8.30 Uhr, Montag, Regen. Fritz Rudin wartet auf der Strasse am Claraplatz. «Guten Tag», sagt er. Als echter Kleinbasler sage man nie «guten Morgen», sondern immer «guten Tag». «Ich habe alle Billette schon gelöst, haben Sie eines für das Tram?» Haben wir nicht. «Macht nichts, wir müssen nicht pressieren, es fahren ständig Züge nach Zürich.» Er zählt alle Verbindungen auf. Ein menschgewordener Fahrplan.

Das Zugfahren selber ist ihm fast wichtiger als der Besuch einer Stadt, in der er einst als Sicherheitsmann arbeitete und wo er «jeden Winkel» kennt. Als er letztes Mal dort war, hat er alte Kollegen getroffen. Heute will er allein das Bahnhofareal und die Altstadt erkunden. «Meine Kollegen arbeiten noch und haben Familie.»

Vier Armbanduhren zur Sicherheit

Rudin selber ist Einzelgänger, aber nicht allein. Er lebt mit zahlreichen anderen älteren Leuten im Alterszentrum zum Lamm. «Über die anderen könnten Sie auch mal eine Reportage schreiben», sagt er. Vor zwei Wochen erschien der erste Artikel überhaupt über ihn – und löste tausende Reaktionen von Lesern aus. Die allermeisten waren froh, endlich zu erfahren, wer der Mann wirklich ist, den sie früher vor dem Stadtcasino sitzen sahen, der ihnen unheimlich war, weil er sie anmotzte, der aber nie handgreiflich wurde und von allen nur «Legionär» genannt wurde, weil er Militäruniformen trug.

Dieser Mann heisst Fritz Rudin, ist 66 Jahre alt und liebt Eisenbahnen. Sein Budget ist aber zu knapp, um öfters nach Zürich zu fahren. Das heisst, es war zu knapp: Nach dem Artikel haben ihm etliche Leute Zug-Gutscheine geschenkt. Der Tenor: Wahnsinn, was man sich vorstellt und was dann wirklich stimmt. 

Was stimmt, ist, dass ein Grossteil seiner Haut verbrannt ist. Das geschah aber nicht im Krieg, wie in der Stadt erzählt wurde, sondern bei einem Suizidversuch. Inzwischen geht es Fritz Rudin gut. Im Tram zum Bahnhof schaut er mehrfach auf seine vier Armbanduhren. «Wenn eine abstellt, laufen die anderen weiter», sagt er. Sommerzeit, Winterzeit, alles dabei. Im Rucksack hat er einen Regenschirm, «ein Fläschli Mineralwasser und so Sachen». 

«Nicht, dass er ohne mich abfährt»

In Zürich fährt er nie Tram. «Ich kann alles zu Fuss machen», sagt er. Wenn er in Basel zu Fuss unterwegs ist, wird er auf den Artikel angesprochen. «Die Leute haben positive Einstellungen, sie haben mich nicht einmal kritisiert», sagt er. Offenbar war das früher anders. Wir lassen das Thema, steigen aus, eilen in die Schalterhalle. 

Rudin blickt auf die Armbanduhren. «Noch zwölf Minuten.» Wir eilen zum Perron. Er will sofort einsteigen. «Wir haben doch noch Zeit.» «Ja, aber nicht, dass der Zug ohne mich abfährt.» Es ist bereits seine dritte Zürich-Reise innert zwei Wochen. «Ich übertreibe es aber nicht, sondern teile die Gutscheine ein», sagt er. So etwas passiere ihm schliesslich nur einmal im Leben.