Michel Brunner ist den Baumriesen auf der Spur: Seit über einem Jahrzehnt streift der Zürcher in ganz Europa durch Wälder und Wiesen, vermisst und lichtet mächtige, alte und kuriose Bäume ab. Nun ist er in Basel auf ein biologisches Superlativ gestossen: Mitten im Gundeldinger-Quartier an einer verkehrsreichen Strasse steht mit einem Umfang von über 3,1 Meter der vermutlich dickste Quittenbaum der Welt. Mit seinem stark aufgesplitteten Stamm und den stolzen goldgelben Früchten ist der Baum eigentlich kaum zu übersehen. Wegen seiner Lage im engen Vorgarten eines Jugendstil-Altbaus wird diese pomologische Perle allerdings kaum beachtet. Der Eigentümer staunte jedenfalls, als er kürzlich von Brunner darauf aufmerksam gemacht wurde.

Brunner schätzt das Alter des Baums auf rund 175 Jahre. «Für eine Quitte ist das äusserst bemerkenswert.» Bei hohlen Bäumen lässt sich das Alter nicht via Jahrringe exakt bestimmen, sondern man muss es aufgrund des Stammumfangs und des Standorts schätzen. Ob das Basler Exemplar tatsächlich jenes mit dem grössten Umfang weltweit ist, wagt er nicht mit letzter Sicherheit zu behaupten. Allerdings: Als Verfasser zahlreicher Bücher über Baumriesen verfolgt er auch die internationalen Forschungsergebnisse. Gemäss dem Online-Inventar Monumental Trees steht der grösste bisher registrierte Quittenbaum irgendwo in Frankreich und hat einen Umfang von 1,9 Metern.

Nummer 2 steht in Gelterkinden

Neben der Rekord-Quitte im Gundeli ist Brunner noch an anderen Orten in der Region auf stolze Exemplare gestossen, so in Gelterkinden, Kilchberg und Magden. Mit wenigen Ausnahmen stehen die ältesten und mächtigsten Quitten der Schweiz im Baselbiet. Laut dem Baumforscher liegt das auch daran, dass in unserer Region Obstbäume seit Jahrhunderten einen grossen kulturellen Stellenwert geniessen und entsprechend gefördert werden.

Gut möglich, dass die aus dem Kaukasus stammende Cydonia – so ihr lateinische Name – bereits früh von einem baumkundigen Pionier nach Basel gebracht wurde. Im Alpenraum stosse er kaum je auf so alte Obstbäume – alleine deshalb, weil dort ein raueres Klima herrscht. Demgegenüber ist das milde Klima der Region Basel für das Wachstum der Quitten sehr förderlich.

Derzeit im Labor

Brunner spürt die alten Obstbäume freilich nicht nur zum Spass auf: Je älter ein Exemplar, desto grösser ist die Chance, dass es sich um eine alte, seltene Sorte handelt, die robust ist gegen Krankheiten. Ob der Rekord-Baum eine seltene Sorte ist, lassen Brunner und die Vereinigung Fructus zur Förderung alter Obstsorten derzeit im Labor untersuchen. Wird im Labor die Quitte aus dem Gundeli tatsächlich als neue, bisher nicht inventarisierte Sorte deklariert, «wäre das eine Sensation», frohlockt Brunner. In diesem Fall möchte er diese Sorte mit dem Namen «Basilia» eigens der Stadt Basel widmen. Eine solche Deklaration wäre zudem generell für den Obstbau bedeutend: Die Quitten sind wegen fehlender Wirtschaftlichkeit, der Verstädterung und diverser Pflanzenkrankheiten bedroht; sie könnten gar in nicht ferner Zukunft ganz von der Bildfläche verschwinden.

Alte, robuste Sorten gesucht

Die aggressive Bakterienkrankheit Feuerbrand macht vielen Bäumen den Garaus, zudem sorgt ein Pilz, die Quittenblatt-Bräune, für grosse Ernteverluste. Auch der Baum im Gundeli ist von dem Pilz befallen, wie Brunner festgestellt hat. Allerdings gehe der Baum offensichtlich gut mit der Krankheit um: «Wir könnten uns gut vorstellen, dass diese Quitte robuster und zäher ist, weil es sich um eine alte Sorte handelt.» Noch besser wäre es freilich, man würde eine Sorte finden, die resistent ist gegen die Quittenblatt-Bräune und den Feuerbrand. Damit könnte auch auf das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln verzichtet werden. Im Auftrag von Fructus sucht Brunner deshalb nach weiteren alten Quittenbäumen in der Region.

Michel Brunner bittet die Eigentümer von Quittenbäumen um Mithilfe: Gesucht sind Bäume, die mindestens 70 Jahre alt sind und deren Umfang einen Meter über dem Boden mindestens 1,3 Meter beträgt. Meldungen an: lindenbaum@gmx.ch