Basler Fasnacht

Der grosse Kater und die quälenden 72 Stunden: Dieser Fasnachtsmontag war wie keiner je zuvor

Statt Cortège und Räpplisääge vor Beizen stehen und Geselligkeit leben – am Montag musste die abgesagte und dennoch stattfindende Fasnacht ohne Inszenierung auskommen. Sie wurde auf ihr eigentliches Wesen reduziert.

«Jä nei, i ha doch scho gnueg!» – «Los jetzt, nimm se doch au!» Zwei Kostümierte ohne Larve schieben sich in der Gerbergasse gegenseitig Mimosen zu. Es sind Fasnächtler, die ihre Waren eigentlich am Cortège unter die Leute bringen wollten. Aber an diesem Montagnachmittag, es herrscht das typische Nieselregen-Cortègewetter, findet kein Cortège statt und die Gruppen verteilen ihre Ware auf Plätzen, auf der Mittleren Brücke und an Hausecken in der Innenstadt.

Das klingt nicht nur etwas deprimierend, es sieht auch so aus. Allerdings ist die Stimmung gelassen, ruhig. Man macht Fasnacht, ohne dass sie stattfinden darf – ohne die ganze Inszenierung mit üppigen Zugskostümen, Laternen, gewaltigen Wagen, Farbenpracht und Räpplisääge. Was bleibt, ist das nackte Wesen der Fasnacht, die Ursuppe: Geselligkeit unter Menschen, gewandet in gerade mal so viel Kostüm, wie es in Basel ungeschriebenerweise knapp geduldet und andernorts als völlig normal erachtet wird. Dazu etwas Traurigkeit, die übliche Melancholie, wenn man gemeinsam auf einer grauen Strasse vor einer Beiz steht und das Beste aus der wohl langweiligsten Zeit des Jahres macht. Wenn der Winter noch nicht ganz zu Ende ist und der Frühling erst ein zaghaftes Gefühl.

Wenn das Achtertram ums «Schiefe Eck» schleicht

Vor dem «Schiefen Eck» am Claraplatz ist das Gedränge an diesem Montagnachmittag besonders gross. Hier versammeln sich Guggenmusiker statt mit Instrument mit Bier in der Hand und in glänzende Stoffkutten gehüllt. Die Menge reicht bis auf die Gleise des Achtertrams, das hier vorsichtig um die Ecke biegt, trotz Werktagsverkehr.

Saggstarke Aktion – «Dr Cortège goht dr Bach ab»:

«Dr Cortège goht dr Bach ab! »Vis-à-vis des Basler Münsters liess sich am Montag ein Aktiver samt Piccolo den Rhein herunter treiben.

Vis-à-vis des Basler Münsters liess sich ein Aktiver samt Piccolo den Rhein hinunter treiben.

Dazwischen wuseln kleine Gruppen mit Leiterwagen, die ihre Blumen verteilen. Auch an jene omnipräsenten Polizisten, die sich nach der Patrouille auf dem Marktplatz treffen, wo statt einer Comité-Insel eine Community-Policing-Insel steht. Hier könnte man sich darüber informieren, was man an einer abgesagten Fasnacht tun kann, aber das will niemand. Die zwei Polizisten sind einsam. Hin und wieder marschieren mit erlaubten Gesichtsmasken verhüllte Fasnächtler aus der Freien Strasse mit Requisit vorbei. Beliebtes Motiv: Ein Waggis im Sarg.

Im Limbus arbeitsloser Fasnachtsseelen

Es ist der erste grosse Kater nach einem improvisierten Morgestraich, der geduldet wurde. Drastische Massnahmen hat dieser keine zur Folge. Der kantonale Krisenstab habe an seinem Montagsrapport keinen Anlass gesehen, in Bezug auf die Fasnacht Massnahmen zu ergreifen, die weitergehen als das bisher Beschlossene. Insbesondere wurde kein Ausschankverbot verfügt, wie Regierungssprecher Marco Greiner auf Anfrage sagt: «Die Behörden zählen weiterhin auf die Eigenverantwortung und die Solidarität in der Bevölkerung.» Für Wagencliquen wurde die Innerstadt gesperrt. Tatsächlich: Vor der Heuwaage wurden dafür sogar Polizisten abgestellt, die das durchsetzen sollten. Viel hatten sie nicht zu tun.

Der seltsame Morgestraich 2020 im Video:

Morgenstreich 2020

Denn die Fasnächtler sind schon im Limbus. Diesem tristen Aufenthaltsraum aller Seelen, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind. Halb zivil, halb kostümiert, ohne Larve und damit ohne Gesicht geistern sie arbeitslos durch die Stadt: Der Fasnachtstätigkeit beraubt, aber in bereits bezogenen Ferien weilend. So bleibt nur die eigene Kreativität, um sich so alltagsverträglich wie möglich zu beschäftigen – damit diese sonst im Flug vergehenden 72 Stunden nicht zur quälenden Unendlichkeit verkommen.

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