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Der Kanton unterstützt Tagesstrukturen für Betagte stärker: «Grosse Entlastung für Angehörige»

Tagesstrukturen können auch für betagte Menschen wertvoll sein. Ein Besuch im Egliseeholz.

Samanta Siegfried
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«Es ist gut wenn man nicht immer aufeinander hockt Zuhause.» Frau Widmer im Spiel mit anderen Gästen.

«Es ist gut wenn man nicht immer aufeinander hockt Zuhause.» Frau Widmer im Spiel mit anderen Gästen.

Nicole Nars-Zimmer

«Eigentlich ist es donnerstags eher ruhig», sagt Conny Stuber, Hausleiterin der Tagesstruktur im Egliseeholz im Hirzbrunnenquartier. Und so sieht es auf den ersten Blick auch aus. Im Aufenthaltsraum sind nur wenige Gäste. Eine Frau bezieht Sofakissen, ein Mann fährt gemächlich auf einem Heimtrainer und streichelt dazu die Hauskatze, die eingerollt neben ihm liegt. An einem Tisch zeichnet ein anderer Mann ein Blumenmandala, vor ihm eine grosse Auswahl Stifte. Seit elf Jahren besucht er die Tagesstruktur im Egliseeholz. «Ich habe nie gelernt zu kochen», sagt er. «Und hier komme ich ein wenig unter Menschen.»

Im Raum nebenan geht es lebendiger zu und her. Rund zwanzig Personen haben sich vor einer Leinwand versammelt und schauen gebannt das Australien Open mit Roger Federer und Novak Djokovic. «Die Übertragung haben wir heute kurzfristig installiert, weil die Gäste das wünschten», sagt Stuber. In einer Tagesstruktur sei es ein bisschen wie zu Hause.

Kanton erhöht Unterstützung für Tagesstrukturen

Aktuell gibt es im Kanton Basel-Stadt acht unterschiedliche Angebote von Tagesstrukturen für betagte Menschen. Einige sind spezialisiert auf Demenzerkrankte, andere auf Menschen mit psychischen Erkrankungen. Hier im Egliseeholz sind alle gemischt. «Es ist ein Spiegel der Gesellschaft», sagt André Bischofberger, Geschäftsführer des Sternenhofs, der neben dem Egliseeholz noch zwei weitere Tagesstrukturen führt. Ende Januar teilte das Gesundheitsdepartement mit, dass die Verträge mit den Trägerschaften um vier Jahre verlängert werden. Dabei erhöhen sich die Beiträge um eine geschätzte halbe Million Franken. Grund dafür ist die Praxis einiger Krankenkassen, die neu auf eine individuelle Einstufung umgestellt haben. Damit fällt gerade für wenig pflegebedürftige Gäste finanzielle Unterstützung weg.

Linda Greber, Leiterin der Abteilung Langzeitpflege des Kantons Basel-Stadt, ist von der Wichtigkeit der Tagesstrukturen überzeugt. «Sie können gegen die Vereinsamung wirken, die Angehörigen entlasten und so einen Heimeintritt hinauszögern oder gar verhindern.» Zwar ist die Nachfrage von Tagesstrukturen in den letzten Jahren rückläufig: Zählten sie im Jahr 2014 gut 42000 Besuchstage, waren es im 2018 noch 31 247. Greber ist sich jedoch sicher, dass das Interesse wieder wachsen wird. «Die kommenden Generationen haben individuellere Bedürfnisse ihre Lebenssituation zu gestalten», sagt Linda Greber.

Nicht mit Memory-Spielen abspeisen

Auch Hausleiterin Conny Stuber will Abwechslung bieten. «Die Gäste wollen gefordert werden und lassen sich nicht mit Memory-Spielen abspeisen.» Daher sorgen die Mitarbeiter für ein abwechslungsreiches Programm: Heute stehen unter anderem Handarbeit, eine Presseschau, Turnen oder Gedächtnistraining zur Auswahl. Und natürlich die Live-Übertragung der Australien Open. «Es läuft nicht gut für Federer», sagt Frau Widmer und setzt sich im Eingang auf einen Sessel. Die 85-Jährige mit der gepflegten Erscheinung ist eigentlich gut im Schuss. Nach einer leichten Hirnblutung braucht sie jedoch einen Rollator. Seit letztem Sommer kommt sie jeden Tag ins Egliseeholz. Wie viele andere Gäste wird sie am Morgen von einem Bus abgeholt und vor die Tür gefahren. «Hier lesen sie einem die Wünsche von den Augen ab», schwärmt Widmer, die sich Zuhause mit ihrem Sohn eine Wohnung teilt. «Es ist gut, wenn man nicht immer aufeinander hockt», sagt sie.

Für sie sei die Tagesstruktur eine Win-win-Situation. Aber nicht alle Familien tun sich so leicht damit. «Für viele ist es schwer, sich im Alter zu verpflanzen», weiss Conny Stuber. «Und auch die Angehörigen muss man manchmal überzeugen, dass es erlaubt ist, sich Unterstützung zu holen.»

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