Geburtstag
Der Kosmopolit Diakov schrieb Operngeschichte

Der bulgarische Sänger Anton Diakov, der seit 1968 in Basel lebt und die Stadt liebt, feiert heute seinen 80. Insgesamt sang Diakov 101 Partien in allen Stilbereichen, vom Barock bis ins 20. Jahrhundert.

Christian Fluri
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Anton Diakov ist ein mitreissender Geschichtenerzähler – ein Mann von grosser Lebenserfahrung.

Anton Diakov ist ein mitreissender Geschichtenerzähler – ein Mann von grosser Lebenserfahrung.

Martin Toengi

Er ist ein bezaubernder Erzähler, ein genauer Welten- und Kunstbeobachter, einer der besten Bässe seiner Generation: Anton Diakov, der heute am 9. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert. Muss er auch am Stock gehen heute, weil das eine Bein nicht mehr so richtig will, tut das seiner Vitalität kaum Abbruch. Seine Augen strahlen Lebendigkeit und Wachheit aus – und vor allem eine grosse Lebensfreude. Die Theater- und anderen Geschichten sprudeln aus ihm heraus.

Wir besuchen Anton Diakov, der seit 1968 in Basel lebt, in seiner Wohnung am St. Alban-Rheinweg 158 mit Blick auf den Rhein. Hier wohnt er mit seiner herzlichen Frau Rossitza Diakov, einer Kinderärztin, die in Bulgarien nun ein Kinderbuch herausgibt. Er lernte sie Anfang der 90er-Jahre in Sofia kennen. 1995 heirateten die beiden. Diakov erzählt Geschichten aus seinem Leben und über das Leben. Und er schaut auf seine lange Sängerkarriere zurück, die ihn durch die ganze Welt führte.

1968 holten ihn Theaterdirektor Werner Düggelin und sein Musikdirektor Armin Jordan, der vor acht Jahren starb, nach Basel. Hier blieb Diakov. 31 Jahre lang – bis zur Saison 1999/2000 – war er Mitglied im Basler Opernensemble, sang beinahe alle grossen Partien seines Fachs und begeisterte mit seiner wunderbaren, tragenden, farbenreichen Stimme und mit seiner fabelhaften Diktion. Kritiker Alfred Ziltener schrieb 2000 zu Diakovs Sänger-Abschied über den ersten Basler Auftritt des Basses als Ferrando in Giuseppe Verdis «Il Trovatore»: «Wir hörten eine Prachtstimme, einen mächtig strömenden, metallisch leuchtenden schwarzen Bass.» Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Pflicht, etwas zurückzulassen

Es habe noch viele Angebote gegeben, sagt Diakov. «Man muss wissen, wann es Zeit ist aufzuhören», erklärt er und erinnert an Sängerinnen und Sänger, die diese Zeit nicht erkannten, deren Karriere tragisch endete. Doch sein öffentliches Erscheinen ist für Diakov nicht zu Ende.

Kürzlich entdeckte er nämlich, dass das Hamburger Archiv für Gesangskunst eine Live-Aufnahme von 1967 aus Lausanne neu herausgegeben hat: Mozarts «Don Giovanni», mit Diakov als Komtur. «Das war damals meine erste Berührung mit der Schweiz, eine wunderbare Erinnerung.» Er trat mit dem Hamburger Archiv in Kontakt. «Joachim Leufgen, der Chef des Labels, war darüber sehr glücklich, und fragte mich, ob ich noch weitere Aufnahmen von mir hätte.» Heute gibt es im Hamburger Archiv eine ganze CD-Serie mit Anton Diakov. Zu erwähnen ist besonders Béla Bartóks «Herzog Blaubarts Burg» sowie die Lieder-CD, denn Diakov war auch ein herausragender Interpret vor allem slawischer Lieder.

Schalkhaft sagt er: «Nach meiner Sänger-Karriere begann eine Publicity-Karriere.» Auf Youtube gebe es heute über 200 Einspielungen. Natürlich ehrt es ihn, dass seine Gesangskunst immer noch so geschätzt wird. Aber es geht Diakov um mehr: «Es ist die Pflicht eines Sängers, seine Kunst der Nachwelt zu hinterlassen.» Denn das ist ein Stück Kultur-, Musik- und Theatergeschichte der Welt, das nicht verloren gehen darf.

Er setzte sich darüber hinaus in Radiosendungen von DRS und Suisse Romande für die slawische Musik ein. Im welschen Radio gestaltete er eine Sendung über die Wurzeln der orthodoxen Kirchenmusik. «Das erforderte eine schwierige Recherchearbeit.» Eine wichtige verblüffende Erkenntnis dabei war: Die ersten einstimmigen Gesänge waren in syrischer Sprache, nicht in griechischer.» Diakov, der sein Heimatland, das unter kommunistischer Herrschaft stand, 1961 verliess, erhielt nun auch in Bulgarien die verdienten Ehrungen, darunter den höchsten Orden des Landes. Bulgarien bot Diakov, der sich das Schweizer Bürgerrecht erworben hat, zudem das bulgarische wieder an.

