Portrait
Der Geschichtenerzähler im Portrait: Felix W. Eymann beendet dieses Jahr seine politische Karriere

Er hat schon vieles erlebt, sei es in der Praxis, als Pilot oder als Politiker. Felix W. Eymann beendet in diesem Jahr seine politische Karriere. Ganz loslassen kann er aber nicht.

Silvana Schreier
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Das Leben des Felix W. Eymann
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 Die Fliegerei ist seit jungen Jahren eine grosse Leidenschaft des Kleinbaslers – und lässt ihn bis heute nicht los. Die Pilotenlizenz erwarb er während der Zeit im Militär.
1998 war er als Gryffe-Meister Teil des Vogel Gryff. Eymann begrüsste zusammen mit dem damaligen Bundesrat und Ehrengast Flavio Cotti (rechts) den Vogel Gryff.
Seine politische Karriere begann im Bürgergemeinderat für die DSP. 2002 wurde Eymann zum Präsidenten der Bürgergemeinde gewählt.
Bei der DSP, der Demokratisch-Sozialen Partei, fühlte er sich wohl. Zuvor war er bei der FDP, nach der Auflösung der DSP trat er der LDP bei.
In seiner Funktion bei der Bürgergemeinde hatte Eymann die Ehre, ...
... zahlreichen 100-Jährigen zu gratulieren.
Die Praxis von Eymann im Kleinbasel liegt direkt neben dem Haus, in dem früher die Bäckerei seines Grossvaters zuhause war.
Felix Eymann hatte eine lange politische Karriere. Von 1988 bis 2001 und von 2005 bis 2020 sass er im Grossen Rat.
Mit seiner Ehefrau Marlies hat Eymann zwei Töchter. Eine lebt in New York, die andere in Basel. Zudem sind sie Grosseltern dreier Enkelkinder.

Das Leben des Felix W. Eymann

Juri Junkov

Felix Eymann setzt sich auf den weiss-schwarz-roten Bürostuhl, der dem Sitz eines Rennautos gleicht. Er weiss nicht, wo er mit Erzählen beginnen soll. «Da gibt es so viel», meint er. Sein Blick schweift über den Schreibtisch. Eine Miniatur-Fliegermaske, ein silbernes Flugzeug auf einem Sockel. Ungewöhnliche Gegenstände auf dem Pult eines Arztes in seiner Praxis. Eymann umgibt sich gerne mit Objekten, an denen Erinnerungen haften. Er hält sich an ihnen fest. Jedes Stück hat eine Geschichte zu erzählen. Und Eymann teilt sie gerne. Erstaunlich wenige stammen aus der Basler Politik, die er während 28 Jahren im Grossen Rat mitgeprägt hat. Nun legt er sein Amt auf Ende Januar nieder.

Felix W. Eymann – das W. zwischen Vor- und Nachname steht für Walther – ist ein Kleinbasler «mit Leib und Seele», wie er gerne betont. Er wuchs an der Feldbergstrasse auf, in einfachen Verhältnissen. Seine Mutter stammt aus der Schwäbischen Alb, einem Gebirge in Süddeutschland. Die Eltern des Vaters führten eine Bäckerei; gleich neben dem neuen Bürogebäude, in dem Felix Eymann heute seine Praxis hat. Kurz vor seiner Geburt verstarb der letzte Verwandte, der die Familie Eymann noch mit Weissrussland verbunden hatte. «Der Onkel Ivan», fügt Eymann an. Es gebe einen Familienzweig aus Finnland und einen aus Weissrussland. «Meinem Bruder und mir sieht man das schon noch an. Wir haben slawische Schädel, breite Backenknochen.»

In die Politik hineingeboren

Bereits am Küchentisch wurde im Hause Eymann politisiert. Der Vater war bei den «Radikalen Demokraten», die sich von den Freisinnigen abgespaltet hatten. Ein Onkel war für die Freisinnigen im Grossen Rat. Der jüngere Bruder Christoph «war von Kindesbeinen politikinteressiert», sagt Felix Eymann. Er selbst sei erst im Gymnasium auf den Geschmack gekommen – und seither nimmt sie einen beachtlichen Teil in seinem Leben ein. «Wir hatten viele gute Gespräche zu Weihnachten», sagt der heute 72-Jährige und fügt scherzhaft an: «Es blieb aber immer friedlich.»

Mit seinem Bruder ist Felix Eymann seit jeher stark verbunden. Sie spielten Handball in der Nationalliga A. Felix, Christoph, Ueli Vischer – der ehemalige Basler Finanzdirektor – und Freunde aus dem Studium. «Wir haben aus reiner Freude gespielt», sagt Eymann. Der Wettkampfgedanke sei schon immer dabei gewesen. «Aber auch wenn wir verloren haben, sangen wir nach dem Spiel vierstimmig unter der Dusche: ‹Das ist der Tag des Herrn›.»

Als Felix Eymann seinen Assistenzarzt-Posten am Basler Universitätsspital antrat, war es vorbei mit den Trainings. «Wir hatten eine 100-Stunden-Woche. Im Durchschnitt», sagt Eymann. Das Medizinstudium war für Eymann nicht etwa Berufung, sondern eine Wahl: Er hätte sich auch vorstellen können, Theologie zu studieren oder sich auf die Fliegerei zu konzentrieren. Diese ist seit jungen Jahren eine grosse Leidenschaft des Kleinbaslers. Die Pilotenlizenz erwarb er während der Zeit im Militär. Als junger Arzt arbeitete er dann ehrenamtlich für die Rega. «Das waren schöne, wilde Zeiten», schwärmt Eymann.

