«my baasel»
Der etwas andere Stadtführer: Mit Anita Fetz auf den Spuren der Emanzipation

Die Basler Ständerätin Anita Fetz hat einen neuen Stadtführer geschrieben. Wir haben einen gekürzten Vorabdruck des Rundgangs zu Frauenengagement und Politik. «my baasel» gibt es beim Xanthippe Verlag für CHF 34.80 zu kaufen.

Anita Fetz
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Der andere Blick auf die Stadt: Das Basler Rathaus in der Seifenblase.

Der andere Blick auf die Stadt: Das Basler Rathaus in der Seifenblase.

Jutta Jacobi
Die Ständerätin Anita Fetz als Buchautorin

Die Ständerätin Anita Fetz als Buchautorin

zvg

1 Wohltätigkeit als Zierde der Bürgersfrau

Der Streifzug beginnt beim Spalentor, genauer beim Spalentorweg. In welchem Haus genau sich das Büro des Frauencomités der Stadtmission befand, wissen wir heute nicht mehr. Der Frauenverein der evangelischen Gesellschaft wurde 1862 gegründet. Elise Heiniger (1835–1893) war 1867 die erste Angestellte. Der religiös orientierte Frauenverein kümmerte sich um das Wohl der Arbeiterfamilien und der in Kosthäusern lebenden, unverheirateten Fabrikarbeiterinnen. Engagiert als «Bibelfrau», sollte Elise Heiniger nicht nur praktische Unterstützung anbieten, sondern eben auch das «Wort Gottes» in der Unterschicht verbreiten.

Die Berichte und Tagebucheinträge von Elise Heiniger geben einen tiefen Einblick in die schwierigen Lebensverhältnisse der Arbeiterinnen zu Beginn der Industrialisierung. Sie lebten in engsten und prekären hygienischen Wohnverhältnissen mit mehreren Menschen in einem Zimmer und schufteten für miserable Löhne 60 bis 70 Stunden an sechs Tagen pro Woche.

Männer und Frauen mussten erwerbstätig sein, weil sonst das Geld nicht reichte zum Überleben. Die vielen Geburten und Kinder machten das Leben der Unterschichtsfrauen nicht einfacher. Ihr Leben war das pure Gegenteil von dem, was die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts als Rolle für die Frau vorsah: Mutter und Hausfrau daheim.

my baasel

Die Ständerätin als Buchautorin

Nach «Gene, Frauen und Millionen (1986), «Mut zur Karriere» (1992) und Frauen lernen anders und Anderes» (1994) legt Anita Fetz (*1957) ihr viertes Buch «my baasel» vor. Es erscheint im Xanthippe Verlag, der bereits «miis züri» publizierte und die weiteren Bände «miis lozärn» und «miis paris» vorbereitet. Fetz, seit 2003 Basler Ständerätin, ist studierte Historikerin und schöpft aus diesem Wissen wie aus ihrem breiten Erfahrungsschatz und Bekanntenkreis. Jutta Jacobi hat Basel für das Buch neu fotografiert.

my baasel. Xanthippe Verlag, 2017, 330 Seiten, CHF 34.80

2 Missionieren, christianisieren und Abenteuer erleben: Basler Mission

Nicht weit vom Spalentor, an der Missionsstrasse 21, residiert immer noch die Nachfolgerin der Basler Mission, heute Mission 21 genannt. Das Missionswerk wurde 1815 im Umfeld der Basler Kaufleute gegründet, die weltweite wirtschaftliche Kontakte pflegten. Das Missionswerk hatte den Auftrag, fremde Menschen in aller Welt zu christianisieren. Es entwickelte sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einer einflussreichen Organisation. 1841 erfolgte die Gründung des «Frauenvereins für die christliche weibliche Erziehung in den Heidenländern». Das war die Gelegenheit für einzelne Frauen, allein oder mit ihren Familien in die weite Welt zu ziehen.

Schwerpunktgebiete der Basler Mission waren Südindien, Westafrika, China und Indonesien. Es waren allerdings nicht viele Frauen, die tatsächlich auf Mission gingen. Eine davon war Julie Gundert-Dubois (1809–1885). Sie lernte ihren Mann Hermann Gundert 1837 im südindischen Chittoor kennen. Mit ihm zusammen leitete sie verschiedene missionarische Schulprojekte in Indien. Daneben gebar sie acht Kinder, die zum Teil im Kinderhaus der Basler Mission aufwuchsen. Julie Gundert-Dubois wurde später die Grossmutter von Hermann Hesse.

