Am Donnerstagmorgen um vier Uhr hatte auch er genug. Nach dem End-streich genehmigte sich Mathias Brenneis mit seinen Cliquenkollegen noch das traditionelle Zmorge in der Breo-Beiz, dem Fasnachtsquartier der Studentenverbindung Zofingia. Anschliessend gönnte man sich noch einen «Charakterbecher» vulgo Bier und legte sich schlafen. «Nach drei Tagen ist auch gut», sagt Brenneis und lacht. Wohlwissend, dass ihn seine Liebe zur Basler Fasnacht bereits am Samstag nach der Fasnacht wieder einholen wird. Dann veranstaltet er jeweils den Kehrus-Ball im Hotel Basel. 200 Gäste, alle mit Einladung – so lässt sich die Fasnachtswoche ausklingen.

Die Fasnacht, das ist «einfach das Schönste, das es gibt», meint Brenneis. «Es ist jedes Mal, als sei man frisch verliebt.» Entsprechend zelebriert der 36-Jährige seine Leidenschaft auch. Obwohl er selber an den drey scheenschte Dääg nicht trommelt, hat er in der Clique die beste Präsenz bei den Trommelstunden.

Während der Fasnacht selber ist Brenneis praktisch rund um die Uhr uff dr Gass. Am Montag und Mittwoch ist er als Tambourmajor seiner Clique onYva und am Dienstag bei den Ruesser unterwegs. Den fehlenden Schlaf kompensiert er dann auch mal mit einem halbstündigen Power Nap beim Nachtessen.

Schon in den Wochen vor der Fasnacht hat sich ein voller Terminkalender angesammelt. Zwei Wochen lang stand er selber auf der Bühne. Beim Charivari hat er seit mehreren Jahren jeweils einen viel beachteten Soloauftritt. Die Idee des Raamestiggli ist immer die gleiche: Brenneis gibt einer Randfigur der Basler Fasnacht die Möglichkeit, mal ihre Sicht der Dinge auf der grossen Bühne zu erzählen. Helgebueb, Vorträbler, Tambourmajor und heuer einen ehemaligen, leicht zwielichtigen Trommelkönig hat er schon verkörpert. Dabei kombiniert Brenneis Wortspiele, Reime und Lieder in teils atemberaubender Geschwindigkeit.

Bei Brenneis zeigt sich eine Eigenart der Stadt Basel. Durch die «drey scheenschte Dääg» kann man hierzulande einen gewissen Promi-Status erreichen. Egal wen man fragt, als erstes beim Name Mats Brenneis kommt immer gleich die Assoziation Fasnacht. Von Beruf ist Brenneis Anwalt bei der grössten russischen Finanzinstitution Sberbank in Zürich. Ein beachtlicher Teil seines Netzwerkes und seines Freundeskreises gründen aber in der Fasnacht. Auch seine Partnerin pfeift in der gleichen Clique.

Fasnachtsberühmtheiten

«Pseudo-Daig» nennen das böse Zungen. Tatsächlich gibt es eine Reihe Beispiele, wie man in Basel rund um die Fasnacht eine Karriere begründen kann. Karl Schweizer war eine solche Figur. Der 2015 verstorbene Riehener Advokat erlangte mit seinem Schnitzelbangg «Striggede» und ihrem Refrain «Und yneschtächen, ummeschloo, duurezieh und aabeloo» Kult-Status.

Später rief er den «Striggede-Ball» ins Leben, ein glamouröses Diner am Fasnachtsdienstag, bei dem auch SVP-Doyen Christoph Blocher immer wieder gerne auftauchte. In Blochers Partei wurde Schweizer denn nach mehreren erfolglosen Kandidaturen bei der LDP auch in den Grossen Rat gewählt. Auch beruflich war Schweizers Karriere eng mit der Fasnacht verbunden. Er war Chef der Abteilung Art Banking der UBS. Die Geschicke der Bank leitete damals Marcel Ospel, ebenfalls Stammgast am Striggede-Ball, ein guter Freund Schweizers und langjähriger Tambour bei den Revoluzzer.