Schon wird spürbar: Ihm brennt eine Geschichte unter den Fingernägeln, die er loswerden möchte. Einmal flogen er und eine Krankenschwester nach Algerien. Eine ältere Schweizerin hatte einen Autounfall gehabt, sie war nicht angeschnallt gewesen und erlitt eine Beckenfraktur. Der Ambulanz-Jet landete kurz vor Mitternacht, Eymann organisierte schnell ein Taxi. Bei der Verletzten angekommen stabilisierte er die Patientin und brachte sie zurück in ihr Hotel. Der Inhaber des Gasthauses empfing die Gäste um zwei Uhr nachts überschwänglich. «Er bekochte und verwöhnte uns», erzählt Eymann. Als seien sie Teil der Familie, meint er begeistert. Dieses Gefühl verliert der Arzt auch über vierzig Jahre später nicht. Die Geschichten hat Eymann präsent, als wären sie vergangene Woche passiert.

 Die Fliegerei ist seit jungen Jahren eine grosse Leidenschaft des Kleinbaslers – und lässt ihn bis heute nicht los. Die Pilotenlizenz erwarb er während der Zeit im Militär.

Die Fliegerei ist seit jungen Jahren eine grosse Leidenschaft des Kleinbaslers – und lässt ihn bis heute nicht los. Die Pilotenlizenz erwarb er während der Zeit im Militär.

Juri Junkov

Genau wegen des Familiären liebt Eymann auch das Kleinbasel. «Ich mag die Mischung aus Stadt und Dorf. Darum wollte ich hier meine eigene Praxis eröffnen.» Die Vielfalt sei es, die er besonders schätze. Als Arzt im Kleinbasel sei er zu einem beträchtlichen Teil Sozialhelfer. Dieses Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten, von denen nicht wenige einen Migrationshintergrund hätten, gefalle ihm. «Darum bin ich noch heute, obwohl ich das Pensionierungsalter bereits überschritten habe, jeden Tag um sieben Uhr in der Praxis», sagt der Vater zweier Töchter.

Dennoch wurde Eymann schon vorgeworfen, sich zu stark für die Interessen der Wohlhabenden einzusetzen. In ihrer Mitte bewegt er sich auch mühelos: als Arzt des Theater Basel, als Leibarzt der japanischen Kaiserin bei ihrem Besuch 2002 in der Schweiz, als langjähriges Mitglied einer der drei Ehrengesellschaften und als Alt-Meister des Vogel Gryff. Nicht ohne Grund prangt an seinem Jackett eine Brosche: Das silberne L auf blauem Hintergrund ist der Beweis für seine Zugehörigkeit zum Lionsclub.

Eymann hingegen sagt bestimmt: «Ich sehe mich als Brückenbauer.» Sein Grossvater, der Bäcker, habe ihm einen Spruch von Gottfried Keller mitgegeben: «Achte jedes Mannes Vaterland, aber das deinige liebe.» Dahinter steht Eymann, der heute selbst Grossvater dreier Enkel ist, nur zum Teil: «Es braucht Augenmass. Die Schweiz und ganz besonders Basel waren schon immer sehr offen.» Und das solle so bleiben. In der FDP, der DSP und zuletzt in der LDP sei er darum meist «in der sozialen Ecke» gestanden. Eymann erzählt: «Bevor mein Bruder und ich zur LDP stiessen, war es eine Partei der vornehmen Basler. Wir kamen als Erste aus einer anderen Gesellschaftsschicht dazu.» Er ist sich sicher, dass das Volk mittlerweile begriffen habe, dass «die LDP kein Aristokraten-Verein ist, der aus dem Elfenbeinturm heraus politisiert».

28 Jahre und zahlreiche Anekdoten später

Doch jetzt ist für Felix Eymann Schluss. Nach sieben Legislaturen innert 28 Jahren als Grossrat tritt er Ende Januar aus dem Parlament aus. «Jetzt müssen jüngere Kräfte ran», sagt er. Für ihn wird Alex Ebi nachrücken, ihn kennt Eymann noch aus Handballer-Zeiten. Den Rücktritt will er aber nochmals für sich nutzen. Ganz loslassen kann Eymann eben nicht: «Früher hat man klassisch eidgenössisch und demokratisch Kompromisse gesucht. Heute kommen die Politiker mit vorgefassten Meinungen und marschieren im Gleichschritt», kritisiert Eymann. Er wünscht sich, dass sich das Basler Parlament wieder an seinem Namen, dem «Miteinander sprechen», orientiert.

Kurz vor Schluss des Gesprächs fällt Eymann noch eine Anekdote ein, die er unbedingt erzählen will. «Warten Sie schnell», sagt er und läuft zügigen Schrittes in das kleine Büro neben dem Sprechzimmer. Mit einem kleinen, silbernen Gegenstand in der Hand tritt er auf den Gang. Eine Patrone. «Die stammt aus Israel», sagt Eymann nicht ohne Stolz. Und schon ist er mittendrin in der Geschichte: Damals, in den 1980er-Jahren, als er als Arzt für die Rega unterwegs war. Einmal musste er in Israel zwischenlanden. Am Flughafen wurden er und sein Team «mit drei Schützenpanzern warmherzig empfangen». Eymann kam mit einem Soldaten ins Gespräch und schenkte ihm ein Militär-Sackmesser. Der Soldat revanchierte sich mit einer Patrone aus seiner Pistole. «Das waren schon abenteuerliche Situationen», sagt Eymann und schüttelt ungläubig den Kopf.