3 Religiöse Frauenvereine: Jüdisches Museum

Vom Spalentor geht es durch die Spalenvorstadt und dann rechts in die Kornhausgasse 8 zum Jüdischen Museum. Die Geschichte der Jüdinnen in Basel ist hier eindrücklich dokumentiert. Die Direktorin Naomi Lubrich (*1976) hat das 1966 gegründete kleine Museum sanft modernisiert. Es ist das einzige jüdische Museum in der Schweiz und blieb zudem jahrzehntelang auch das einzige im deutschsprachigen Europa. 1834 erfolgte die Gründung des Israelitischen Frauenvereins Basel.

Einer von neun im Buch beschriebenen Streifzügen durch die Stadt Basel.

Einer von neun im Buch beschriebenen Streifzügen durch die Stadt Basel.

zvg

4 Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit: Heuberg

Von der Kornhausgasse geht es zurück und bei der Credit-Suisse-Filiale rechts in den Heuberg: Hier wirkte Lily Zellweger-Steiger (1862–1914). Sie stammte aus dem Appenzell und übersiedelte nach Basel, als ihr Mann hier Chefredaktor der «Allgemeinen Schweizer Zeitung» wurde. Schon in Heiden hatte sie sich im internationalen Bund Freundinnen junger Mädchen engagiert, besser bekannt als «Bahnhofshilfe». Dieses Engagement führte sie auch in Basel weiter. Viele junge Mädchen kamen im 19. Jahrhundert vom Land in die Städte, um als Dienstbotinnen in bürgerlichen Häusern zu dienen. Manche der auf Dienstbotinnen spezialisierten Stellenvermittlungsbüros hatten damals eine verdeckte Nebenfunktion: die Vermittlung von Prostituierten. Das System funktionierte ebenso raffiniert wie hinterhältig: Den jungen Frauen wurden Kost, Logis und Stellenvermittlung in bestimmten Kosthäusern angeboten. Dabei mussten sie sich häufig verschulden und wurden dann zur Zahlung ihrer Ausstände in die Prostitution gezwungen. Diese war zwar verboten, blühte aber in den Hinterzimmern so mancher Gaststätte.

5 Die Schweizer Simone de Beauvoir: Iris von Roten

In Haus Nr. 12 am Heuberg lebte Iris von Roten (1917–1990), die Juristin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Zusammen mit ihrem Mann Peter von Roten, einem Walliser Nationalrat, führte sie eine Anwaltspraxis. Schon die Ehe zwischen einer Protestantin mit libertären Ansichten und einem konservativen Walliser Katholiken aus adligem Haus war mehr als ungewöhnlich zur damaligen Zeit. Die promovierte Juristin engagierte sich entschieden für die Gleichberechtigung der Frauen und führte auch in ihrer Ehe ein sehr selbstbestimmtes Leben.

Die Mutter einer Tochter war ihrer Zeit weit voraus, wie ihre Biografin Yvonne-Denise Köchli 1992 mit dem Buchtitel «Eine Frau kommt zu früh» klarstellte. Iris von Roten schrieb journalistische Artikel, bereiste die weite Welt und löste mit ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» 1958 einen veritablen Skandal aus.

6 Vom Lehrerinnenstreik zum Frauenstimmrecht: Gymnasium Leonhard am Kohlenberg

Wir nähern uns dem Ur-Zentrum des Kampfs für das Frauenstimmrecht in Basel. Das heutige Gymnasium Leonhard ist das ehemalige Mädchengymnasium von Basel.
Am Montag, den 2. Februar 1959, trafen sich die Lehrerinnen wie jeden Morgen vor Schulbeginn in ihrem Lehrerinnenzimmer. Damals hatten Lehrer und Lehrerinnen noch getrennte Zimmer. Die Stimmung war gedrückt. Am Tag zuvor hatte das Schweizer Männervolk mit einem Nein-Stimmen-Anteil von 66,2 Prozent die Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen abgelehnt. Auch 53,2 Prozent der Basler Männer sagten Nein. Die Frustration der Lehrerinnen war gross. Plötzlich machte das Wort Streik die Runde. Rut Keiser (1898–1968), die frühere Konrektorin, wurde zur Führerin des Lehrerinnenstreiks ernannt. Am nächsten Tag, dem 3. Februar 1959, blieben alle Lehrerinnen des Mädchengymnasiums zu Hause und protestierten damit gegen die Verweigerung ihrer Menschenrechte. Die Schülerinnen wurden nach Hause geschickt, die Öffentlichkeit mit einer Erklärung der Lehrerinnen informiert. Er sollte in die Geschichte eingehen, dieser Lehrerinnenstreik.

