Coronavirus

Der Co-Präsident der Psychotherapeuten beider Basel im Interview: «Weihnachten wird für viele bedeutsamer»

Peter Schwob sagt, wie man Feiertage trotz allem harmonisch gestalten kann.

Peter Schwob sagt, wie man Feiertage trotz allem harmonisch gestalten kann.

Der Co-Präsident der Psychotherapeuten beider Basel Peter Schwob spricht mit der bz über Einsamkeit, Fluchen und Tagebuch schreiben. Ausserdem erklärt er, wieso sich die Bedeutung von Weihnachten durch die Pandemie verändert hat.

Peter Schwob, Co-Präsident der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beider Basel (VPB), hat eine Umfrage im Verband gemacht, wie sich die Coronapandemie auf die Patientinnen und Patienten auswirkt. Geantwortet haben über 50 Verbandsmitglieder.

Peter Schwob, wie hat sich die Arbeit Ihrer Kolleginnen und Kollegen durch Corona verändert?

Peter Schwob: Mehr als die Hälfte sagt, ihre Arbeit sei wie immer: In den Monaten November, Dezember spitzt sich die Lage zu, aber natürlich kommt Corona dieses Jahr überall hinzu und verschärft vieles. Ein Drittel sagt, die Probleme hätten wegen Corona zugenommen, und wenige sagen, die Lage sei wirklich schlimm. Oft kommt man aber unter dem Druck von aussen schneller auf die klaren Gefühle, kann sie besser beschreiben, fassen.

Weshalb diese unterschiedlichen Wahrnehmungen?

Woran das liegt, kann ich nicht sagen. Ich glaube, je langfristiger der Blick auf ein Leben ist, je mehr man Verbindungen zu früher herstellt, desto weniger Raum gibt man den momentanen Einflüssen.

Wie meinen Sie das?

Eine junge Frau sagte letzthin, ihre Krise wäre sowieso einmal gekommen, durch Corona sei das einfach schneller geschehen. Etwas, das sich schon länger zuspitzte, entgleist dann halt an einem Liebeskummer oder eben an Corona. Oft sind es sehr alte und/oder langdauernde Belastungen und Entbehrungen, die jemandem zu schaffen machen. Und dann sind es überraschenderweise nicht nur die Belastungen an sich, die schmerzen, sondern das, was man dagegen tut.

Das, was einem helfen soll, tut weh?

Ja, oftmals sogar. Nehmen Sie zum Beispiel ein Kind, das mit seiner Angst alleingelassen wird, weil die Eltern kaum mit sich selber zurechtkommen. Dieses Kind wird sich zurückziehen und nichts mehr erhoffen, damit es nicht mehr enttäuscht wird. So erspart es sich den Schmerz, von den Eltern abgewiesen zu werden, aber lässt zur Sicherheit auch andere Leute nicht an sich heran, ist noch viel mehr allein als vorher. Wenn es clever ist, organisiert es sich Ablenkung und Ersatzbefriedigung, indem es vielleicht sportlich oder künstlerisch gut wird – aber was, wenn dann Corona kommt und all das unmöglich wird? Da kann man schon in ein Loch fallen.

Ein Thema sind auch immer wieder Essstörungen, die sich verschlimmern. Können Sie das bestätigen?

Das kann schon ein Thema sein. Man isst plötzlich mehr oder aber weniger. Für viele ist essen ein wichtiges Mittel, in schwierigen Zeiten zurechtzukommen. Je stärker es das ist und je mehr andere Mittel wegfallen, desto mehr wird man zunehmen. Das trifft Erwachsene wie Jugendliche.

Weshalb ist das so?

Es geht darum, ob man etwas bewirken kann oder eben nicht. Wirksamkeit braucht aber Aussenwelt. Fällt diese weg, schrumpfen die Möglichkeiten, sich stark und wirksam zu fühlen. Beim eigenen Körper hingegen redet einem niemand rein, da kann niemand über einen bestimmen. Das kann gefährlich werden. Erst dann würde ich das Essstörung nennen; vorher hat es ein Ausmass, mit dem wir uns alle herumschlagen müssen.

Was tun Sie persönlich gegen die Tücken der Corona-Zeit?

Ich fahre immer mit dem Velo zur Arbeit und kann dabei auch mal über Autofahrer fluchen. Fluchen ist wunderbar. Und eben am besten kombiniert mit Velofahren, wenn ich meine Stärke spüre (lacht). Und ich tausche mich mit anderen aus. Spazieren zu zweit ist Balsam. Nicht nur jetzt. Ich kann aber auch ziemlich gut allein sein.

Wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre persönlichen Feiertage aus?

Wir haben Familie in Deutschland, wollten nach Hannover fahren, bleiben jetzt aber zuhause. An unserem Alltag hier wird sich nicht viel ändern. Natürlich hoffe ich, nicht ein drittes Mal in Quarantäne gehen zu müssen.

Hat sich die Bedeutung von Weihnachten durch die Pandemie verändert?

Ja, Weihnachten ist dieses Jahr für viele Leute noch bedeutsamer als sonst, weil wir auf vieles verzichten mussten und hoffen, jetzt ein kleines bisschen nachholen oder aufwiegen zu können. Das erhöht die Spannung. Was droht, ist: Wir wollen viel, verstecken vor uns selber und den andern das, was nicht gut ist, nehmen uns zusammen, und irgendwann klöpft’s.

Haben Sie Tipps, wie man Weihnachten dieses Jahr trotz allem harmonisch gestalten kann? Oder trotz Einsamkeit gut überstehen kann?

Ja: Skypen, telefonieren. Und Tagebuch schreiben. Das klingt verstaubt, ist aber etwas Wunderbares. Zettel und Handy gehen auch. Einfach seine Gedanken aufschreiben, alles, was kommt: Zu jetzt, früher, später, sich selber, anderen, der Welt – und das dann später wieder anschauen. Und dann das, was einem zu einem späteren Zeitpunkt dazu durch den Kopf geht, wieder aufschreiben.

Das macht einen aber nicht unbedingt weniger einsam.

Einsam sein hat äussere Ursachen, ist aber immer auch selber gemacht, und das ist gut, weil man es dann auch selber verändern kann. Ich kann es ändern, wenn ich mich jetzt, genau in diesem Moment, getraue, lieber ein bisschen als gar nicht. Man kann auch einen Brief schreiben. Anknüpfen an etwas, was war. Das Wort Einsamkeit beschreibt eigentlich eine Opferposition, ein Ergebnis. Es lenkt ab von dem, was unterwegs wirklich geschehen ist und wie es sich anfühlt. Deshalb ist es auch gut, bewusst Beziehungen zu festigen, sofern wir das möchten. Einander zuhören. Nicht fragen: «Geht’s gut?» Sondern: «Wie geht es dir?» Und dann warten. Und nochmals nachfragen. Oder jemandem etwas sagen, was man schon lange sagen wollte. Das braucht Mut. Man weiss nicht, was jetzt passiert. Aber wenn man es nicht sagt, steht immer etwas dazwischen, eine Mauer, ein luftleerer Raum.

Und wenn man gar keinen Kontakt haben möchte?

Ist auch gut. Allein hinausgehen, zu Fuss oder auf dem Velo, künstlerisch tätig sein, Yoga machen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Man sollte versuchen, irgendwo klein anfangen, jetzt.

Meistgesehen

Artboard 1