«Fummel» hat er seine Kleider immer genannt. Denn Fred Spillmann habe immer eine relativ deftige Sprache gehabt, nie ein Blatt vor den Mund genommen. Am Sonntag wäre der berühmteste Couturier Basels 100 Jahre alt geworden. Um mehr über ihn zu erfahren, hat sich die bz mit seiner Nichte, Daniela Spillmann, getroffen.

«Wir hatten eine relativ enge Beziehung», erzählt sie beim Treffen in ihrem Lagerraum, der früher das Lager ihres Onkels war. «Ich habe ihn, seit ich klein war, hautnah erlebt.» Jeden Sonntag traf sich die Familie Spillmann, um zusammen zu essen. «Das war Tradition», sagt sie. Doch wirklich begriffen hat die Tochter des kleineren Bruders von Fred Spillmann damals noch nicht, was für ein Genie ihr Onkel war. «Das mit seinen Designs habe ich erst in der Pubertät realisiert.» Ab dann habe sich das ohnehin schon gute Verhältnis der beiden noch vertieft.

«Als ich 18 war, hat er angefangen, mich auf Partys mitzunehmen. Das war irrsinnig», erzählt Daniela Spillmann. «Doch gegen 23 Uhr hat er mich immer nach Hause geschickt, weil er mich beschützen wollte.» Das sei typisch für den Privatmensch Fred Spillmann gewesen. War er gegen aussen hin ein Paradiesvogel, stets schrill gekleidet, mit Plateau-Schuhen, Perücken und ausgefallenen Brillen, war er zu Hause ganz anders. «Immer wenn er nach Hause kam, hat er seine Perücke abgenommen, seine Schuhe ausgezogen, und dann war er ein ganz kleiner, feiner Mann. Nicht gross, schlank, mit blonden, kurzen Haaren.» Die extravaganten Outfits, die er trug, wenn er durch die Stadt flanierte, gehörten zu seiner Rolle. «Er hat mir mal erzählt, dass er stets perfekt gestylt sein wolle. Er habe sich diese Rolle erschaffen, und mache das auch gerne», erzählt Daniela Spillmann mit einem Lächeln. Im Gespräch lacht sie immer wieder, herzhaft, fast mit Tränen in den Augen. Es sind Tränchen der Freude. Sie hat viel mit ihrem Onkel erlebt, und das spürt man. «Er war ein sehr feiner Mensch. Uns hat viel verbunden.»

Nicht nur Onkel, auch Chef

Nur wenige kannten ihn so gut wie seine Nichte. Sie arbeitete auch als Model für ihn, lernte ihren Onkel also auch als Chef kennen. «Er war unglaublich anstrengend als Chef. Er war ein Perfektionist, liess nichts durchgehen.» Als Daniela Spillmann einmal zu einer Anprobe erschien, war sie in der sechsten Woche schwanger. Zu sehen war noch nichts, das Kleid passte noch immer perfekt. Doch ihrem Onkel fiel es auf. «Er hat alles gesehen. Er hakte nach, bis ich es ihm erzählte. Er war einfach unglaublich.»

Für die Öffentlichkeit war er aber stets der Paradiesvogel, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Er war nicht regelkonform, fiel auf. Er war ein Rebell, flog mehrmals von der Schule. Er lebte in einer Wohnung, die komplett rot war. Und dazu war er auch noch ein bekennender Schwuler. All dies machte ihn zum Gespräch. Doch viel spannender sind seine einzigartigen, komplett von Hand genähten Kreationen. Spillmann konnte alles: Von Alltagskleidern bis hin zu feinster Haute Couture, er konnte alle Sphären der Modewelt bedienen. Sein Markenzeichen wurden die sogenannten Bändelikleider, die er in Perfektion entwarf. Während er in Basel jedoch für seine Mode – jedenfalls bis zu seinem Tod im Jahre 1986 – nie genügend anerkannt wurde, war er im Ausland ein Star. Zu seinen illustren Kundinnen gehörten Josephine Baker, Marlene Dietrich oder Grace Kelly. Sie alle liebten die Eleganz seiner Stücke, gepaart mit Kreativität und Extravaganz. Und sie waren wichtiger, als viele denken: «Seine ausländischen Kundinnen haben ihn über Wasser gehalten, mit den Baslerinnen alleine wäre das nicht gegangen», weiss Daniela Spillmann.