7 «Wenn frau will, steht alles still»: Barfüsserplatz

Vom Kohlenberg geht es hinunter zum Barfüsserplatz. Am Morgen des 14. Juni 1991 versammelten sich hier und auf vielen anderen Plätzen der Stadt Frauen aller Altersklassen und Berufe. Sie installierten sich mit Liegestühlen, Gassenküche und bunten Plakaten für den schweizweiten Frauenstreiktag. Warum gerade jetzt? Am 14. Juni 1981, also zehn Jahre zuvor, hatte die Schweizer Stimmbevölkerung das Gleichstellungsgebot namentlich in Familie, Ausbildung und Arbeit definitiv in der Verfassung verankert. Das entsprechende Gesetz liess aber immer noch auf sich warten. Bis den Frauen der Kragen platzte. Dem Streikaufruf von Christiane Brunner (*1947), damals Co-Präsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, folgten schweizweit eine halbe Million Frauen. Der Streik unter dem Motto «Wenn frau will, steht alles still» wurde in Basel zu einem stadtweiten Happening umfunktioniert.

8 Kampf um gleiche Rechte: Gerichtsgebäude an der Bäumleingasse

Vom Barfüsserplatz geht es über die Freie Strasse aufwärts, bis links die Bäumleingasse abzweigt. Hier beim Gerichtsgebäude an der Bäumleingasse 5 erinnern wir an die erste Richterin der Schweiz.

Am 1. September 1953 erklärte der Basler Regierungsrat: «Frl. Dr. Hilde Borsinger (kath. Volkspartei) ist als Strafrichter gewählt.» Damit wurde in der Schweiz zum ersten Mal eine Frau Richterin am Strafgericht. Hilde Borsinger (1897–1986) wuchs in Baden in einem gut situierten Milieu auf. Da sie als Frau nicht Theologie studieren durfte, ergriff sie das Studium der Rechte in Zürich und München. Sie promovierte 1930 zum Thema «Die Stellung der Frau in der katholischen Kirche» und stellte in ihrer Dissertation die Diskriminierung der Frauen im kanonischen Recht dar. Sie engagierte sich in diversen katholischen Institutionen, geriet aber wegen ihrer fortschrittlichen Ansichten und ihres Eintretens für das Frauenstimmrecht immer wieder in die Kritik ihrer Vorgesetzten. Ihre Arbeit führte sie dann nach Basel, und es ist wohl kein Zufall, dass sie in der protestantischen Stadt mehr Anerkennung fand als in ihrer katholischen Heimat.

9 Frauen holen sich ihre Namen zurück: Zivilstandsamt, Rittergasse

Weiter die Bäumleingasse hoch und Sie gelangen zum Zivilstandsamt an der Rittergasse 11.
Das alte Schweizer Eherecht von 1912 gewährte dem Ehemann alle Macht über seine Ehegattin. Er durfte ihr verbieten, erwerbstätig zu sein und verwaltete auch ihr Geld und Vermögen. Nach langen parlamentarischen Debatten in den eidgenössischen Räten unter intensivster Beteiligung aller Parlamentarierinnen und Frauenorganisationen wurde 1985 endlich ein neues Eherecht verabschiedet, das beiden Partnern gleiche Rechte zugestand. Es war die erste Abstimmung, die von den Frauen entschieden wurde. Sie stimmten der Vorlage mit überwältigendem Mehr zu, sonst wäre das neue Eherecht nicht durchgekommen. Kaum war das Gesetz 1988 in Kraft getreten, holten sich ein paar Dutzend verheiratete Aktivistinnen beim Basler Zivilstandsamt ihren Mädchennamen und das eigene Bürgerrecht zurück. Natürlich begleitet von einem Rudel fröhlicher Unterstützerinnen.

10 Fünf Anläufe bis zum Frauenstimmrecht: Rathaus am Marktplatz

Via Münsterplatz geht es wieder hinab und zum Basler Rathaus am Marktplatz. In diesem schönen Sandstein-Haus wird seit 1514 die Basler Politik gemacht – bis 1968 aber ganz ohne Frauen. Es brauchte fünf Anläufe, bis die Männer mit einem Mehr von 60 Prozent am 26. Juni 1966 dem Frauenstimmrecht und -wahlrecht im Kanton Basel-Stadt zustimmten. Der lange Kampf dafür war immer auch von Männern unterstützt worden, nur leider nicht von einer Mehrheit.

