Christian Streich (47) ist ein höflicher Mensch. «Ich will niemanden übersehen, deshalb befinde ich mich auch ständig in einer Grundspannung.» Der Trainer des SC Freiburg, der in der vergangenen Saison mit dem 5. Platz in der Bundesliga das beste Ergebnis seit Bestehen des Clubs erreicht hat, ist in Deutschland für seine Unangepasstheit und die Extrovertiertheit am Spielfeldrand ebenso bekannt wie dafür, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt.

Diese Eigenschaften und der Erfolg haben zu einem regelrechten Medien-Hype um Streich geführt. Das hat Folgen. «Ich werde heute überall in Deutschland erkannt. Wenn mich jemand anspricht, antworte ich ihm. Das gehört sich so. Das haben meine Eltern mir so beigebracht.» Anders sei es in Basel, im Elsass oder in Südfrankreich: «Dort erkennt mich niemand.» Das sei manchmal schon ungewohnt.

Deutscher Meister mit A-Jugend

Im Dezember 2011 hatte Streich den Cheftrainerposten in Freiburg übernommen, zu einem Zeitpunkt, als der SC auf einem Abstiegsplatz stand und unter Trainer Marcus Sorg nur drei Siege aus 17 Spielen geholt hatte. Vorher war Streich schon vier Jahre lang Co-Trainer und hatte 16 Jahre mit viel Erfolg die A-Junioren trainiert, mit denen er einmal Deutscher Meister und drei Mal Pokalsieger geworden war. Mit Streich gelang es, den Abstieg zu vermeiden. Der SC beendete die Saison auf einem sicheren 12. Platz.

Streich brachte das Freiburger Kurzpassspiel zurück und holte von den Jugendspielern zehn in das Bundesliga-Kader. «Die wussten schon alles, was ich von ihnen erwarte», erklärt er den Erfolg. Beinahe wäre dieser in der Saison 2012/2013 noch grösser geworden. Am letzten Spieltag hatten es die Freiburger in der Hand, mit einem Heimsieg gegen Schalke 04 gar den 4. Platz zu erreichen. So hätten sie um die Qualifikation der Champions League spielen können.

Erfolg bei anderem Heimspiel

Die 1:2 Niederlage liess diese Träume platzen. Jetzt spielt Freiburg in der Europa League; immerhin galt der budgetschwache Club vorher als Abstiegskandidat. Streich hat sich über die Heimniederlage geärgert, ein anderes Heimspiel, das noch vor Saisonende im Weiler Haus der Volksbildung statt fand, konnte er klar für sich entscheiden. In der Reihe «Weiler Gespräche» laden der Südwestrundfunk und die Bürgerstiftung Weil regelmässig «Menschen aus der Region ein, die es geschafft haben», wie der Weiler Oberbürgermeister Wolfgang Dietz definierte.

Dazu gehört eindeutig auch Christian Streich. Er ist in Weil geboren und wuchs einige Kilometer nördlich in Eimeldingen auf. Das Gespräch mit SWR-Redaktor Matthias Zeller war so gut besucht, dass mehr als 100 Interessenten keinen Einlass mehr in den Veranstaltungssaal erhielten.

Ein Spiel wird zu Ende gespielt

Streichs Eltern führten in Eimeldingen eine Metzgerei. «Wir hatten mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Das hat mich geprägt.» Gekickt hat er schon als Bub. «Ich bin immer dreckig nach Hause gekommen. Mein Vater hatte ein ziemliches Organ. Wenn er mich rieft, haben wir das Spiel immer zu Ende gespielt. Mittendrin gehen, das geht nicht.»

In der Schule habe er immer so viel gemacht, wie nötig war. Später holte Streich auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte Germanistik, Sport und Geschichte. Von 1983 bis 1994 spielte Streich aktiv Fussball und stieg 1989 mit dem FC 08 Homburg in die 1. Bundesliga auf, wo er zehn Spiele absolvierte. «Damit kann man sich noch nicht als Bundesligaspieler bezeichnen», kommentiert er. Er sei nicht schnell genug gewesen. «Ich habe deshalb damals schon andere Strategien entwickelt, wie man an den Ball kommen kann.» Heute ist Streich für seine akribische, perfektionistische Vorbereitung der Spiele bekannt.

Mit Alemannisch zum FCB

Sein Alemannisch werde er sich wohl nie ganz abgewöhnen. «Ich will das auch nicht, aber ich möchte, dass mich auch jemand in Flensburg versteht.» Das Dialektthema weckte das Interesse einiger Zuhörer. Einer fand, Streich spreche gar kein Alemannisch mehr. Dieser antworte: «Es tut mir leid, aber ich lebe nun mal schon seit 25 Jahren in Freiburg.» Ein anderer riet, den Dialekt beizubehalten, so könne er eines Tages den FCB trainieren. Eben hat Streich den Vertrag mit Freiburg verlängert. Die nächste Saison wird nicht einfach, haben doch finanzkräftigere Clubs dem SC vier tragende Offensivkräfte weggekauft. Das Geld sieht Streich durchaus als Gefahr für den Fussball. Er sagt aber auch: «Das Spiel hat bisher alles überlebt. Soviel Geld ist nur da, weil der Sport so viele interessiert.»