Wahlen Basel-Stadt

Der Geist des Hirschenecks kennt keine Parteigrenzen

SVP-Regierungsratskandidat Lorenz Nägelin geht auf alle Menschen zu. Selbst auf solche aus der linksalternativen Szene.

SVP-Regierungsratskandidat Lorenz Nägelin geht auf alle Menschen zu. Selbst auf solche aus der linksalternativen Szene.

SVP-Kandidat Lorenz Nägelin zeigt vor der Kleinbasler Genossenschafts-Beiz, dass er keine Berührungsängste hat.

Nein, niemand hat Lorenz Nägelin ein Bier über den Kopf geleert. Und auch kein Caipirinha ist auf seiner Kleidung gelandet. Schliesslich sind wir hier in Basel und nicht in Bern, wo stadtbekannte SVPler wie Erich Hess oder Thomas Fuchs sich besser nicht in alternative Gefilde wagen. Angepflaumt wurde er schon, der Regierungsratskandidat, der sich zusammen mit der bz im «Hirscheneck» ein, zwei Bierchen genehmigte. Die Kleinbasler Genossenschaftsbeiz war und ist auch ein politisches Projekt. Entsprechend die wissenden bis scheelen Blicke, die Nägelin zugeworfen werden. Zwei junge Männer am Nebentisch sparen nicht mit Kritik am SVP-Politiker, der als Teil des Vierertickets die bürgerliche Wende schaffen will.

Es scheint, er nähme die abfälligen Bemerkungen gar nicht zur Kenntnis. Den Unterschriftenbogen für eine Petition gegen die negativen Auswirkungen auf Lärm und Wohnqualität der geplanten Osttangente hingegen sehr wohl. Unterschreiben wird Nägelin nicht, schliesslich sei er Mitglied der Petitionskommission des Grossen Rates. Stattdessen nutzt er die Gelegenheit, die grüne Seite der SVP zu betonen, die das Anliegen der Petitionäre teile.

Wie der geborene EVP-Politiker

Überhaupt betont Nägelin im Gespräch immer wieder, dass er ein Sachpolitiker sei. Weder er noch seine Partei würden «von Herrliberg ferngesteuert». Seine Art, seine Wortwahl, sein Duktus könnten in der Tat nicht weiter weg vom Gepolter eines Christoph Blochers entfernt sein.

Er wirkt wie der geborene EVP-Politiker. Vor allem, wenn man seine Geschichte kennt. Nägelin war in seiner Jugend keiner, der auf der Strasse um Freiräume kämpfte, keiner, der aus dem Staat Gurkensalat machen wollte, keiner, der im «Hirschi» in endlosen Diskussionen die Welt aus den Angeln heben wollte. Er verschrieb sich als Kind der Jungschar, präsidierte später einen Verein des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM). Sport, Bibelgruppe, Ausflüge, Lager. «Es war immer was los», sagt Nägelin. Sieben Abende in der Woche war er irgendwo unterwegs. Gläubig sei er weiterhin, wenn auch nicht mehr in der Kirche aktiv, da ihm die Zeit wegen der Politik fehle.

Warum fehlt München?

Wie denn das zusammengehe, der christliche Hintergrund, die unpolemische, lösungsorientierte Art mit den Positionen seiner Partei? Was soll das, dieses Plakat, das Basel zum Terrorziel erklärt? «Paris. Würzburg. Nizza. …Basel?» Und warum nicht auch München, wo im gleichen Zeitraum ein Rechtsradikaler ein Massaker verübt hatte? Erhellende Antworten gibt es von Nägelin darauf nicht. «Wir wollen die Bürger wachrütteln», sagt er etwa, es gehe darum, die Sicherheit zu erhöhen.

Im Übrigen sei dieses Plakat nur eines von vieren, auf denen es um Steuersenkungen oder Chaotentum gehe. Letzteres sagt er mit gedämpfter Stimme. Man will ja nicht provozieren, hier im «Hirscheneck», das er vor allem aus seiner Tätigkeit als Rettungssanitäter kennt. Er hatte schon Einsätze hier. In diesem Beruf kommt man überall hin, auch in den BIZ-Turm oder ins Gefängnis. Selbst auf einem Pfeiler der Dreirosenbrücke stand er schon, um ein Unfallopfer zu bergen.

Politisiert habe ihn die EWR-Abstimmung von 1992. Damals trat er der SVP bei, in der er sich geborgen und aufgehoben fühlt. Für ihn, den Mitkämpfer auf dem bürgerlichen Vierterticket für einen wirtschaftsfreundlichen Kanton, ist sein Einstehen für die Masseneinwanderungsinitiative (MEI), die Durchsetzungsinitiative und die Selbstbestimmungsinitiative kein Widerspruch. All diese Volksbegehren seien die Folge des Versagens der nationalen Politik. Wäre man früher diese Problematik angegangen, hätten die Bürger keine Unterschriften für eine Initiative gesammelt. Dass die Umsetzung der Initiative gerade Basel vor grössere Probleme stellt, hält Nägelin für kein Problem. «Man könnte die Kontingente für hochqualifizierte Arbeitsplätze erhöhen und die unqualifizierte Zuwanderung senken. Dann hätte die Wirtschaft genau diese Arbeitskräfte, welche sie benötigt.»

Überhaupt scheint Nägelin an das Gute im Menschen zu glauben. Auch an das Gute seiner bürgerlichen Partner auf Zeit. Sind Sie für LDP, FDP und CVP ein nützlicher Idiot? Gut, um eine Mehrheit zu erzielen, politisch aber eigentlich weitgehend isoliert? «Nein», sagt Nägelin bestimmt. «Wir harmonieren sehr gut und haben klare Ziele.» Das für die Wahlen vom 23. Oktober gebildete Viererticket sei erst der Anfang. Bereits sei der Blick auf die eidgenössischen Wahlen 2019 gerichtet. Man wolle die bürgerliche Wende auch in der baselstädtischen Deputation in National- und Ständerat erreichen.

«Man soll niemals nie sagen»

Was, wenn er die Wahl in die Regierung nicht schafft? Ist dann fertig Politik, weil die Amtszeitguillotine seine Grossrats-Karriere beendet? Oder wird er dann Parteipräsident, als Nachfolger von Nationalrat Sebastian Frehner, den Blocher loswerden möchte? «Das ist derzeit kein Thema», sagt er, «aber man soll niemals nie sagen». Zu tun habe er auch ausserhalb der Politik genug. Sein Beruf, der 12-Stunden-Schichten erfordert, die Zunft, die Fasnacht, die Jungbürgerfeier und viele weitere Verpflichtungen, die er pro bono eingeht.

Vorerst wird er aber alles versuchen, die Wahl zu schaffen. Und gibt zum Abschluss des Gesprächs und mit Blick auf die zwei jungen Männer, die von seinen Fähigkeiten nicht sehr überzeugt scheinen, ein Versprechen ab: «Ich will als Regierungsrat für alle Menschen da sein, alle gleich behandeln und Sachpolitik betreiben.» Der Geist des «Hirschi» lebt.

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