Auch Tattoo-Chef Erik Julliard, ein guter Freund von Mathias Brenneis, war zuerst in der Fasnachtsszene bekannt. Aus seiner Leidenschaft fürs Trommeln entstand das Top Secret Drum Corps, welches vor zehn Jahren ins Musikfestival Basel Tattoo mündete, welches mittlerweile jedes Jahr rund 100 000 Zuschauer anlockt. Seit einigen Jahren organisiert Julliard auch das Glaibasler Charivari. Er war es auch, der Brenneis zur Vorfasnachtsveranstaltung holte, nachdem er ihn am Zofingerconzärtli erlebt hatte. Und auch zum Tattoo: Dort absolviert Brenneis, der im Range eines Oberleutnants steht, als Verbindungsoffizier seine letzten WK.

Zur Gilde der Fasnachtsberühmtheiten zählen könnte man weiter LDP-Grossrat André Auderset. Er war als Schnitzelbangg bekannt, bevor er seine politische Karriere startete. Das gleiche Muster zeigt sich auch bei Parteikollege René Häfliger, der bei den Bebbi Fasnacht macht und als Freiberuflicher seine gesamte wirtschaftliche Existenz auf seinem Netzwerk aufbaute.

Auffallend an all diesen Beispielen: Der Typus Fasnachtspromi steht politisch der LDP nahe. Auch Brenneis ist Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei und hat vergangenen Herbst für das Basler Parlament kandidiert. Seine Antworten bei der Online-Wahlhilfe Vimentis zeichnen das Bild eines Befürworters einer harten Linie wenn es um das Rechtssystem, die Armee oder die Ausländerpolitik geht. «Ich bin ein Konservativer», sagt Brenneis auch.

Bei den Grossrats-Wahlen landete er irgendwo im Mittelfeld. «Meine Kandidatur war vor allem eine Gefälligkeit für Conradin Cramer», sagt er rückblickend. Auch der Erziehungsdirektor gehört zum Freundeskreis von Brenneis. Kennen gelernt haben sich die beiden in der Studentenverbindung Zofingia und standen beim Conzärtli auch schon zusammen auf der Bühne. «Er ist extrem kreativ und energiegeladen», sagt Cramer. «Es ist beeindruckend, wie ihm alles gelingt.»

Nie um einen Vers verlegen

Seinen Status in der Fasnachtsszene hat sich Brenneis mit viel Einsatz und Enthusiasmus erarbeitet. «Der Vater Ostschweizer, die Mutter aus Füllinsdorf – eine herzlich schlechte Kombination um Fasnächtler zu werden», meint er lakonisch. Doch als ihn der Bappe – seines Zeichens ehemaliger Werkleiter bei Roche – mit drei Jahren mit an den Morgenstreich nimmt, ist es um den Sohnemann geschehen.

Trotzdem gestaltet sich der Weg zum Vollblutfasnächtler steinig: «Zuhause hatten wir gerade ein Klavier angeschafft. Da hiess es: Jetzt wird sicher nicht getrommelt!» Zur Fasnacht gelangt Brenneis durch seine Sprachkünste: Mit sieben trug er die ersten Schnitzelbänke vor der Schulklasse vor. Später feilte er zusammen mit seinen Kumpels an den Versen und übte sich im Freestylen. Die Kollegen gründeten Brandhärd, eine der erfolgreichsten Rap-Formationen aus der Region. Bei Brenneis blieb es bei einem kurzen Intermezzo als «Mats vom Barfüsserplatz».

«Er war noch nie um einen Reim verlegen. Auch bei Geburtstagspartys hatte er immer ein paar Verse parat», erinnert sich Rapper Fetch an die gemeinsame Jugend. Die Freundschaft hat gehalten: Während Brenneis bei den Brandhärd-Konzerten noch immer in der ersten Reihe steht, machen die Hip-Hopper bei ihm in der Clique mit.

Das Gemeinsame sei auch etwas vom Schönsten am Fasnachtmachen, sagt denn auch Brenneis. «Die Liebe zur Fasnacht verbindet die verschiedensten Leute. Das kenne ich so sonst nicht.» Entsprechend freue er sich auch sehr auf die bevorstehenden Bummelsonntage. Danach ist aber definitiv fertig mit Fasnacht. «Etwa bis im Mai, dann nimmt die Sehnsucht wieder überhand.»