Herr Cramer, heute werden Sie zum Statthalter gewählt, ein Amt, das man normalerweise ein Jahr innehat, um sich auf das Präsidium vorzubereiten. Ihnen bleiben–als Nachfolger von Daniel Stolz– nur gerade drei Sitzungen. Ist das ein Handicap?

Conradin Cramer: Natürlich ist es wichtig, als Statthalter vorne zu sitzen und vom amtierenden Präsidenten zu lernen. Aber ich kenne den Ratsbetrieb schon seit einigen Jahren und traue mir zu, das Amt des Präsidenten auch nach drei Monaten «Lehrzeit» richtig auszuüben.

Was ändert sich für Sie, wenn Sie Grossratspräsident werden?

Das heisst für mich, dass ich eine Aufgabe antreten darf, auf die ich mich enorm freue. Es wird sicherlich sehr zeitintensiv, ich werde viele Veranstaltungen besuchen müssen und dürfen. Aber das ist ein Teil dieses Amtes und einer, der mich sehr reizt.

Wie sehen Sie die Aufgabe des Präsidenten im Grossen Rat?

Der Präsident ist ein Moderator. Er leitet die Diskussionen und sorgt dafür, dass der Rat sich so verhält und mit den Themen so umgeht, wie es die rechtlichen Grundlagen vorsehen.

Und nach aussen, als «höchster Basler»?

Der Titel des «höchsten Baslers» ist ein Konstrukt, das auf der Annahme basiert, dass die Legislative über der Exekutive steht. Aber natürlich, der Ratspräsident hat eine wichtige Funktion als Gesicht des Parlaments, so wie dies der Regierungspräsident für den Regierungsrat ist. Er vertritt an unterschiedlichsten Anlässen das Parlament und wie gesagt, auch darauf freue ich mich ausserordentlich.

Sie übernehmen ein neu gewähltes Parlament, wird das anstrengend, wenn man die neuen Kollegen erst noch einfuchsen muss?

Nein, es ist mir eine Ehre, die Legislatur eröffnen zu dürfen. Es wird sicherlich eine besondere Herausforderung, aber genau die reizt mich. Ein Parlament hat eine eigene Gruppendynamik. Es braucht Zeit, bis man sich gefunden hat, und gerade darum ist das erste Jahr einer Amtsperiode sehr spannend. Aber natürlich ist es mein Anliegen, das Parlament möglichst wirkungsvoll zu führen. Ich denke, es ist in unser aller Interesse als Milizparlamentarier – die ja zumeist voll berufstätig sind –, dass wir möglichst effizient arbeiten.

Sie waren ein sehr aktiver Jungpolitiker, in letzter Zeit wirken Sie eher im Verborgenen. Liegt das an Ihrem Beruf?

Sicher auch. In jüngeren Jahren hatte ich die Schule und das Studium. Daneben war die Politik Nebenjob und Hobby zugleich. Es machte enormen Spass, spektakuläre Strassenaktionen durchzuführen, wie etwa den Bau eines Eisbergs an der Schifflände. Heute bin ich Anwalt und Notar und habe einen ausgelasteten Arbeitstag. Die Politik ist nun eine sehr interessante Nebentätigkeit. Aber es macht mir mittlerweile mehr Freude, in Kommissionen zu arbeiten, an Vorlagen herum zu tüfteln und Kompromisse zu suchen.

Werfen wir einen Blick auf die politische Grosswetterlage, wo liegen die Herausforderungen in den nächsten vier Jahren?

Es ist wichtig, dass man sich als Kantonsparlamentarier bewusst ist, was man kann und was nicht. Wir können nichts gegen die globale Wirtschaftskrise tun. Auch nicht gegen die Frankenschwäche. Unsere Aufgabe wird es sein, die Stadt permanent weiterzuentwickeln. Und dafür zu sorgen, dass wir unser hohes Wohlstandsniveau mindestens erhalten. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich der Kanton nie auf seinen Lorbeeren ausruht.