Coronavirus

Der Kanton will durchgreifen: Basler Spitälern droht Enteignung des Personals

Die Intensivpflege ist am Limit. Um einen Covid-Patienten müssen sich am Unispital ein bis zwei Pflegende kümmern.

Die Intensivpflege ist am Limit. Um einen Covid-Patienten müssen sich am Unispital ein bis zwei Pflegende kümmern.

Basel-Stadt ist unzufrieden mit der Pandemie-Bekämpfung der Privatspitäler. Wenn diese nicht bald spuren, will der Kanton durchgreifen. Der Leiter der Basler Abteilung Spitalversorgung droht mit der Verfügung.

Die Situation spitzt sich zu. Allein gestern wurden in Basel-Stadt 99 und in Baselland 174 Coronavirus-Infektionen gemeldet. Im Baselbiet starben drei Patienten am Virus. Die Intensivstationen sind ausgelastet, teilweise überlastet. Trotzdem wollen sich die hiesigen Spitäler im Kampf gegen die Pandemie offenbar nicht zusammenraufen.

Unispital hat dringenden Bedarf an Personal

Im Fokus stehen die Privatspitäler. Am Dienstag sah sich der Leiter der Basler Abteilung Spitalversorgung veranlasst, den Ton zu verschärfen. «Dies ist ein letzter Aufruf zur freiwilligen Unterstützung der äusserst schwierigen Situation im Unispital», schreibt er ihnen in einem Mail, das der bz vorliegt. Denn: «Wir haben dringend Bedarf an diplomiertem Pflegepersonal für die Intensivpflege und die Kohortenstation.»

Für den Fall, dass die Spitäler nicht von sich aus zusätzliches Personal zur Verfügung stellten, müsse man leider «zum Instrument der Verfügung greifen, was einen doch beträchtlichen Eingriff in Ihre unternehmerische Freiheit bedeuten würde», wie der Abteilungsleiter weiter schreibt.

Es ist kein Geheimnis: Das Engagement der Privatspitäler bei der Pandemiebekämpfung wird seitens des Kantons und der öffentlich-rechtlichen Spitäler infrage gestellt. Im Rahmen des ersten Aufrufs in der zweiten Covid-Welle stellten die Privatspitäler, namentlich das Merian Iselin und das Bethesda, den Covid-Häusern Universitätsspital Basel (USB) und Clarapital insgesamt zehn Pflegende und Anästhesisten zur Verfügung.

Die Privatkliniken laufen personell am Limit

Das ist bei weitem nicht genug, um der jetzigen Lage Herr zu werden. Anne Tschudin, Sprecherin des Basler Gesundheitsdepartements (GD), sagt, es brauche fünf weitere Pflegefachpersonen für die Kohortenstation, acht diplomierte Pflegefachpersonen für Intensivpflege sowie jeweils zwei Anästhesie-Teams bestehend aus Arzt und Pflege für die dringlichen Non-Covid-Eingriffe.

Grundsätzlich zeigen sich die Privatspitäler zwar bereit,  bei der Pandemiebekämpfung mit dem eigenen Personal auszuhelfen. «Wir haben einen Lösungsvorschlag, welcher zurzeit zwischen unseren Fachexperten und dem Unispital diskutiert wird», sagt Merian-Iselin-Direktor Stephan Fricker.

Wie immer in Notsituationen sei man bereit, «im Rahmen der Möglichkeiten» Hilfestellungen zu leisten. Dass er diese als ziemlich beschränkt erachtet, stellt er aber klar – wegen Corona und sonstigen krankheitsbedingten Ausfällen sei die Merian Iselin Klinik derzeit am Limit.

Personalentwicklung am Unispital wird hinterfragt

Ähnlich klingt Thomas Rudin, der Direktor des Bethesda-Spitals. Man habe bisher in Absprache mit dem Kanton sechs Personen zur Verfügung gestellt und werde vier weitere Fachpersonen für die Pandemie-Bekämpfung abstellen. Somit halte man sich an das kantonale Schutzkonzept – und verhalte sich «solidarisch». Er sei deshalb überrascht über den «forschen Ton» der Behörden.

Auch die Merian Iselin Klinik sieht sich nicht fair behandelt. Stephan Fricker verweist auf die Entwicklung des Personalbestands am USB. Die «Schweiz am Wochenende» schrieb am vergangenen Samstag, dass die Zahl der Angestellten am USB in einem Jahr um 489 gestiegen ist. Dazu meint Fricker: «Da stellt sich die Frage, wo diese beinahe 10 Prozent zusätzlichen Mitarbeitenden denn auch eingesetzt werden.» Beim Merian Iselin sei der Stellenetat im vergangenen Jahr etwa gleich geblieben. «Das lässt uns natürlich die Notwendigkeit der Ausleihe zu Lasten unserer Patienten und unserer Geschäftsaktivität hinterfragen», meint Fricker.

Klar ist: Der Kampf gegen die Pandemie wird noch länger andauern – doch die Einigkeit unter den Gesundheitsversorgern beginnt zu bröckeln.

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