Basel

Der Friedhof Hörnli ist nicht nur ein Ort der Trauer

© Martin Toengi

Der Leiter des Basler Bestattungswesens, Marc Lüthi, tut alles dafür, dass die Wünsche von Verstorbenen und Angehörigen erfüllt werden. Er möchte aber auch zeigen, dass der Friedhof ein schöner Ort ist.

Er ist ein Ort der Stille. Wunderschön, eine grosse Gartenanlage, gepflegt, reich an Flora und Fauna. Der Friedhof Hörnli ist ein schönes Ausflugsziel in der Region. Spaziergänger, aber auch Familien geniessen die Natur. Dass auf der 54 Hektaren grossen Fläche Gräber angelegt sind, bringt eine unglaubliche Ruhe mit sich, schreckt aber niemanden ab.

Genau so soll es sein, sagt Marc Lüthi. Das Hörnli sei sicherlich ein Ort der Trauer, aber er soll die Leute auch beruhigen. «Sie sollen sehen, dass ihre Angehörigen nicht unter einem Steinhaufen beigesetzt werden», erklärt der Leiter des Basler Bestattungswesens. Damit die Umgebung als Idylle wahrgenommen wird, wurden seit vielen Jahren die Bäume und Anlagen intensiv gepflegt und Sitzbänke platziert. Grundlage der Arbeiten ist ein Friedhofspflegewerk mit Leitlinien der Landschaftsarchitektur. Auf einer Fläche, auf der einst 1000 Menschen begraben waren, sind es heute noch 350. «Durch die lockere Bestattung liegt heute nicht mehr Grabstein an Grabstein. Die Hörnli-Besucher oder Spaziergänger können sich bewegen, ohne die Ruhe zu stören.»

Waldkapelle als Alternative

Dass dies möglich ist, liegt an der Flächengrösse des Hörnli. Von den 54 Hektaren werden derzeit nur 9 von Gräbern belegt. Der schweizweit grösste Friedhof hätte Kapazität für 65 000 Gräber. Etwa 200 000 Menschen – dazu gehören die Familiengräber – sind zurzeit auf dem Hörnli beerdigt. Also mehr, als Basel Einwohner zählt. Jeden Tag werden etwa acht Beisetzungen durchgeführt. Ein Teil der Anlage wird bewusst leer gelassen. Für Katastrophenszenarien wie Flugzeugabstürze, wie Lüthi erklärt.

Er und seine Mitarbeiter tun alles, um die Verstorbenen so beizusetzen, wie sie es sich und auch ihre Angehörigen wünschten und wünschen. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Flächen auf dem Friedhof, die unterschiedliche Beerdigungen zulassen. Für jemanden, der nie eine Kirche besucht hat oder nichts mit einer Kapelle anfangen konnte, gibt es abgegrenzt durch Hecken die Waldkapelle. Auf einen Steinblock in der Mitte der Fläche wird die Urne gestellt. Wie die Abdankung vonstattengeht, können die Angehörigen entscheiden. Die Asche könne in der Waldkapelle ausgeschüttet werden, erklärt Lüthi. Zudem steht er der Art der Abdankung offen gegenüber. Ausser sie ist pietätlos. «Einmal wollte eine Gugge auftreten. Das konnte ich wegen der Ruhestörung nicht durchgehen lassen.»

Muslime liegen gegen Mekka

Eine der beliebtesten Bestattungen ist jene auf der Wiese, sagt Lüthi. Zwischen Wildblumen stehen nur wenige Grabsteine, die meisten Gräber sind mit einer Platte auf dem Boden beschriftet. Die Holzurnen werden in ein bereits bestehendes Loch durch ein Plastikrohr nach unten gelassen. Dieses Rohr dient als Sicherheit und wird vor der Beisetzung entfernt.

Für die Verstorbenen aus anderen Kulturen, zum Beispiel für Muslime, hat das Hörnli eigene Grabstätten. Marc Lüthi erklärt, was für diese Menschen wichtig ist: Die Gräber seien alle nach Mekka ausgerichtet, die Männer und Frauen liegen auf separaten Feldern. Die Gräber sehen – für unsere Verhältnisse – verwildert aus. «Es gehört zur Tradition der Muslime, dass ihre Ruhestätten nicht gepflegt werden.» Auf dem muslimischen Friedhof ist noch viel Platz für weitere Verstorbene vorhanden. Der Grund: «Die meisten Muslime werden nach ihrem Tod in ihr Land zurückgeführt. Wir rechnen damit, dass erst die zweite und dritte Generation der Muslime hierbleiben und die Fläche füllen.»

