Basler Stadtgeschichte(n)

Der letzte Luftkrieg gegen die Maikäfer – ein unrühmliches Kapitel der Basler Chemie

© Sibylle

Basler Stadtgeschichte(n), Teil 14 – die letzte grosse Werbeaktion für giftige Pestizide, bevor die die Basler Chemie kapitulieren musste.

Seit 2014 findet in Basel und weiteren Städten rund um den Globus ein jährlicher Protestmarsch gegen die Geschäftspraktiken der Firma Syngenta statt – neben Monsanto die grösste Pestizidherstellerin der Welt. Laut UNO-Berichten sterben jedes Jahr 200 000 Menschen durch den Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln. Die schädlichsten Inhaltsstoffe sind seit den 1970er-Jahren in den westlichen Industrieländern verboten, in den Entwicklungsländern aber weiterhin zugelassen.

Seit Beginn ihrer industriellen Produktion sind Pestizide umstritten. Die unterschiedlichen Interessen von Chemieunternehmen, Landwirtinnen, Konsumenten und Naturschützerinnen prallen bei der Frage aufeinander, wie legitim oder gefährlich ihr Einsatz ist. Wie sehr sich die Rahmenbedingungen in Basel verändert haben, zeigt ein Blick auf den Maikäferkrieg der 1950er-Jahre.

Die DDT-Lüge der Basler Chemiefirma Geigy

Seit Jahrhunderten bedeutet das massenhafte Auftreten von Maikäfern in bestimmten Jahreszyklen eine grosse Herausforderung für die Landwirtschaft. Sowohl das Schütteln befallener Bäume als auch das Einsammeln der Käfer sind seit der frühen Neuzeit überliefert. Ab 1870 koordinierten mehrere Kantone ihre Bekämpfungsmassnahmen.

Während des Zweiten Weltkriegs war die Schweiz zur Marktführerin der Pestizidherstellung geworden. Nun sollten diese Mittel auch im Kampf gegen die Maikäfer eingesetzt werden. Grundlage für die weltweite Vormachtstellung war die Entdeckung des Chemikers Paul Hermann Müller in einem Labor der Firma Geigy im Herbst 1939. Als Erster hatte er die insektentötende Wirkung von Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) nachgewiesen. 1942 hatte die Firma Geigy das DDT-Pflanzenschutzmittel «Gesarol» auf den Markt gebracht. Aufgrund von Tierversuchen war dem Unternehmen zwar seit 1941 bekannt, dass DDT nicht nur für Insekten, sondern auch für Warmblüter giftig ist. Dennoch pries es das Mittel mit kunstvoll gestalteten Werbeplakaten als «ungiftig, anhaltend, geruchlos» an. Nach dem Zweiten Weltkrieg stockte das Geschäft mit den Pestiziden. Die bekämpften Insekten entwickelten Resistenzen und es zeigten sich zunehmend unerwünschte Nebenwirkungen. Die Expansion auf ausländische Märkte gelang nicht wie erwartet.

Tonnenweise versprüht zur vollständigen Vernichtung

Aus heutiger Sicht trägt der Maikäferkrieg groteske Züge. Im zeitlichen Kontext kann er als letzte grosse Werbeaktion für DDT-haltige Pestizide auf einheimischem Gebiet verstanden werden. Erklärtes Ziel war die vollständige Vernichtung aller Maikäfer. Dazu wurden tonnenweise DDT- und Hexachlorcyclohexan-Präparate aus Flugzeugen und Helikoptern über Waldränder gesprüht. Beteiligt waren auch die Firmen Maag und Siegfried. Die ETH Zürich und das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement unterstützten die Aktion.

Nach einem ersten Grossversuch im Kanton Freiburg im Jahr 1949 wurden im folgenden Jahr in der Nordwestschweiz rund 200 Kilometer Waldrand mit Pestiziden besprüht. Imker und Naturschützerinnen protestierten und die wenigen Entomologen, die nicht mit der chemischen Industrie zusammenarbeiteten, wiesen ebenfalls auf die Gefahren hin.

Das hielt die Chemieunternehmen nicht davon ab, im folgenden Jahr acht weitere Grosseinsätze im Mittelland durchzuführen. 1954 wurden schliesslich in den Kantonen Thurgau, Zürich, Solothurn und Bern 1750 Kilometer Waldrand und 2200 Hektaren Wald besprüht. Für das Jahr 1956 war eine weitere Aktion in der Nordwestschweiz geplant. Doch die Kritik war inzwischen unüberhörbar geworden.

Stellvertretend sei Herr Ph. Schmidt genannt, der seine Klagen in einem langen Leserbrief in der Riehener Zeitung vom 13. April 1956 auflistete: Die vom Basler Wasserwerk nachgewiesene Verunreinigung des Trinkwassers sei bestritten worden, die versprochene amtliche Auswertung der Vergiftungsaktion sei nie vorgelegt worden. Abschliessend zitierte er einen Augenzeugen der Vergiftungsaktion 1954 im Thurgau: Die Wasseroberfläche eines Waldweihers sei wenige Tage nach der Behandlung mit Pestiziden mit den aufgetriebenen Leichen von Fischen, Fröschen und Molchen bedeckt gewesen. In einem Bach seien tote Barsche und Hechte gefunden worden. Im Wald sei man auf verendete junge Dachse, Hasen und Singvögel gestossen. Es sei fahrlässig, durch die Aktion auch gesetzlich geschützte Tiere zu vernichten, schrieb Schmidt und forderte eine amtliche Abklärung.

Wegen der zahlreichen Proteste wurde die für 1956 für die Region Basel geplante Vergiftungsaktion abgeblasen. Ein letzter Gifteinsatz gegen die Maikäfer fand im Jahr 1957 statt. Der Kanton Bern hatte ihn ausdrücklich verlangt.

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