Als hätte jemand einen Kessel voller Wachs über ihn geleert. So steht er da, Apostel Paulus, mit seinen 2,15 Metern überlebensgross in einem Riegelbau an einem der schönsten Flecken der Stadt. Nein, er ist derzeit nicht an seinem angestammten Ort an der Westfassade des Münsters anzutreffen, sondern unten in der «Dalbe», wo sich am Teich die Werkstatt der Münsterbauhütte befindet.

Halbzeit für Bildhauer Haiggi Baumgartner. Seit April arbeitet der Gipsabguss-Spezialist an der Sandsteinstatue, im Oktober muss er fertig sein, damit Restauratoren den Winter durch, wenn es zu kalt ist für Arbeiten am Münster selber, an Petrus werkeln können. Der Apostel ist das 480. Objekt, das Baumgartner in dreissig Jahren für das Münster kopiert.

Der Ablauf ist stets derselbe: Trennmittel einstreichen, um den Stein vor dem Silikon zu schützen. Dieses trägt Baumgartner mit Pinsel und Spray auf, bis es fünf Millimeter bis ein Zentimeter dick ist. Später sorgt eine Stützform für Halt. Doch so weit ist er bei Paulus noch nicht. Das heisst, nicht beim ganzen Paulus. Erst die rechte Hand mit dem Buch und die linke Hand mit dem Schwert sowie der Kopf des Heiligen sind bereits abgegossen und stehen als Gipsform in der Werkstatt.

Petrus und Paulus sind Nachzügler

Später werden die Teile mit dem Gipskörper vereint – und fertig ist das Abbild des Originals. Dieses dient als Vorlage für jene Teile, die ersetzt werden müssen. Nach etlichen Reparaturen mit Mörtel, Dübel und Klebestoff braucht Paulus nach 127 Jahren neue Hände. «Eine vernünftige Reparatur ist nötig, denn so hält es nicht ewig», sagt Hüttenmeister Ramon Keller.

127 Jahre? Aber das Münster ist doch bald 1000 Jahre alt! Richtig. Der Bau schon, das Apostelpaar Petrus und Paulus aber kam erst viel später dazu. Während der Aussenrenovation des Münsters von 1880 bis 1890 sprach die Kommission des Münsterbauvereins Geld für die Bestückung zweier leer stehenden Tabernakel an der Fassade. Der Entscheid fiel auf Petrus und Paulus. Es sind die einzigen neugotischen Figuren am Münster. Und bloss, weil sie weit jünger sind als alle anderen, sind sie nicht minder wertvoll. «Jede erste Figur ist wertvoll», sagt Baumgartner.

«Ganz einfach darum, weil es die erste ist, das Original.» Petrus, der am Münster links von Paulus steht und einen Schlüssel in der Hand hält anstelle eines Schwertes, hat den Aufenthalt in der Bauhütte bereits hinter sich. Seit über einem Jahr steht die Statue in neuem Glanz an ihrem Platz.

Selbst für Kenner dürfte es schwer sein zu erkennen, was neu ist an Petrus. Die Witterung hat ihm dasselbe Schicksal beschert wie Paulus und seine Hände geschädigt. Zu Beginn unterschied sich das aus Naturstein bestehende Ersatzmaterial vom Original, inzwischen hat es aber Patina angesetzt und sich farblich angepasst.

«Warum scannen Sie die Figuren nicht digital, anstatt sich die Mühe eines Gipsabgusses zu machen?», wird Baumgartner oft gefragt. Die Frage sei berechtigt, antwortet er jeweils, irgendwann werde man so verfahren. «Noch bietet der Printprozess jedoch nicht die nötige Oberflächenqualität», sagt er. «Man kann nicht jedes ‹Rissli› sehen.»

Das sei aber wichtig: Sollte an einer Figur ein Schaden entstehen, könnte man im Lager, wo die Kopien aufbewahrt werden, nachsehen, wie die Figur ursprünglich ausgesehen hat. Baumgartner setzt auch beim Material auf Altbewährtes und verwendet ausschliesslich Gips für die Abgüsse und nicht etwa Kunststoff. «Die Figuren müssen mindestens 500 Jahre halten. Ob Kunststoff so lange überdauern würde, weiss man schlicht noch nicht», sagt Baumgartner. Mit Gips sei man auf der sicheren Seite.

Strenger Blick wegen Halbmonden

Ob ein Winter reicht, um Paulus gesund zu restaurieren, hängt von der Arbeit ab, die am Münster anfällt. Möglich, dass Paulus zwei Winter in der «Dalbe» verweilen – und sein Kollege Petrus die Kirchenbesucher weiter allein begrüssen muss. Paulus selber wird immerhin bald vom Silikon befreit, doch menschliche Gesellschaft hat er im Vergleich zu Petrus wenig.

Ausser, wenn Interessierte zu Führungen kommen und Baumgartner ihnen nebst Handwerklichem verrät, was es mit den Statuen sonst auf sich hat. Er macht etwa auf die Iris in Paulus’ Augen aufmerksam, die aus Halbmöndchen bestehen. «So wird der Blick verstärkt», erklärt Baumgartner, der die Tricks der alten Künstler kennt. Besser aber kennt er die Figuren, die sie einst geschaffen haben.