Manchmal lässt sich Gut und Böse einfach kategorisieren. Zumindest aus Sicht der Jungsozialisten. Paul Bulcke, CEO des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé zum Beispiel, ist böse. Ein klarer Fall. Nestlé ist gross, global, gewinnorientiert. Deshalb gab es Montag auch einen Protest vor der Universität, als Bulcke einen Vortrag vor der Statistisch-Volkswirtschaftlichen Gesellschaft hielt. Drinnen waren die Rechten. Draussen die Linken.

Letztere wissen auch genau, was gut ist. Gut ist das Gegenteil von böse, das Gegenteil von Nestlé: Klein, lokal, gemeinnützig. Zumindest was das Kriterium lokal anbelangt, sind sich Juso, Grüne, SVP und Bauern für einmal einig. Eine Gruppe von Gleichgesinnten, zu der auch immer mehr Konsumenten, das heisst potenzielle Wähler, stossen.

So vermischen sich die Grenzen zwischen Gut und Böse, wenn es um die Lebensmittel-Frage geht. Das zeigen auch die Ankündigungen zur Lancierung der jüngsten Volksinitiativen in diesem Bereich. Die Grünen möchten Schweizer Qualitätsstandards für importierte Lebensmittel durchsetzen. Und die SVP und die Bauern wollen einen höheren Selbstversorgungsgrad in der Schweiz – wenn auch noch keine Einigkeit darin besteht, wie das konkret umgesetzt werden soll.

«Bezug zu den Nahrungsmitteln»

Die Lebensmittelfrage ist in der Schweiz aktueller denn je. Oder eher: So aktuell wie vielleicht seit der Anbauschlacht während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr (siehe Text links). Einer, der das Thema Nahrungsmittel schon vor ein paar Jahren für sich entdeckt hat, ist Bastiaan Frich, führender Kopf der Basler Urban-Agriculture-Bewegung. Frich ist keiner, der Biosuisse predigt und Aldi isst. Er fragt in Restaurants konsequent nach Schweizer Produkten und öffnete für die «Basler Zeitung» unlängst seinen Kühlschrank, voll mit Gemüse aus der Region. «Ich möchte einen Bezug zu den Nahrungsmitteln haben, die ich esse, und nicht auf Kosten des Leides anderer Menschen oder Tiere konsumieren», sagt Frich.

Der Biologie-Student ist ein geübter Redner. Etliche Male hat er seine Ideen in den vergangenen drei Jahren den Medien geschildert. Journalisten fanden Gefallen an den urbanen Gärtnern, die den Dreck in Einkaufswagen und Blechtonnen zurück in die Stadt holten, sich Gemeinschaft und Selbstversorgung auf die Fahne schrieben und den biederen Schrebergarten-Mief irgendwie abzuschütteln wussten. Obwohl ihr Konzept im Grunde gar nicht so anders ist als jenes der Familiengärtner. Die Stadtbauern wollen pflanzen, draussen sein, Freunde treffen, Gemüse ernten. Vielleicht sind die Grenzen ihrer Gärten etwas weniger klar gezogen. Und sie mögen Unkraut lieber als gedüngten Rasen.

Unkraut ist nicht genehm

Unkraut ist allerdings Cristoforo Crivelli, dem Co-Präsidenten der Basler Familiengärten, gar nicht genehm. Dass «diese Urban-Agri-wie-heissen-die-nochmals?» sich am Gärtnern in der Stadt erfreuen würden, sei ja begrüssenswert. Allerdings habe er den Eindruck, die Bewegung befinde sich «gerade in der Talsohle». Indiz dafür ist aus Crivellis Sicht der «mittlerweile verlotterte» Gemeinschaftsgarten im Landhof. Dieser mache nach aussen einfach keinen guten Eindruck.

Crivelli kennt auch einen Fall, bei dem sich eine urbane Gärtnerin in ein Familiengartengemeinschaft eingeschlichen hat und dann das Unkraut wuchern liess, was für die Pächter nebenan natürlich ganz und gar unerfreulich sei. Wer einen Familiengarten hat, müsse sich an die Regeln halten. Und darin unterscheiden sich laut Crivelli die Familiengärtner auch von den neuen, urbanen Gärtnern. Es würden Regeln gelten, an die sich alle halten müssen.

Dass sich seine Bewegung gerade in einer Talsohle befindet, würde Bastiaan Frich wohl vehement bestreiten. Obwohl er nicht gerne streitet und schon gar nicht öffentlich. Wichtig sei ihm, dass er konkret etwas verändere, Neues wage und nicht Altes bekämpfe, sagt Frich. Er suche «den konstruktiven Dialog mit allen potenziellen Partnern wie beispielsweise regionalen Bauern oder Familiengärtnern» und sehe die Mitglieder der Urban-Agriculture-Bewegung als «Brückenbauer». Brückenbauer zwischen Schreber- und Guerilla-Gärtnern, zwischen Beton und Bauernhöfen, zwischen Stadt und Land. Ist seine Bewegung Avantgarde? Bastiaan Frich nickt. Avantgärtner, sozusagen.

