Ein Gespräch mit dem ehemaligen Bürgermeister von Reykjavík sollte man an einem Stammtisch führen oder in einem blubbernden Whirlpool. Die locker-lustige, aber auch ruhig-nachdenkliche Unterhaltung passt nicht in das ungemütliche Hotelfoyer hinein, in dem wir Jón Gnarr am Tag nach seiner BuchBasel-Lesung treffen.

Welche Frage stellt man Ihnen besonders oft an Lesungen?

Jón Gnarr: Meistens wollen die Zuschauer wissen, ob man «Die Beste Partei» überall gründen kann und wie man vorgeht. Ich antworte natürlich mit Ja. «Die Beste Partei» kann und sollte überall gegründet werden. Solange es keine «Beste Partei» gibt, gibt es nur durchschnittliche und schlechte. Mein nächstes Buch, das ich schreiben werde, wird übrigens eine Anleitung sein, wie man «Die Beste Partei» gründet.

Gibt es «Die Beste Partei» bereits in anderen Ländern?

Es gibt Initiativen und einige politische Kandidaten in der Slowakei und in Tschechien, aber meistens sind es Individuen, die im Namen oder zumindest in der Ideologie der «Besten Partei» politisieren. Ich hatte eine Zeit Kontakt mit einem deutschen Komiker (Anm. d. Redaktion: Martin Sonneborn von «Die Partei»). Er schrieb mir, dass er als Bürgermeister-Kandidat einer deutschen Stadt ins Wahl-Rennen ziehe. Er bereitete gerade seine Kampagne vor und wollte wissen, ob er die «Beste Partei» und ihre Slogans benutzen dürfe. Ich war selbstverständlich einverstanden. Er hatte damals noch keine Partei hinter sich, die ihn unterstützen konnte, und trat den Wahlkampf alleine an. Er wurde tatsächlich gewählt. Ich mag mich leider nicht mehr an seinen Namen erinnern. Ich habe aber seinen Kontakt noch.

Gnarr sucht schweigend im Telefonbuch seines Smartphones.

Nein, ich finde ihn nicht.

Bekommen Sie viele E-Mails von Anhängern der «Besten Partei»?

Oh, ja. Ich komme gar nicht mehr dazu, ihnen zu antworten. Es ist nun etwas mehr als ein Jahr vergangen, seit ich mein Amt als Bürgermeister abgegeben habe. Am Anfang erhielt ich täglich 600 E-Mails. Ich habe ungefähr 30 000 ungelesene Mitteilungen in meinem Postfach. Es ist einfach unmöglich, alle zu lesen.

Stört es Sie, dass Sie nicht alle beantworten können?

Oh, nein. Ich gestehe, dass ich machtlos bin.

Wie ist es, berühmt in Island zu sein?

In Island sind berühmte Persönlichkeiten keine Berühmtheiten. So was gibt es einfach nicht.

Gnarrs Telefon klingelt «London Calling», er stellt es kommentarlos ab.

Björk wird auf der ganzen Welt von Paparazzi verfolgt, sie stehen vor ihrem Hotel und warten auf sie, aber in Island kann sie ungestört im Supermarkt einkaufen.

Wieso ist das so?

Ich nehme an, das hat mit der isländischen Kultur zu tun. Mich stört auch niemand. Ich spaziere in der Stadt, kaufe im Buchladen ein, ohne von irgendjemandem belästigt zu werden.

Ziehen Sie sich im öffentlichen Schwimmbad immer noch nackt aus und gehen in den Whirlpool, so wie alle anderen?

Klar. Die Einzigen, die es erstaunt, mich auf Plakaten zu sehen, sind Freunde aus dem Ausland. In Island ist das allen egal.

Wurden Sie schon bedroht, oder haben sich in einer Situation befunden, die Ihnen Angst einjagte?

Nein, nie. Es gab bis jetzt keinen Grund, Angst zu haben. Wir haben viel darüber gesprochen, als ich Bürgermeister wurde. Nach der Krise, den Protesten und Aufständen wurden in Island die Sicherheitsvorkehrungen für Politiker erhöht. Ich wollte davon keinen Gebrauch machen. Ich gehe alleine in die Stadt und wenn ich auf Aktivisten treffe, spreche ich mit ihnen.

Einmal mussten Sie aber in einen Supermarkt flüchten.

Das ist lange her. Ich wurde von einem Verrückten verfolgt und versteckte mich in einem Buchladen. Ich schrie die Kassierer an, die Polizei zu rufen, aber die lachten nur, weil sie dachten, ich würde einen Radioscherz inszenieren. Ich rannte in den ersten Stock, versteckte mich hinter den Büchern und rief die Polizei selber an.