Keine Vorschriften bei Kindern

Separiert auf dem Hörnli liegen auch die Diakonissen, die im Bethesdaspital gearbeitet haben. Ebenso die katholischen Pfarrer. Grosse Trauer empfindet man – auch als nicht Betroffene –, wenn man am Kindergrabfeld vorbeiläuft. Dort gibt es praktisch keine Einschränkungen für die Angehörigen, wie sie dieses gestalten möchten, sagt der Leiter des Bestattungswesens. Ballone schweben über den Steinen, anstatt Blumen zieren die Lieblingsspielzeuge der Kleinen die Inschriften.

Auch die Kindergräber werden nach 25 Jahren ausgehoben. Doch oftmals belastet der Tod des Kindes die Eltern auch über diese Zeitspanne hinaus. Für diese Fälle soll ein Kinder-Gemeinschaftsgrab angelegt werden. Gleich dahinter befindet sich die Rasenfläche für die Sternenkinder. Babys, die vor der 22. Schwangerschaftswoche geboren wurden und nicht überlebt haben. Wo genau das Buschi liegt, wird nicht registriert, und einen Grabstein gibt es nicht. Aber im Rasen stecken Sonnenblumen und farbige Windrädli, die die Eltern an ihre Buschi erinnern, die keine Chance auf ein Leben bekommen haben.

Wer von diesen beiden Feldern dem Weg und den Treppenstufen nach oben folgt, gelangt bald an den höchsten Punkt des Friedhofs. Er lässt eine schöne Aussicht über die Stadt Basel zu. Direkt daneben werden seit kurzem Partnerschaftsgräber ermöglicht, erzählt Lüthi. Denn die Nachfrage nach Familiengräbern lasse immer mehr nach. «Das traditionelle Familiensystem gibt es heute ja fast nicht mehr. Ehepaare leben getrennt, Patchwork-Familien nehmen zu, oder die Angehörigen der Verstorbenen wohnen mittlerweile in einem anderen Kanton oder im Ausland», führt Lüthi aus.

Es gab eine Friedhofskatze

Dem 62-Jährigen liegt am Herzen, dass «sein» Hörnli annehmlich aussieht. Beim Zuhören ist seine Begeisterung für seine Aufgabe nicht zu überhören. Und sein Einsatz ist wichtig. Immer weniger Leute wollen auf dem Friedhof begraben sein. Für nur 45 Prozent aller Verstorbenen ist das Hörnli die letzte Ruhestätte. Die anderen werden zum Beispiel im Rhein, im Wald oder im Ausland begraben. Lüthi wäre froh, dies würde sich wieder ändern.

Für die wundervolle Bepflanzung der Gräber und die Pflege der Anlage sind 35 Gärtner verantwortlich. Um zwei Drittel aller Gräber und deren Blumenschmuck kümmern sich ebendiese. Jedes Jahr setzen sie rund 700 000 Blumen auf dem gesamten Areal. Zu den regelmässigen Besuchern zählen zahlreiche Dachse und ungefähr 20 Rehe. Und noch ein Tier besuchte den Friedhof immer wieder. Lüthi schmunzelt: «Wir hatten mal eine Friedhofskatze. Sie war neugierig, war bei Beerdigungen dabei. Und manchmal kam sie völlig ausgehungert wieder aus einem Gebäude raus, weil sie über das Wochenende eingesperrt worden war.»

Doch leider passieren auch leidvolle Situationen während einer Bestattungszeremonie. Nach der herzigen Geschichte fallen Lüthi tragische Schicksale ein. Es gibt nichts, was es nicht gibt, beginnt er. Zum Teil werde – selten – Polizeischutz benötigt. Wenn Familien bedroht werden, zum Beispiel. Er habe dafür ein gutes Einvernehmen mit der Polizei.

Baumbestattung wird geplant

Bis zu seiner Pensionierung in drei Jahren hat Marc Lüthi noch einige Projekte vor sich. Unter anderem wird ein neues Bestattungsgesetz ausgearbeitet. Das aktuelle wurde im Jahr 1931 erstellt. Hinzu kommt die Idee der Baumbestattung. Die Nachfrage nach dieser Art Ruhestätte sei vorhanden. Die Verstorbenen wünschen sich, neben einem Baum beigesetzt zu werden, ohne dass ihr Name angeschrieben wird. Dieses Vorhaben wird dieses Jahr konkretisiert. Und zuletzt soll auch ein Konzept entstehen, wer unter den Verstorbenen als prominent gilt. Denn für diese existiert ebenfalls eine Bestattungsfläche. Neben anderen liegen der Basler Dirigent und Mäzen Paul Sacher und Ehefrau Maja dort begraben. Doch es ist nicht definiert, wer zu den Basler Berühmtheiten gehört und wer nicht.

Der Leiter des Bestattungswesens liebt seinen Job. Er sieht das Hörnli nicht nur als Ort der Traurigkeit an, sondern möchte den Hinterbliebenen mit seiner Arbeit und Begeisterung eine Freude bereiten. «Es ist wichtig, dass das Hörnli attraktiv bleibt. Es soll so bestehen bleiben.» Das wünscht er sich von ganzem Herzen.

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