Gregor Brändli wohnt in einer Bäckerei. Wo früher Schaufenster und Laden waren, hat er sich ein kleines Fotostudio eingerichtet. Und weiter hinten, wo früher Teige geknetet und Zöpfe geflochten wurden, isst, schläft und arbeitet er. Nach ihm werde der Vermieter diese Räume mit Hinterhofatmosphäre vermutlich als Büro ausschreiben. «Hier will ja niemand wohnen», soll er gesagt haben. Daraus, dass Gregor Brändli genau dies tut, gerne tut, scheint ein Vermieter nicht auf weitere Menschen schliessen zu wollen.

Wahrscheinlich spürt sogar ein Vermieter, dass Gregor Brändli ein eigenartiger Mensch ist. So zurückhaltend und scheu wie fantasievoll und talentiert. Seine Fotografien sind durchdacht, präzis und perfekt beleuchtet. Seine Musikvideos haben in ihrer Unaufgesetztheit etwas Besonderes. Seine Werbefilme oft einen leichten, liebevollen Humor. Wenn man sich seine Werke auf seiner Webseite anschaut, versteht man, warum der 27-Jährige den Basler Kulturförderpreis gewonnen hat.

Lehre statt Studium

Bäcker ist ein solides Handwerk. Genau so begreift Gregor Brändli auch die Fotografie: als Handwerk, das man lernen und perfekt beherrschen muss. «Ich wollte nicht Fotografie studieren, ich wollte eine Lehre machen.» Dass es Fotografie sein müsse, war ihm immer klar. Vielleicht wegen seines geliebten Grossvaters. Dieser sei ein Leben lang Handwerker gewesen. Er trug auch stets eine Kappe – wie der Enkel heute – und eine Kamera. «Ich habe es faszinierend gefunden, dass jemand so einfach und zufrieden sein kann», sagt Gregor Brändli.

Faszination Licht

Erst jetzt, nach bald sechs Jahren als Fotograf, habe er langsam das Gefühl, dieses Handwerk in den Griff zu bekommen. Das Licht übe eine endlose Faszination auf ihn aus: wie es entsteht, wie man es draussen nutzen kann, wie man es im Studio reproduzieren kann. «Ich bin jedes Mal wieder von Neuem aufgeregt und frage mich: Kriege ich das Licht hin?» Als grosses Vorbild dient Brändli der spanische Altmeister Francisco de Goya; in einer Porträt-Serie fotografiert er Menschen im Stil eines Goya-Gemäldes, mit dem typischen, schwarzen Hintergrund.

Gregor Brändli hat keine Angst vor der Dunkelheit. Die Fotoaufnahmen für das neue Album «Digger» der Basler Band «The Bianca Story» fanden unter Tag statt. Fotograf und Musiker begaben sich in einen Baselbieter Stollen, in dem früher Kalk abgebaut wurde. Sie hätten sich gefühlt wie in einem Indiana-Jones-Film, erzählt Brändli. Sogar die alten Wägelchen seien noch dort gewesen. Als einzige Lichtquelle dienten ihm die Laternen auf den Fotos. Dreckverschmiert blicken dem Betrachter die fünf Bandmitglieder als Minenarbeiter oder Goldsucher entgegen. Organisch mag es Brändli auch bei den Musikvideos. Er sei auf der Suche nach neuen Formen.

Die MTV-Konvention gefällt ihm nicht: Lieder zu bebildern; mit Sängern, die ihre Lippen zu ihren Liedern bewegen. Beim Schweizer Musiker James Gruntz hat er etwas Neues probiert: Das Musikvideo «Closer» ist eine Liveaufnahme in Gruntz’ echtem Proberaum, aber inszeniert als kleines Heimkonzert mit einem Publikum, das einem David-Lynch-Film entstammen könnte. Zwillinge drehen synchron ihre Köpfe, ein Mann läuft mittendrin hinaus, einfach so. Brändli mag «so kleine, skurrile Geschichten, wie sie das Leben schreiben.»

Video mit Jello-Meier

Jüngst hat er auch mit Yello-Frontmann Dieter Meier ein Video gedreht – «ein ganz unkomplizierter Typ». Er schneidet Giacun Caduffs nächsten Film «20 Regeln für Sylvie». Und er wird eine Schweiztour unternehmen, um Landschaften und Räume zu filmen, während er diese mit der neuen Platte der Schweizer Jazzband Rusconi live beschallt. Bald wird man in Basel sogar auf einer Grossleinwand sehen können, wie diese Platte an anderen Orten klingt: Am 14. April zeigt das Stadtkino Basel dieses Musikvideo eines ganzen Albums.

Gregor Brändlis Grossvater war wohl auch deshalb so präsent, weil sein Vater es nicht war, nicht sein konnte. Während 25 Jahren wurde sein Vater mit Medikamenten zur Behandlung einer Schizophrenie ruhiggestellt. Bis sich herausstellte, dass die Diagnose von Anfang an falsch gewesen war.

Eigenwillige Sicht

Brändli machte das Schicksal seines Vaters im Theaterstück «Honegger» der Gruppe Glück zum Thema. Es zeigt seinen Versuch, sich von so einem Unglück nicht nur runterziehen zu lassen, sondern gar «Positives und Lustiges» darin zu finden. Es sei «nicht alles immer nur schlecht» an etwas Schlechtem, sagt Brändli. Und es ist wohl genau diese höchst eigenwillige Sicht auf sich und die Welt, die seine Arbeit im Kern so besonders macht. Brändli ist das Gegenteil eines Blenders. Ein stiller, bescheidener Schaffer. Hinter der Kamera fühlt er sich wohl, vor der Kamera höchst unwohl.

Und was hat Gregor Brändli für Träume für seine berufliche Zukunft? Dass einmal alles zusammenkomme, das Schreiben, die Porträts und das Filmen, zu «einem abendfüllenden Spielfilm», sagt er. «Aber das kann auch erst in 20 Jahren sein.»

www.gregorbraendli.com