Die erste Abfuhr an der Urne gab es 1920, die zweite 1927, die dritte 1946 und die vierte 1954 – bis es 1966 endlich klappte. Jedes Mal wurden die Anträge von fortschrittlichen Grossräten insbesondere aus der Sozialdemokratischen Partei (SP) oder der Kommunistischen Partei (KP) ins Parlament eingebracht und jedes Mal vom Grossen Rat mehrheitlich unterstützt! In Basel-Stadt gab es bis zum Zweiten Weltkrieg eine sehr aktive Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die den beiden linken Parteien SP und KP oft zu Mehrheiten in Parlament und Regierung verhalf. Doch in Bezug auf die Rechte der Frauen war ihre Basis und Wählerschaft nicht so fortschrittlich, wie sich das viele Genossinnen und Bürgerinnen gewünscht hätten.

11 Die erste Frau auf dem Präsidentensessel: Stadthaus der Bürgergemeinde

Vom Marktplatz erreicht man nach wenigen Schritten das Stadthaus der Basler Bürgergemeinde an der Stadthausgasse 12. Hier durften Frauen erstmals in einem Parlament Platz nehmen – vorausgesetzt, sie hatten das Bürgerrecht und waren gewählt: 1957 hatten die Basler Männer den Regierungsrat ermächtigt, den Frauen auf Ebene der Bürgergemeinden das Stimm- und Wahlrecht einzuräumen. 1961 fanden in der Stadt Basel die ersten Bürgergemeindewahlen statt, für die Frauen kandidieren konnten. Auf Anhieb wurden 13 Frauen in den 40-köpfigen Bürgergemeinderat gewählt. Darunter übrigens wiederum drei der streikenden Lehrerinnen und viele Frauenstimmrechtskämpferinnen der ersten Stunde. Mit Salome Christ (1908–1992), ebenfalls Lehrerin am Mädchengymnasium, präsidierte 1969 zum ersten Mal eine Frau ein Parlament in der Schweiz.

12 Die Basler Bevölkerung will Quoten: Basler Kantonalbank

Nach einem kurzen Spaziergang Richtung Rhein gelangen wir zur Basler Kantonalbank an der Spiegelgasse: Die Bank gehört dem Kanton Basel-Stadt, und 2015 wurde gesetzlich festgeschrieben, dass Frauen ein Drittel des Verwaltungsrats ausmachen. Wie kam es dazu? Im Grossen Rat wurde damals ein Gesetz verabschiedet, das eine Frauenquote vorschreibt für Unternehmen, bei denen der Kanton Mehrheitseigner ist. Ein paar junge bürgerliche Frauen hatten sich von ihren old boys und young boys dazu verleiten lassen, das Referendum gegen diese Frauenquote zu ergreifen. Sie wollten keine Quotenfrauen sein, argumentierten sie. Nur: Die Frauenquote spazierte im Februar 2014 mit 57 Prozent Ja-Stimmen entspannt durch die Volksabstimmung.

13 Basler Frauen für die weite Welt: Schifflände

Nach wenigen Schritten in Richtung Rhein landen Sie bei der Schifflände. Von hier aus lassen wir den Blick in die weite Welt schweifen, zu den Basler Diplomatinnen. Marianne von Grünigen (*1936), geboren und aufgewachsen in Basel, war die erste Botschafterin der Schweiz. Ihre Stationen führten sie in verschiedenen Funktionen nach Bern ins Aussendepartement (EDA), nach Bonn, in die damalige Hauptstadt der BRD, nach New York zu den Vereinten Nationen. Nach 40 Jahren im aussenpolitischen Dienst kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt Basel. Dort leitete und präsidierte sie von 2001 bis 2010 die Neue Helvetische Gesellschaft (NHG) Region Basel. Unter ihrem Präsidium entwickelte sich die NHG Region Basel wieder zu einer öffentlich beachteten Diskussionsplattform für lokale, nationale und aussenpolitische Debatten.

14 Keimzelle der neuen Basler Frauenbewegung: Genossenschaftsbeiz Hirscheneck

Über die Mittlere Brücke geht es ins Kleinbasel und dann rechts durch die Rheingasse zum Restaurant Hirscheneck an der Ecke Lindenberg/Riehentorstrasse. In den oberen Räumen der Genossenschaft befinden sich die Büros verschiedener Organisationen. Hier zog 1980 auch die 1977 gegründete feministische Organisation für die Sache der Frau (OFRA) ein. Im Sääli der Beiz wurden von der feministischen Frauenbewegung viele Projekte ausgeheckt und organisiert. Es ist sozusagen eine der Keimzellen der neuen Frauenbewegung in Basel.