Wo wir uns treffen? Ja, am Wasser natürlich, am Rhein… denn Bianca Nussbergers Element ist das Wasser. Schon als Kind musste sie immer am Wasser sein. Und wenns warm ist, geht sie täglich schwimmen im Rhein. Vor anderthalb Jahren wurde Wasser zum beruflichen Lebensinhalt: Sie heuerte als Schmuck- und Parfumverkäuferin auf einem mittelgrossen, eleganten Kreuzfahrtschiff für 1500 Passagiere und 500 Crewmitglieder an. Als Mitarbeiterin des Basler Dutyfree-Konzerns Dufry hatte sie beste Qualifikationen. Ein Traum schien wahr zu werden: Jeden Tag in einem anderen Hafen, täglich der Blick aufs Meer, die untergehende Sonne, Möwen, Delfine, der Wind in den Haaren…

Doch unter Deck war nichts mit Traumschiff. «Die Boutique lief zwar sehr gut. Aber wenn man mit den Kolleginnen nicht auskommt, kann der Job zur Hölle werden. Man kann nicht einfach weg. Die ersten drei Wochen bin ich nicht von Bord gekommen, ich hatte Zwölfstundentage und keine Freizeit.» Zudem war das Essen für die Besatzung miserabel. «Ich habe in drei Monaten acht Kilo abgenommen», sagt Bianca Nussberger.

«Erlaubt war nichts», sagt sie. «Manchmal gab es frühmorgens Zimmerkontrollen, ob wir Alkohol oder Lebensmittel in der Kajüte versteckt hatten und die Kabine aufgeräumt war. Zwei Verwarnungen, dann fliegst du raus.» Aufenthalt war nur in Crewräumen erlaubt. Diese waren zuunterst. Gesetze zum Schutz der Crew habe es faktisch keine gegeben. Und wenn es einen Landausflug gab, dann nur ganz kurz: «In Odessa am Schwarzen Meer war ich gerade mal drei Stunden, in Venedig vier.»

Ihren Kolleginnen und Kollegen, meist Philippinos, Rumänen und Bulgaren, erging es nicht anders. Ihr Verdienst: 900 Euro pro Monat, abzüglich 150 Euro Versicherung und einen Betrag für Trinkwasser. Und trotzdem: Bianca Nussberger wollte nicht aussteigen, sondern ihre sechsmonatige Tour durchstehen. Ihr blieb nicht anderes übrig. Sie war ohne Wohnung und Job und ohne Geld für den Rückflug.

Doch zurück in Basel geschah etwas Sonderbares: Sie wollte zurück aufs Schiff. Dieser Blick aufs Meer, auch wenn er nur ein Mal pro Tag und ganz kurz war, diese Luft… sie heuerte wieder an, ihr Arbeitgeber, der deutsche Reisedetaillist Heinemann, nahm sie mit Handkuss.

Auch sehr schöne Momente

Aber diesmal hatte sie Glück. Das Schiff MS Delphin war ein Drittel so gross wie das vorhergehende, die Atmosphäre persönlich, die Küche gut, die Freiheiten der Crew viel grösser. Ausserdem konnte sie Nebenjobs wie Reiseleitungen bei Landausflügen übernehmen und half, Crew-Shows zu organisieren. «Das Leben an Bord schweisst zusammen. Ich habe noch heute Kontakt zu einigen ehemaligen Kollegen und Kolleginnen».

Und dann gings sechs Wochen in die Antarktis. «Viermal passierten wir die Drake-Strasse. Dort ist die See extrem rau», sagt Bianca Nussberger. «Einmal war Sturm. Ich habe mir eine gewisse Seekrankheit-Immunität zugelegt. Aber mir war sehr mulmig. Einem anderen Schiff hatte ein Brecher die Frontscheiben der Brücke eingedrückt.»

In Basel schwankte der Boden

Seit Mai ist sie wieder in Basel und merkt schon jetzt, dass sie hier auf Grund läuft. Die Rückkehr ist schwieriger als erwartet. Die Arbeitslosenversicherung brummt ihr eine lange Karenzfrist auf. Unterwegs konnte sie sich wegen der starken Arbeitsbelastung nicht um eine neue Stelle kümmern. Sie stellt fest, dass sie weder AHV noch Pensionskasse einbezahlt hat. Sie will nicht zurück ins Büro, eine gewöhnliche Boutique reizt sie nicht. Ihre Bewerbung bei einer Airline dürfte eine Ersatzhandlung sein. Noch eine ganze Weile schwankt der Boden unter den Füssen – am Festland! Ihr Gleichgewichtssinn hatte sich vollständig auf Seegang eingestellt.

Es zieht sie wieder Richtung Meer. «Es gibt Leute, die sind richtig süchtig danach», sagt sie. «Aber irgendwie darf ich den Boden nicht unter den Füssen verlieren.» Entzugskuren für Seesüchtige gibt es noch keine.