Chance New York ausgeschlagen

Und es war auch das Ausland, das ihn prägte. Mit 16 Jahren besuchte er in Berlin die Reimann-Schule, lernte Mode von der Pike auf, bevor er bei der grössten Koryphäe der Pariser-Modeszene, Elsa Schiaparelli, zu dem Designer gemacht wurde, der er danach war. Spillmann hatte auch die Chance, ein noch grösserer zu werden. Mammie Gonthard, die milliardenschwere Besitzerin der Anheuser-Busch-Werke, die er in Berlin kennenlernte, überredete ihn, nach New York zu gehen. «Sie bewegte sich in der Upper Society und wollte ihn ganz gross raus bringen, er dürfe nur nie etwas mit einem Schwarzen anfangen», erzählt Daniela Spillmann. Und auf diesen Deal wollte sich Fred Spillmann nicht einlassen. «Er war ein Sturkopf, wie alle Spillmänner. Er hat Mammi Gonthard gesagt, dass er mache, was er wolle, und wenn dies sei, etwas mit einem Schwarzen anzufangen, dann tue er das auch.» So verzichtete er auf seinen eigenen Laden – an der 5th Avenue in New York.

Und egal wohin ihn seine Reisen brachten, Spillmann kehrte ohnehin immer wieder nach Basel zurück. «Er liebte diese Stadt und kam nie von ihr los. Hier konnte er sich selbst sein, hier konnte er seine Homosexualität ausleben.» Und schwul sein, das bezeichnete er selbst als Gabe. «Ich glaube, er war von Geburt an homosexuell», sagt seine Nichte. Dass ihn seine Mutter bis zu seinem dritten Lebensjahr zu einem Mädchen erziehen wollte, hat vielleicht auch seinen Teil beigetragen.

Neben Basel war es die Zeit in Paris, die sein halbes Jahrhundert in der Modebranche prägte. Von der ersten Show im Jahr 1937 bis zu seiner letzten, die er selber jedoch nicht mehr erlebte. Drei Tage zuvor, am 18. September 1986, erlag er einer Lungenembolie.

Tod als Erlösung

Doch Paris war nicht nur für sein modeschöpferisches Leben immens wichtig. Denn dort begegnete er auch seinem Lebenspartner, André Péquillet. Bis zu Spillmanns Tod waren die beiden zusammen. «Freddi», wie Daniela Spillmann ihren Onkel nennt, sei von Anfang an Feuer und Flamme für «Pequi» gewesen. Er machte alles ganz oder gar nicht. Und auch deshalb hat Fred Spillmann viel erlebt. «Er lebte exzessiv. Er schlief jeden Tag bis 14 Uhr, dann begann er im Salon zu arbeiten», erzählt Daniela Spillmann. Seine Kreationen, die hat er erst nachts entworfen, bis in die frühen Morgenstunden. «Er war eben ein Enfant terrible», sagt seine Nichte. Das habe sie mit ihrem Onkel verbunden. Genauso wie die Tatsache, immer alles wissen zu wollen. «Er war sehr belesen, war spannend, und hatte so viele Geschichten auf Lager.» Er habe in seinen 72 Jahren wahrscheinlich so viel erlebt, wie andere in 150 Jahren erleben würden. «Es war einfach immer herrlig, mit ihm zusammen zu sein», schwärmt sie. Und dennoch sagt sie, dass es für ihn vielleicht gut war, dass er mit 71 sterben durfte. «Er hatte einen solchen Sinn für Ästhetik, dass er Mühe damit hatte, alt zu werden.» Er sei ein unglaublich feiner Mensch gewesen. Daniela Spillmann hat wunderschöne Erinnerungen an ihren Onkel. Und wenn die mal nicht reichen, hat sie in ihrem Lager noch ein paar Kleider von Fred Spillmann. «Seine Kleider waren Kunst.» Für den Künstler selbst blieben sie aber bis zum Schluss nur eins: seine «Fummel».