Vereinsfischen

Der frühe Galgenvogel fängt den Fisch

Jedes Jahr zum Sommerbeginn findet in Basel das Vereinsfischen der Galgenfischer statt. Ein Einblick in eine Form der Fischerei ohne Haken und Köder.

So früh an einem Sonntag ist noch kaum jemand auf den Beinen. Es ist fünf Uhr morgens, als ich den Arm des Galgens aus seiner Verankerung löse und mich dagegen stemme, sodass der Ausleger über den Rhein pendelt. Dann drehe ich an der Kurbel und lasse das Netz ins Wasser. Wenig unterhalb vom Tinguely-Museum sehe ich einen weiteren Fischer, der es mir gleichtut. «Petri Heil!»

Immer auf die kürzeste Nacht des Jahres folgt das Vereinsfischen der Basler Galgenfischer. Dann, so die Idee, wird die Tradition im ganzen Stadtbann wieder belebt. Längst nicht alle machen mit, viele Fischergalgen ruhen das ganze Jahr über. Schade, denn nicht nur lässt sich in den kleinen Häuschen vortrefflich die Geschichte nachspüren, auch ist das Fischen – und das Fischen mit dem Galgen insbesondere – eine spezielle Verbindung zwischen Basel und dem Rhein, zwischen Stadt und Natur. Der «Bach», der heute den meisten Bewohnern dieser Stadt nur noch als Fotosujet oder Schwimmbad dient, wird kaum mehr als Lebensraum wahrgenommen. Immer wieder reagieren Leute erstaunt, wenn sie hören, dass insgesamt 38 Fischarten im Rhein leben. «Jä fangt me denn do yyberhaupt no ebbis?»

"Schyssydeggel" und Forellen

Wie bei allen Fischern steht der Ertrag nicht im Vordergrund. Wenn ein Fisch im Netz zappelt, ist das Zugabe, mehr nicht. Wer könnte auch enttäuscht sein, der die Unwahrscheinlichkeit dieser Angel-Art kennt: Nur wenn sich ein Fisch direkt über dem Netz befindet, wenn man es hochkurbelt, ist man erfolgreich. Mit viel Glück ein Raubfisch wie Hecht oder Forelle, wahrscheinlicher sind Friedfische wie Barbe, Alet oder Brachsmen, also «Schyssydeggel», wie sie ältere Fischer hinter vorgehaltener Hand noch nennen.

Der kantonale Fischereiaufseher nutzt diesen Tag, um sämtliche Galgen abzuklappern. «Einerseits kann so der Kontakt gepflegt werden, andererseits erhalten wir so auch eine Momentaufnahme, wie die Situation am Rhein aussieht», sagt Hans-Peter Jermann. Das Fischen mit dem Netz gilt als sehr human: «Es ist kein Haken im Spiel und mit geschonten Fischen muss kein Handling betrieben werden», sagt Jermann. Um 10 Uhr ist Schluss, die Fischer treffen sich beim Keller der Werkfeuerwehr der Chemie in der Solitude. Es wird gefachsimpelt und mit spektakulären Fängen das Jahr hindurch angegeben. Das ist mit Vorsicht zu geniessen, auch bei den Galgenfischern gilt: Am schnellsten wächst ein Fisch auf dem Weg zur Stammbeiz. Wie jedes Jahr tönt es von überall: «Und, hesch ain gha?»

Ein Wels von 106 Zentimetern

Das Vereinsfischen blickt auf eine lange Tradition zurück, so lange, dass niemand mehr genau weiss, wann man damit begonnen hat. «Mindestens 50 Jahre machen wir das schon», sagt Vereinspräsident Richi Stammherr. Heute war Hans Hostettler am erfolgreichsten: Der 81-Jährige konnte einen Wels von 106 Zentimetern, einen Zander und eine Barbe aus dem Wasser ziehen. Der Wels wiegt über acht Kilo. «Ich habe gezittert, ich war so aufgeregt», sagt Hostettler. Seit rund 40 Jahren ist er Mitglied im Verein. Er darf als Erstes an den Gabentisch, wie beim Schwingen. Dort liegt hauptsächlich Anglerbedarf: Spulen und Spinner, Kescher und Köder. Einige der Fischer sind oft auch mit der Rute unterwegs.

Auch heute ist es aber so, dass längst nicht alle einen Fisch präsentieren können. Wer nichts auf die Waage legen kann, muss deshalb eine Nummer ziehen. Von den 26 Teilnehmern essen nur fünf einen Fisch zum Znacht, alle anderen bleiben Schneider, wie es im Anglerjargon heisst. Dieses Jahr gehöre ich nicht dazu. Kurz vor sechs Uhr habe auch ich einen Zander fangen können. Es ist mein erster seit sieben Jahren, jeder Zentimeter hat wohl hunderte Kurbelumdrehungen gekostet – aber darum geht's ja nicht.

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