen Ketzer schimpfen und auf den Scheiterhaufen stellen wie einen Böögg. Ich bin ja einer von Ihnen, also von uns, von den Fasnächtlern, den Aggdive!

Was ist denn die Essenz der Fasnacht? Nie wird diese besser zusammengefasst als im Satz: «Gäll, de kennsch mi nit.» Er erlaubt es den Teilnehmern, sich über die Obrigkeiten lustig zu machen. Sie in Zeedeln zu zerreissen, in Schnitzelbänggen über sie zu schnöden, sie an den Pranger zu stellen, beleuchten und durch die Gassen tragen. Alles, weil die Larve schützt. Weil das Goschdyym alle gleich macht, eine Uniform für ein Heer aus Spott und Hohn, das diese Stadt für eine kurze Zeit erobert.

Und dann kommt der Bummel. Und alle streifen jede Selbstironie ab. Jetzt wird repräsentiert, flaniert, defiliert, stolziert, geriert, peinlich «beriehrt», wenn einer mit einem grauen Mantel aufmarschiert. In schwarz, Hut, Melone, Zylinder, Kleid für ihn und sie, Lack, schwarz, Krawatte, Perlohrringe vielleicht, Frisuren, dunkel, alle dunkel. Eine Beerdigung der Lustigkeit, denn der Banker, der wenige Tage zuvor noch mit Riesentitten lächerlich und lachend durch die Stadt schwappte sieht aus wie ein, nunja, Banker.

Und die Tambourmajoren. An der Fasnacht muss für deren Stock ja so einiges herhalten, ein Speer, ein Riebli, ein Besen. Am Bummel ist er hochglanzpoliert, muss er auch, denn er wird geschwungen, ja geworfen, und immer wieder zeigt er zum Gruss auf Leute aus dem Publikum. Denn, man kennt und erkennt sich ja jetzt. Mit den Piccoloklängen in zivil geht der Zauber der Fasnacht flöten. Jetzt wird wieder bewusst: Es war im Fall alles nur gespielt, wir sind gar nicht lustig, wir sind auch nicht melancholisch, wir sind – ein bisschen normal.

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