Im obersten Stock des neuen, imposanten Kunstmuseums, unter dem grossen, schönen Oblicht, gerät ein kleiner, zarter Mann ins Stolpern. Die Bewegung von Kopf und Armen zeigt, dass er seinem Fall etwas entgegenzusetzen versucht. Doch vergeblich. Er ist schon zu weit vornübergekippt und wird unweigerlich von seinem Sockel ins Nichts stürzen.

Alberto Giacomettis «Taumelnder Mann». Damit fängt es an. Das Leben, das von Beginn an fragil und bedroht ist. Und die erste Ausstellung im neuen 100-Millionen-Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel.

Der taumelnde Mann ist hier auch ein wenig wie ein erster Dominostein, der mit seinem Straucheln alles Weitere in Bewegung versetzt. Vielleicht stellt ihn Kunstmuseumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi auch deshalb an den Anfang seiner grossen Eröffnungsausstellung «Sculptures on the Move», die am 19. April offiziell beginnt.

Vom Taumelnden wird es dann bis ins Untergeschoss weitergehen mit Formen und Skulpturen, die zwischen 1946 und heute in Schwung geraten sind. Interessiert hätten ihn weniger Repräsentationen des jeweiligen Zeitgeists, vielmehr «der Moment der Innovation», sagte Mendes Bürgi gestern vor den Medien.

Barnett Newmans Zeichnungen

Beim Kunstmuseum geht es nun Schlag auf Schlag. Gestern ist der Neubau der Basler Architekten Christ & Gantenbein von den Behörden abgenommen und dem Kunstmuseum übergeben worden. Ebenso der sanierte Hauptbau. Ab übermorgen Montag beginnt der Einzug der Kunst. Im Hauptbau werden die bekannten Werke neu geordnet; manche – etwa Nafea aus der Kunstsammlung Staechelin – sind abhandengekommen, andere kommen hinzu – Gerhard Richters vierteilige Serie «Verkündigung nach Tizian». Sonderausstellungen finden künftig im dafür erstellten Neubau mit seinen grosszügigeren und klimatechnisch moderner ausgerüsteten Räumen statt.

Neben den bewegten Skulpturen von Brancusi über Beuys bis Serra widmet sich eine zweite Spezialausstellung den Zeichnungen und Druckgrafiken des amerikanischen Expressionisten Barnett Newman. Das Kunstmuseum war eines der ersten, das ihn schätzte und kaufte; eine Freundschaft entstand, die heute mit seiner Foundation weiter gepflegt werde, erzählte Kuratorin Anita Haldemann. Und so kann Basel hier aus dem Vollen schöpfen: Das Kupferstichkabinett besitzt Newmans gesamtes druckgrafisches Oeuvre sowie einige bedeutende Zeichnungen.

Newman ist bekannt für seine intensiven Farbflächen. Und für die Emotionen, die diese wecken können: Sein «Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue», löste bei manchen Betrachtern Ängste aus, die sich in den berüchtigten Attacken auf das Werk entluden.

Jackson Pollock mal figurativ

Der nächste Höhepunkt im Neubau folgt im Oktober: Jackson Pollock. Aber nicht der Pollock, der Farbe auf Leinwände schmeisst, sondern der andere, unbekanntere. Der figurative Pollock. Sie freue sich, «diesen grossen amerikanischen Künstler gegen den Strich zu bürsten», betonte Kuratorin und Vize-Direktorin Nina Zimmer. Seit 20 Jahren träume sie schon von einer Pollock-Ausstellung, sagte sie später unter vier Augen. Als Vorgeschmack zeigte sie Bilder Pollocks, die von mexikanischen Muralisten inspiriert waren, oder von der Inuit-Kunst sowie Picasso. Man spüre seinen Drang zur Abstraktion, sagte Zimmer, aber auch seinen Hang zur Darstellung.

Alle Kuratoren stellten ihre jeweiligen Projekte vor, auf die wir hier im Laufe des Jahres detailliert eingehen werden: Erasmus von Rotterdam wird eine prominente Rolle spielen. Und Jesus. Die Ausstellung «Archäologie des Heils» wird sich ab dem 10. September mit dem «Christusbild im 15. und 16. Jahrhundert» auseinandersetzen.

Neuer Name

Viel stärker betont wird nun auch die Dreieinigkeit des Kunstmuseums Basel. Der dritte im Bunde ist der Kleinste, der sich aber mit weniger bekannten zeitgenössischen Positionen am weitesten auf neue Äste wagt: Das Museum für Gegenwartskunst, das nun neu «Kunstmuseum Basel | Gegenwart» heisst. Es bietet nun die letzte Gelegenheit, vor der Eröffnung des Altbaus die Meisterwerke des Kunstmuseums gratis anzuschauen. Am 19. März eröffnet es eine neue Ausstellung des Künstlers Reinhard Mucha.

Der grosse Hype um das Kunstmuseum hat begonnen. Das Eröffnungswochenende verspricht Freude und Fest, Kunst und Staunen, Egos und Eitelkeiten. Und ganz zuoberst erinnert ein zarter Mann an die Zerbrechlichkeit des Lebens – und daran, worum es in der Kunst im Grunde geht: die Auseinandersetzung mit dem Menschsein.

Das Eröffnungswochenende beginnt für spezielle Gäste am 15. April. Die Öffentlichkeit ist am 17. und 18. April zum Besuch in alle drei Häuser eingeladen.