Mich erstaunt es, dass Sie keine Angst haben. Sie sind schliesslich für eine anarchische, konterrevolutionäre, Anti-Mainstream-Haltung bekannt. Ich dachte, Sie würden damit viele Menschen ärgern.

Ich habe es bis jetzt nicht zu spüren bekommen. Meine Sicherheit war bis anhin immer gewährleistet. Natürlich werde ich verbal angegriffen. Viele Menschen regen sich zum Beispiel darüber auf, dass ich ein bekennender Atheist bin. Natürlich schauen mich manche mit einem Blick an, der mir sagt, dass ich mich lieber in Acht nehmen sollte.

Und das zählen Sie nicht als Aggression?

Doch, das tue ich schon. Aber im Vergleich zu vorher ist es harmloser. Als ich Komiker war, wurde ich mehrere Male attackiert. Nach einer Show wartete ich zum Beispiel in einer Bar und wurde von einem Seemann angesprochen. Er fand meine Sketche überhaupt nicht lustig. Ich sagte ihm im Scherz, er hätte keinen Humor und erhielt dafür eine Gerade mitten auf die Nase.

Wie kommen Sie mit radikalen, menschen- und fremdenverachtenden Menschen ins Gespräch?

Ich denke, der beste Weg ist Comedy. Humor ist die beste Methode, um Menschen mit Fakten zu erreichen. Zum Beispiel zum Klimawandel. Ich habe mir überlegt, ob man TV-Serien für Leugner des Klimawandels produzieren könnte. Man könnte sich über sie lustig machen, damit diejenigen, die die Serie kucken, nicht auch so werden wollen und sich anders verhalten, damit sie nicht auch ausgelacht werden. «The Best Party» ist auch Comedy, aber eben auf politischer Ebene. Ängstliche und erzürnte Menschen, auch solche mit Vorurteilen und faschistoiden Fantasien sind humorlos und verstehen Humor nicht. Gegen sie gewinnt man so jede Debatte. Europa braucht jetzt genau so eine surrealistische Bewegung in der Politik.

Ist es schwierig, seinen Humor nicht zu verlieren, wenn man Politik macht?

Ich habe so oft mit anderen debattiert und es war immer frustrierend, weil es egal ist, was ich sage, es geht für sie nur darum, ihren eigenen Standpunkt zu erhärten. Mich haben solche Debatten immer ausgelaugt. Sie wollten zum Beispiel immer von mir wissen, ob ich für oder wider den EU-Beitritt bin. Ehrlich gesagt, ist es mir egal. (lacht). Ich glaube nicht, dass der Beitritt viel ändern würde. Schlussendlich geht es wieder ums Geld. Und der Euro ist nicht einmal cooles Geld. Der Dollar ist cool, der Euro ist langweilig und zu sehr designt.

Jón Gnarrs Frau Jóhanna Jóhannsdóttir gesellt sich zum Gespräch.
Jóhanna Jóhannsdóttir: Jón wurde auch oft gefragt, ob er den isländischen Flughafen verlegen wolle, wie er ihn verschieben wolle und wohin? Aber wie versetzt man einen Flughafen? Ich habe das noch nie gemacht.
Gnarr: Ich versuchte in solchen Momenten, mit Nonsense-Antworten auszuweichen. Vielleicht würden wir in ein paar Jahren teleportiert. Vielleicht hat Apple bis dahin eine App entwickelt, die uns per Knopfdruck in andere Länder beamt? Das verändert doch die Debatte über Flughäfen grundsätzlich, oder nicht?

Ist es nicht gefährlich, als Bürgermeister zwischen Humor und Ernsthaftigkeit zu changieren? Wurden Sie nicht auch missverstanden?

Einmal gab ich ein Interview, in dem genau das passiert ist. Ein französischer Journalist fragte mich die seltsamsten Fragen, so à la «gebrauchen Sie Internet? Mögen Sie es? Benutzen Sie Facebook? Was schauen Sie sich im Internet an?», so kindische fragen. Ich antwortete scherzend «Hauptsächlich Pornos». Und sagte noch, nein ich Scherze und benutze hauptsächlich Wikipedia, Google und News. Das Interview machte am nächsten Morgen die Schlagzeilen auf der ganzen Welt mit «Jón Gnarr steht auf Porno / Bürgermeister ist pornosüchtig».

Das tut mir Leid. Würden Sie ihre Kandidatur als Bürgermeister trotz allem wiederholen? Würden Sie im Nachhinein noch einmal antreten?

Gnarr: Oh ja. Es hat so Spass gemacht und es war den Aufwand wirklich wert.
Jóhannsdóttir: Wir haben das beste Zeugnis bekommen. Heute spricht niemand mehr über den Porno, sondern darüber, ob Jón Präsident von Island wird. Das könnte das nächste Projekt sein.