Zwei Herzen schlagen in seiner Brust: Bevor er am heutigen Samstag in der Stadt einen traditionell linken Strassenwahlkampf macht, trifft der 58-jährige Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin (SP) die bz am Stadtrand in einem Gebäude, das die blühende Wirtschaft symbolisiert.

Herr Brutschin, warum treffen wir uns gerade hier auf dem Stücki-Areal?

Christoph Brutschin: Der Technologiepark war einer der wesentlichen Meilensteine dieser Legislatur. Hier arbeiten inzwischen 130 Leute und es werden mehr. Das sind die Arbeitsplätze von morgen.

Mehr Arbeitskräfte aus Drittstaaten werden es – zumindest 2016 – nicht mehr, die Kontingente sind praktisch ausgeschöpft. Das macht einen solchen Standort nicht gerade attraktiv.

Unattraktiv ist Basel nicht, sonst würden sich kaum immer noch ausländische Firmen ansiedeln. Wenn der Bundesrat jedoch darauf beharrt, schweizweit nur 6500 statt wie früher 8500 Kräfte aus Drittstaaten zuzulassen, wird es schwierig. Was die Kontingente angeht, so müssen wir uns vorerst mit den verbleibenden Kurzbewilligungen arrangieren.

Der Erhalt der bilateralen Verträge ist für Sie entscheidend für eine gute Schweizer Wirtschaft, die SVP sieht das ganz anders. Möglicherweise haben sie mit Lorenz Nägelin bald einen SVP-Kollegen in der Regierung. Was würde das für Basel konkret heissen?

Ausschliessen kann man nichts, das macht mir tatsächlich Sorgen. Zumal der Kandidat sich nicht von der SVP-Politik distanziert. Dieses Vorgehen bleibt für mich problematisch. Wir von der SP haben uns bei manchen Initiativen auch gegen die Partei gestellt. Bei der 1:12-Abstimmung sind Eva Herzog, Hans-Peter Wessels und ich für ein Nein eingestanden.

Wie wollen Sie verhindern, dass der Sitz der Grünen an die SVP geht?

Wir müssen die Leute überzeugen, dass sie mit einer linken Mehrheit, respektive ohne einen SVP-Vertreter, besser fahren. Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative ist nur ein Argument gegen die SVP, ein anderes ist deren Menschenbild, das nicht ins weltoffene Basel passt.

Die Wirtschaftsverbände unterstützen die SVP und nicht die SP. Für Sie als Wirtschaftsminister dürfte das hart sein. Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den Verbänden?

Ach, das ist «Courant normal». Solche Äusserungen sind ja oft bloss Wahlkampfgetöse. Nach den Wahlen müssen sich die Verbände allerdings überlegen, ob sie die Interessen ihrer Mitglieder vertreten oder der verlängerte Arm von Parteisekretariaten sein wollen.

Der Vorwurf aus Wirtschaftskreisen an Sie lautet: zu links! Ihre Leute aber sagen, sie seien in wirtschaftlichen Fragen zu liberal. Was stimmt jetzt?

Wenn das so stimmt, scheine ich ganz gut zu liegen. Ich möchte der Wirtschaft im Rahmen der Gesetze möglichst freie Hand lassen und Rahmenbedingungen schaffen, mit denen die Unternehmen gut arbeiten können. Das wirtschaftliche Ergebnis sollte dann besteuert werden und so die Sozialleistungen finanzieren. Denn meiner Meinung nach sollen alle Menschen an solchen Erfolgen teilhaben können.

Das Sorgenbarometer der Wahlumfrage von bz und «Tageswoche» zeigt, dass die Steuerbelastung nicht zu den grössten Sorgen gehört, die Wohnungsnot ist viel wichtiger. Und jetzt lassen Sie in der Innenstadt einen Neubau für das Amt für Umwelt und Energie bauen, statt Wohnungen zu errichten. Ist das nicht eine Klatsche?

Naja, so viele Wohnungen hätten in diesem Bau nicht Platz. Vorgesehen sind etwa 70 Büroarbeitsplätze. Das Amt muss aus dem jetzigen Bau in Kleinhüningen ausziehen, da dieser abgerissen oder total saniert werden muss. Neue Wohnungen können also dort entstehen.

Kleinhüningen ist im Vergleich zur Innenstadt keine attraktive Wohnlage.

Doch, dort ist der Bodenpreis günstig, sodass wir erschwinglichen Wohnraum schaffen können. Ausserdem ist der Ort gut erschlossen und der Hafen, an dem viele Junge verkehren, ist um die Ecke.

Und mit dem Stücki gibt es auch ein schlecht laufendes Kaufhaus – gleich gegenüber des Büros im Technologiepark, wo wir jetzt zusammen reden.

Diese Entwicklung macht mir Sorgen, auch, weil das Stücki eine Aufwertung für Kleinhüningen ist. Dass die Betreiber trotzdem nicht auf einen grünen Zweig kommen, hat aber verschiedene Gründe.

Der Spagat zwischen linken und wirtschaftlichen Anliegen wird mit der Zeit sicher anstrengend. Wie wäre es mit einem Departement, bei dem sie konsequent links sein könnten?

Dieser Spagat ist es, der meinen Job ausmacht. Es ist spannend und in meinen Augen kein Widerspruch. Ein Wechsel ist für mich kein Thema. Es gibt so viele Projekte, die ich begonnen habe und in der neuen Legislatur zum Abschluss bringen will.

Im Gegensatz zu Kollegen wie Hans-Peter Wessels oder Baschi Dürr bietet ihr Departement wenig Angriffsfläche, dennoch beschäftigen auch Ihre Themen die Leute: Der 80-Millionen-Deal etwa, den Sie eingefädelt haben, finden nicht alle toll. Wie begründen sie diese Entscheidung bei den Wählern?

Tatsächlich fragen mich beim Strassenwahlkampf immer wieder Leute, warum wir dem Baselbiet so viel Geld geben. Ich erkläre ihnen, dass wir andernfalls eine Kündigung des Univertrags riskiert hätten. Ausserdem haben uns die Baselbieter vor nicht allzu langer Zeit mit dem Abschluss des Univertrags auch geholfen.

Schlucken das die Leute?

Sie können den Entscheid mit dieser Erklärung zumindest besser nachvollziehen.

Entschuldigen Sie meinen abrupten Themenwechsel, aber mein Chef möchte hier unbedingt noch etwas zum Thema Fussball lesen. Und zwar für einmal nicht über den FCB ...

(Lacht). Sie sprechen meine Leidenschaft für den Englischen Fussball an. Seit 1978 reise ich jeweils an Ostern mit ehemaligen Fussballkollegen nach England und wir schauen uns von Karfreitag bis Ostermontag bis zu sechs Spiele an. Ziel ist es, dass das vierköpfige Kernteam die Heimstadien aller 92 Profi-Fussballclubs auf der Insel mindestens einmal gesehen hat. Aktuell sind wir bei knapp 70.

Es heisst immer wieder, sie könnten sehr aufbrausend sein. Fussball ist kein geeignetes Thema, um diese Seite in Ihnen zu wecken. Was muss ich fragen, damit Sie wütend werden?

Wütend machen mich am ehesten Personen mit bestimmten Charaktereigenschaften, Sachfragen hingegen eigentlich nicht.

Ich probier es mal damit: Die SVP hat reelle Chancen. Wie ist Ihre Prognose?

Das kann ich nicht sagen, aber es wird für uns kein Spaziergang. Hans-Peter Wessels, meine Kolleginnen und ich kämpfen derzeit auf der Strasse für weitere vier Jahre mit einer links-grünen Mehrheit.