Die Liebe zu Basel

Der Kosmopolit Diakov hat vier Wohnsitze: in Basel, in Morges, in Salzburg und neu auch in Sofia. Die Stadt Basel, längst sein eigentliches Zuhause, liebt er besonders. Er schätzt die reiche Kulturgeschichte Basels und die gelebte Toleranz der Menschen hier. Diese gehöre zu Basel und seiner Geschichte einer produktiv gelebten Nachbarschaft mit den französischen und deutschen Grenzgebieten.

Er schwärmt immer noch von den 31 Jahren im Opernensemble in Basel. Er bedauert, dass das Ensembletheater heute kaum mehr gelebt werde, erzählt, wie er hier im Ensemble habe grosse Rollen ausprobieren, studieren können, Rollen, mit denen er durch die ganze Welt zog. So hätten ihm Düggelin, Hans Hollmann (der 1976 Intendant wurde) und Armin Jordan, Richard Wagners Opern näher gebracht, ja ihn lieben gelehrt. «Sie machten mich zu einem Wagnerianer», sagt Diakov schmunzelnd. Er meint mit «Wagnerianer» nur, dass er dessen Opern, Musik und die Basspartien liebt.

Er sang in Basel alle grossen Wagner-Partien, alle grossen Verdi-Rollen. Filippo II. in Don Carlo, 1984 den Fiesco in «Simone Boccanegra», Herbert Wernickes erster Basler Inszenierung noch zu Zeiten von Horst Statkus. Und er sang natürlich den Boris wie den Mönch Warlaam in Mussorgskys «Boris Godunow». «Filipo II. und Boris, das sind die Traumrollen eines jeden Bass», erzählt Diakov. Für den Philippe sei er extra nach Madrid und in den Escorial, das Kloster-Schloss, gereist, um die Atmosphäre dort zu ergründen. «Als Sänger muss man die Figuren, die Rollen, die man spielt, selber ergründen, sie für sich selbst formen.» Nur so könne man sie wirklich interpretieren. Das fehle manchem heutigen jungen Sänger, merkt er an. Sie verliessen sich allein auf den Regisseur. Diakov aber trat mit seinem Wissen über eine Figur immer in den Dialog mit dem Regisseur.

Diakov schwärmt von den Regisseuren, deren Arbeit er sehr schätzt und die diesen Dialog führten, die auf ihn eingingen: Er nennt den 2002 verstorbenen Wernicke und Jean-Claude Auvrey, der seine grosse Zeit in Basel während der Ära Statkus hatte. «Mit seinem ‹Rigoletto› wurden wir sogar nach Paris eingeladen». «Ohne Herbert Wernicke hätte ich nie Operette gesungen. Er hat mich für seine ‹Lustige Witwe› gewinnen können.» Diakov liebte auch den Regisseur Christoph Marthaler. In dessen Stück «The Unanswered Question» gab er in einer herrlich komödiantischen Rolle den Abschied vom Theater Basel.

Der Weltstar

Diakov hatte eine Weltstimme. Nachdem der bulgarische Sänger, der von Beruf Architekt und Städteplaner war, Bulgarien verliess, führte er seine Gesangsstudien zunächst an der Accademia Santa Cecilia in Rom weiter, arbeitet dort noch als Architekt. Sein Debüt gab er 1961 in der Terme di Caracalla mit dem Re in Verdis «Aida» – und begeisterte. Damit war seine Laufbahn als international gefragter Bass vorgezeichnet. Sein Weg führte über New York, Frankfurt, Bremen, Salzburg nach Basel. Auch als Ensemblemitglied in Basel reiste er an alle grossen Häuser der Welt.

Nach Salzburg hatte ihn Herbert von Karajan schon 1963-65 geholt – als Warlaam neben dem Boris-Darsteller Nicolai Ghiaurov. Auf seiner ersten CD-Einspielung des «Boris Godunow» unter André Cluytens sang er den Rangoni – neben seinem Vorbild und Freund Boris Christoff, dem 20 Jahre älteren Jahrhundertbass aus Bulgarien. Der Waarlam wurde zu einer wichtigen Rolle für ihn, vor allem weil er einer der wenigen war, die die Partie der Urfassung singen konnten. «Sie ist einen halben Ton höher und damit äusserst schwierig. «Christoff, Ruggerio Raimondi und ich konnten es.»

Insgesamt sang Diakov 101 Partien in allen Stilbereichen, vom Barock bis ins 20. Jahrhundert. Er ist an 87 Theatern aufgetreten. Er sang Lieder, Oratorien, sinfonische Werke: eine stolze Bilanz. Der grosse Theatermann verfügt über ein immenses Gesangswissen: «Viele junge Bässe singen heute nur aus der Brust, das ist falsch; der Klang muss hinter den Nasenflügeln erzeugt werden, dann ist er tragend, dann kann man auch Piano, Mezzoforte singen. Wer das beherrscht, dessen Forte ist dann wirklich von erschütternder Kraft.»