Rheinüberwachung

Der einst grössten Kloake Europas geht es wieder gut

Seit dem Chemieunfall von Schweizerhalle im November 1986 überwacht die Station die Qualität des Wassers

Seit dem Chemieunfall von Schweizerhalle im November 1986 überwacht die Station die Qualität des Wassers

Seit über 20 Jahren schlägt die Überwachungsstation in Weil am Rhein bei Wasserverschmutzungen Alarm. Gestern wurde in Weil am Rhein das Jubiläum der binationalen Rheinüberwachungsstation gefeiert.

Am Anfang stand der Chemieunfall von Schweizerhalle im November 1986. «Im Nachhinein hatte das auch sein Gutes. Es war eine Initialzündung für den Gewässerschutz», analysiert Peter Fuhrmann, Leiter der Abteilung Wasser und Boden im baden-württembergischen Umweltministerium.

Heute geht es dem Rhein, einst als grösste Kloake Europas verschrien, wieder gut. Erheblich dazu tragen die sieben Überwachungsstationen bei, die zwischen Basel und der niederländischen Grenze (siehe Grafik) rund um die Uhr die Wasserqualität kontrollieren und bei einer Verunreinigung Alarm schlagen, um diese zu stoppen.

Bilderbuchkooperation

Gestern wurde in Weil am Rhein das Jubiläum der binationalen Rheinüberwachungsstation (RÜS) gefeiert, die vor gut 20 Jahren, am 24. September 1993, eingeweiht worden war. Matthias Nabholz, Leiter des Basler Amts für Umwelt und Energie (AUE), lobte in seinem Vortrag «die Bilderbuchkooperation zweier Länder». Die Franzosen wollten sich an dem Projekt damals nicht beteiligen.

Die jährlichen Kosten von 1,2 Millionen Euro werden zu gleichen Teilen vom Land Baden-Württemberg und dem Bund beziehungsweise dem Bundesamt für Umwelt, getragen. Für den Messbetrieb ist mit 500 Stellenprozenten das Basler AUE zuständig.

Nabholz verdeutlichte die grosse Bedeutung, die die Schweiz für die Wasserqualität des Rheins habe – Verantwortung, der sie sich sehr bewusst sei. «20 Millionen Menschen beziehen ihr Trinkwasser aus dem Rhein. Dabei fliessen 64 Prozent der Schweizer Oberflächenwasser über Basel ab, 75 Prozent des in der Schweiz gereinigten Wassers fliessen in den Rhein.»

150 000 Liter pro Stunde

Die Weiler Messstation befindet sich unterhalb der Palmrainbrücke, die von Weil am Rhein nach Village-Neuf (F) führt (siehe Kreis rechts), und somit wenige hundert Meter von der Schweizer Grenze. Hier wird auf der ganzen Flussbreite an fünf Stellen Wasser entnommen. Pro Stunde sind das 150 000 Liter, aus denen dann die jeweiligen Proben stammen. Im Jahr kommt man auf die beeindruckende Zahl von
1,3 Millionen Kubikmeter Wasser, die die Messstelle durchlaufen.

Tritt eine Verunreinigung auf, kann festgestellt werden, ob diese von der Birs, der Wiese, einer der beiden Kläranlagen oder vom Oberlauf des Rheins kommt – also von Einleitungen nördlich des Wasserkraftwerks Birsfeldens. In letzterem Fall helfen Wasserproben aus dem Baselbiet oder dem Aargau, den Einleitungsort zu definieren.

«Die Überwachungsstationen leisten einen wichtigen Beitrag für den Erhalt des Lebensraums Rhein. Die Schadstoffkonzentration wurde erheblich reduziert», betonte Peter Fuhrmann und fuhr aber fort: «Heute stellen sich mit den Rückständen wie von Medikamenten und Kontrastmitteln, Hormonen, Deos und Waschmitteln neue Herausforderungen.» Fuhrmann sah hier ein Spannungsfeld und fragte: «Bringt eine Firma ein Medikament auf den Markt, wenn es für die Gewässer eine Belastung ist?»

42 Tonnen Süssstoff

2013 wurden im Rhein bei Basel noch mehr als 100 Tonnen organische Mikroverunreinigungen festgestellt. Allein von dem verbreiteten Süssstoff in Nahrungsmitteln Acesulfam passieren pro Jahr 42 Tonne den Fluss. Der Süssstoff verlässt den menschlichen Körper wie auch die Kläranlagen weitgehend unverändert.

Da ein Grossteil der Mikroverunreinigungen aus kommunalen und industriellen Kläranlagen kommt, hat die Schweiz im Frühjahr 2014 die Aufrüstung der 100 grössten Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe beschlossen.

Entnommen wird das Wasser an der Überwachungsstation, die eigentliche Analyse erfolgt dann aber in Basel bei der AUE unter Einsatz modernster Analysetechniken. Dort steht zum Beispiel ein Flüssigmessgerät, das 800 000 Franken gekostet hat.

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