Unter dem Dach des Vereins Urban Agriculture Basel finden sich mittlerweile über dreissig Garten-Projekte in und um die Stadt Basel. Mit dem jüngsten wollen die Stadtgärtner nun erstmals selbst auf dem Land Lebensmittel produzieren. Im solothurnischen Nuglar konnte eine Gruppe 6,5 Hektaren Land pachten, um dort ein Biolandwirtschaftsprojekt zu starten. Denn die urbanen Bauern wollen nicht nur Städter fürs Gärtnern gewinnen und ihnen lokales Gemüse schmackhaft machen, sondern auch den Eigenversorgungsgrad erhöhen. Oder: sich für Ernährungssouveränität einsetzen, wie es in diesen Kreisen heisst.

Auch Kräuter pflanzen

Neben dem Direkt-Bezug von Lebensmitteln bei lokalen Bauern möchte die Gemeinschaft künftig in den Nuglar-Gärten eine grössere Menge Kräuter, Gemüse und Früchte selbst pflanzen. Die Schweizerische Universitätskonferenz und die Universität Basel unterstützen das Projekt zusammen mit über 100 000 Franken.

Anfang November gab es einen Info-Anlass der Initianten. Eine von ihnen ist Zoé Beutler. Die Studentin der Nachhaltigen Entwicklung, die zurzeit alle Strecken zwecks Lebens-Entschleunigung zu Fuss zurücklegt, war positiv überrascht vom Interesse: Rund vierzig Leute seien gekommen, die Veranstaltung habe man partizipativ organisiert. «Wir haben die Teilnehmer dazu motiviert, selbst zu gestalten, das ist gut angekommen», sagt Beutler.

Wie die Landwirtschaftsgemeinschaft künftig organisiert ist, sollen deren Mitglieder selbst entscheiden. Ein wichtiges Prinzip steht aber schon fest: Interessierte können die Produkte nicht einfach kaufen, sie müssen einen Anteil an den Betriebskosten übernehmen. So entsteht eine gemeinsame Verantwortung für Ernteausfälle. Auch dafür gibt es einen englischen Begriff: Community Supported Agriculture.

Das Konzept werden die Initianten in Kürze dem Gemeindepräsidenten von Nuglar vorstellen. Dieser hat mitbekommen, dass eine Gruppe junger Gärtner in seinem Dorf eine grössere Fläche Land gepachtet hat. Hans Peter Schmid klingt zurückhaltend optimistisch. Er finde die Idee eigentlich sympathisch, sagt der Gemeindepräsident. Aber ob das Unterfangen Erfolg habe, sei davon abhängig, wie die Projektleiter auftreten und kommunizieren würden.

Lebensmittel vom Dach

Den Erfolgs-Beweis erbracht haben bereits die Urban-Farmer, die auf einem Dach auf dem Dreispitz-Areal Fische züchten und Gemüse produzieren, das die Kunden des M-Parcs am Freitag und Samstag kaufen können. Urban-Farmer-CEO Roman Gaus zog unlängst gegenüber der «Tageswoche» ein positives Fazit, Migros-Sprecher Dieter Wullschleger bestätigt dieses. Die Rückmeldungen seien sehr gut. Derzeit wird die Anlage gereinigt und revidiert, ab Januar können die Migros-Kunden wieder Lebensmittel vom Dach kaufen. Die Verantwortlichen von Migros und Urban Farmers denken derzeit darüber nach, das Angebot auszuweiten.

Obwohl die Urban-Farmer, im Gegensatz zu den Urban-Agriculture-Mitgliedern, kommerzielle Absichten haben, und die Urban-Agriculture-Akteure, im Gegensatz zu den Schrebergärtnern, Unkraut mögen, haben aus Sicht der Wissenschafts-Journalistin und promovierten Geografin Monika Jäggi alle etwas gemeinsam: Interesse an der Herkunft der Lebensmittel. «Diese Gruppen sind alle ein Teil von Urban Agriculture», sagt Jäggi, die in Kanada und in der Schweiz lebt und seit mehreren Jahren urbane Landwirtschaftsbewegungen und deren Strategien beobachtet.

Das in Schweizer Städten herangewachsene Gemüse werde wohl vorläufig ein Nischenprodukt bleiben, sagt Jäggi. Der Boden sei zu rar und zu teuer. Deshalb sei es naheliegend und interessant, zu sehen, dass die Stadtbauern nun erstmals auf das Land expandieren.

In Kanada habe es viele junge Städter, die es aufs Land ziehe, erklärt Jäggi: Sie machen eine Art Lehre auf einem Bauernhof und pachten dann zusammen mit Gleichgesinnten Land oder einen Hof, um ihre Lebensmittel in der Stadt zu verkaufen.

Ob die Bewegung der urbanen Bauern in der Schweiz eine kurzfristige «Trendbewegung», wie Jäggi sie nennt, bleibt, oder sich langfristig behauptet, wird sich zeigen. Dass sie am Anfang einer neuen Debatte über Selbstversorgung und Ernährungssouveränität steht, ist hingegen klar. Die Anbauschlacht 2.0 hat begonnen.