Der «Europäische Tag der Jüdischen Kultur» (ETJK) findet am Sonntag in 32 Ländern statt. Zehntausende werden an hunderten Veranstaltungen die Zeugnisse der fast 2000 Jahre alten Geschichte der Juden Europas besuchen – oder besser gesagt, was davon noch übrig ist. Lebten vor dem Holocaust noch rund neun Millionen Jüdinnen und Juden in Europa, waren es 2014 noch knapp, 1,4 Millionen, Tendenz sinkend.

Nichtsdestotrotz erfreut sich der «Europäische Tag der Jüdischen Kultur» vermehrter Beliebtheit. Allein in der Schweiz beteiligen sich zehn Städte und Ortschaften am ETJK. Das Programm hierzulande ist äusserst vielfältig und reicht von Workshops, Diskussionsrunden und Führungen über koscheres Kochen bis hin zu Konzerten, Film- und Theatervorstellungen.

Das Motto des ETJK 2015 lautet «Brücken». «Das Thema bietet eine Plattform für interkulturelle sowie interreligiöse Begegnungen und offene Gesprächsrunden, die Brücken bauen und Vorurteile abbauen wollen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse ist dies gewichtiger denn je», so Nadia Guth Biasini und Claudia Meretz, die für die Organisation des schweizerischen Teils des «Europäischen Tages der Jüdischen Kultur» verantwortlich zeichnen.

Ein historischer Brückenbau

Das Thema «Brücken» hat also eine eminent symbolische Bedeutung. Gerade in Basel hat aber das Thema «Brücke» und «Brückenbau» auch eine ganz konkrete historische Bedeutung, waren es doch die Basler Juden, welche um 1223 entscheidend am Bau der Alten Mittleren Brücke beteiligt waren.

Diese war dann für lange Zeit nicht die einzige Brücke über den Rhein, aber verkehrstechnisch die wichtigste. Die Mittlere Brücke hat nicht nur die Entwicklung der Stadt Basel massgeblich beeinflusst, sondern laut der älteren Historiografie auch die Entwicklung der Eidgenossenschaft.

Die treibende Kraft hinter dem Brückenbau war der Basler Bischof Heinrich von Thun. Mit dem Aussterben des Adelsgeschlechts der Zähringer, den Gründern der Städte Freiburg im Breisgau, Bern und Freiburg im Üechtland, entstand nach 1218 ein Machtvakuum. Dies wollte der Bischof nutzen, um seine Herrschaft nach Norden auszudehnen. Diesem Zwecke sollte die neue Rheinbrücke ursprünglich dienen.

Zur Finanzierung des Projektes gewann der Bischof die Unterstützung der Klöster St. Blasien und Bürglen. Doch offenbar reichte dies nicht.

Münsterschatz verpfändet

Wie aus einer Urkunde von 1223 hervorgeht, hatte der Bischof den kompletten Münsterschatz an die Juden von Basel verpfändet, um so den Bau der Mittleren Brücke zu finanzieren. Dieses Vorgehen schien bereits Tradition zu haben. Schon früher hatte ein Basler Bischof seinen Pontifikalring an einen Vorsteher der jüdischen Gemeinde verpfändet.

Obwohl einer der ältesten archäologischen jüdischen Funde Europas nördlich der Alpen aus Augusta Raurica kommt, sind Juden in Basel erst seit etwa 1200 nachgewiesen. Schon im 13. Jahrhundert waren sie aus dem Fernhandel mit Waren und Gewürzen verdrängt, den die rheinischen Juden früher betrieben hatten. Landbesitz und die Mitgliedschaft in Zünften blieben ihnen verwehrt, das Tor zu Landwirtschaft und Handwerk somit verschlossen.

Als Erwerbsquelle blieb der den Christen verbotene Geldverleih. Als kaiserliche Kammerknechte zahlten die Juden zwar Sondersteuern, genossen aber auch den Schutz der Obrigkeit und lebten in enger Symbiose mit Adel, Klerus und gehobenen Bürgertum, deren Lebenswandel sowie wirtschaftliche und politische Ambitionen sie mittrugen. So nahmen in Basel nicht nur Bischöfe jüdische Hilfe in Anspruch, sondern auch der Adel zur Finanzierung des Baus seiner Burgen auf der Landschaft.

An den zweimal jährlich stattfindenden Turnieren mussten sich die Basler Juden bereithalten, um unterlegenen Rittern, die sich von ihren Überwindern freikaufen mussten, zu helfen. Die Basler Juden nahmen so im Leben der städtischen Oberschicht eine wichtige Rolle ein. Dies äusserte sich auch in der zentralen Wohnlage beim heutigen Marktplatz und entlang der Gerbergasse und der Freien Strasse. Ein jüdisches Wohnquartier gab es nicht. Juden und Christen lebten Tür an Tür.

Der Bau der Mittleren Rheinbrücke verlieh Basel massiven Auftrieb. So bildeten sich um den rechtsrheinischen Brückenkopf herum aus den Dörfern Niederbasel und Oberbasel die befestigte Stadt Kleinbasel. 1392 wurde sie mit Grossbasel vereinigt. Als Erinnerung daran wurde auf der Mittleren Brücke das «Käppelijoch «gebaut.

Etwa in dieselbe Zeit wie die Mittlere Rheinbrücke fiel die Begehbarmachung des Gotthardpasses. So wurde um 1230 die Teufelsbrücke über die Reuss gebaut. Kombiniert mit dem Basler Rheinübergang bildete die Gotthard-
route die schnellste Nord-Südverbindung. Basel wurde wichtiger europäischer Handels- und Transitplatz. Die Gotthardroute diente letztlich aber auch als Kristallisationspunkt bei der Entstehung der Eidgenossenschaft.

Die Basler Juden hatten mit dem Brückenbau eine wichtige Rolle gespielt bei der Entwicklung der Stadt. Doch die Basler Bürger dankten es ihnen nicht. Die erste jüdische Gemeinde wurde beim Pestpogrom von 1349 vernichtet. Eine zweite jüdische Gemeinde wurde nach dem Erdbeben von 1356 zwecks Ankurbelung der Wirtschaft nach Basel geholt. Die Gemeinde floh 1397 aus Angst vor Verfolgung aus der Stadt und fand Zuflucht in bischöflichem Territorium. Da wirkte die alte Symbiose offenbar noch. So existierten in Aesch, Zwingen und Allschwil bis ins 16. und 17. Jahrhundert jüdische Gemeinden.