Arbeitsintegration

Der Jobshop ist geschlossen, der Leiter fristlos entlassen

Der Sprecher der Werkstatt Jobshop, Peter Meier (3. von rechts), fordert vor der Versammlung die Wiedereröffnung der Werkstatt.

Der Sprecher der Werkstatt Jobshop, Peter Meier (3. von rechts), fordert vor der Versammlung die Wiedereröffnung der Werkstatt.

In der Stiftung Sucht rumort es gewaltig: Die Werkstatt Jobshop ist geschlossen, deren Leiter wurde gekündigt. Sozial Benachteiligte können momentan nicht arbeiten.

Der Unmut war gross. Gegen 30 suchtbelastete und sozial benachteiligte Menschen versammelten sich gestern Vormittag vor dem Jobshop (siehe Box) an der Wallstrasse. Die Werkstatt der Stiftung Sucht bleibt für zwei Wochen geschlossen. Damit sind die Randständigen nicht einverstanden. «Für uns sind die 20 Franken, die wir hier pro Tag verdienen können, ein wesentliches Zusatzeinkommen», sagt etwa Kaspar Richner. Ausserdem biete die Arbeit im Jobshop einen geregelten Tagesablauf und die Möglichkeit, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. Peter Meier, der Sprecher des Jobshops, forderte in einer Ansprache, die Werkstatt müsse sofort wiedereröffnet werden.

Vorwurf der Illoyalität

Der Grund für die vorübergehende Schliessung: Die Stiftungsleitung hat Werkstattleiter Robert Schreiber fristlos gekündigt. Offenbar geht es um fehlende Loyalität der Stiftung gegenüber. Die Entlassung macht die Werkstattarbeiter zornig. Schreiber habe enorm viel für die sozial Benachteiligten getan, sagt Richner. Er habe ein neues Geschäftsmodell eingeführt, Aufträge von Unternehmen eingeholt und ihnen dadurch eine wirklich sinnvolle Arbeit ermöglicht.

«Früher haben wir im Jobshop nur Beschäftigungstherapie verrichtet», so Richner.
Die Arbeit in der Werkstatt ist offenbar beliebt. 40 bis 50 Personen finden Platz zum Sortieren, Verpacken oder Montieren – laut Richner zu wenig. Jeden Tag würden Arbeitswillige wegen des Platzmangels abgewiesen.

Nach den Gründen für die fristlose Entlassung Schreibers gefragt, sagt der Vize-Präsident der Stiftung Sucht, Thomas Bein, lediglich: «Es hat Differenzen zwischen der Geschäftsleitung und Robert Schreiber gegeben bezüglich der Art und Weise, wie er den Jobshop geführt hat.» Bein führt aus: «Schreiber hat mehr als eigenständiger Unternehmer agiert denn als Teil der Stiftung Sucht, gegenüber der er gewisse Verpflichtungen einzuhalten gehabt hätte.» Auch habe Schreiber wiederholt administrative und disziplinarische Fehler begangen.

Die Kündigung ist der vorläufige Höhepunkt von Querelen, die in der Stiftung seit Anfang Jahr herrschen. Involviert ist die Familie Schreiber um Stiftungsgründer Hans-Peter Schreiber und sein Sohn Robert einerseits und die Geschäftsleitung der Stiftung Sucht andererseits. Robert Schreiber äusserte sich gestern nicht zu seiner Entlassung und der Schliessung des Jobshops – dafür sein Vater Hans-Peter, der unter den gut 30 Besuchern der Versammlung vor der Werkstatt weilte. Schreiber senior war von der Gründung an 43 Jahre lang Stiftungspräsident, ehe er sein Amt vor gut einem Jahr abgab. Nun wittert der emeritierte Ethik-Professor einen Komplott gegen seine Familie: «Die Stiftungsleitung wollte uns draussen haben. Das hat sie geschafft.» Er habe den Jobshop aufgegeben und mit der Stiftung abgeschlossen, sogar den Titel des Ehrenpräsidenten abgegeben. «Mein Lebenswerk ist zerstört», sagt Schreiber, der bald 80 Jahre alt wird. Dass die sozial Benachteiligten nicht mehr arbeiten könnten, sei ein «schwerer Schlag gegen die Würde dieser Menschen».

«Eine prägende Figur»

Zum Bruch mit der Familie Schreiber äussert sich Stiftungs-Vize Bein wie folgt: «Wir hätten viel darum gegeben, dass es nicht soweit kommt. Hans-Peter Schreiber war eine prägende Figur. Wir sind überhaupt nicht glücklich.» Bein weist darauf hin, dass der Betrieb im Jobshop nach dem zweiwöchigen Unterbruch normal weiterlaufe. Eine interimistische Leitung ist demnach bereits bestimmt, und die Auftraggeber haben zugesichert, weiterhin mit der Stiftung zu kooperieren.

Möglicherweise droht dem Jobshop bald Personalmangel statt -überfluss. Hans-Peter Schreiber plant, unabhängig von der Stiftung Sucht eine neue Werkstatt auf die Beine zu stellen, in der sozial Benachteiligte Arbeit finden. «Und zwar möglichst schnell», stellt er klar. Die Suche nach einem geeigneten Lokal läuft.

An Jobshop beteiligt sich unter anderem der Kanton mit einem Betriebsbeitrag von 50'000 Franken. Letztes Jahr spendete die Novartis ausserdem 55'000 Franken. Das Pharmaunternehmen wollte sich gestern nicht zum Fall äussern.

Meistgesehen

Artboard 1