Wenn es um das Wohl seiner Stadt geht, kennt Jean-Marie Zoellé (74) kein Pardon. Dass sich der Maire von Saint-Louis da bisweilen in der Wortwahl vergreift, ist nicht verwunderlich und bisweilen eine gezielte Provokation, die «aber nicht böse gemeint sei», wie er betont. Als «bauernschlau und schlitzohrig im guten Sinne», bezeichnet der Basta-Grossrat Beat Leuthardt den Maire.

Leuthardt hat Zoellé bei seinen Vermittlungsversuchen im Konflikt um das 3er-Tram näher kennen gelernt und findet ihn «faszinierend». Aufgrund häufiger Übergriffe hatten die Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) ab Anfang Mai die Abendfahrten des Trams von der Burgfeldergrenze bis zum Bahnhof von Saint-Louis zwei Wochen eingestellt.

Über BVB erzürnter Maire

Die Elsässer reagierten äusserst verärgert. Stein des Anstosses: Die BVB hatten ihre Entscheidung getroffen, ohne diese vorher mit den zuständigen französischen Politikern und Behörden abzusprechen. Der erzürnte Maire beklagte in der bz, dass die grenzübergreifende Kooperation durch diesen Faux pas um Jahre zurückgeworfen worden sei. Verbittert sagte er: «Sie können sicher sein, dass ich mich in Zukunft bei anderen Projekten an diese Episode erinnern werde.»

Besonders schockiert hat die Elsässer, dass die Entscheidung, den Betrieb einzustellen, nicht auf politischer Ebene, sondern auf Ebene der BVB getroffen wurde. In Frankreich wäre das undenkbar. Die Politik hat Vorrang. Zu Herzen genommen hat Zoellé sich auch die vorletzte Basler Fasnacht. Dort soll ihm in einem Sujet unterstellt worden sein, er habe sich die Million Franken für die 3er-Tramverlängerung unter den Nagel gerissen. Es war umso bitterer für ihn, zum Basler Feindbild zu werden, als dass nicht er, sondern der südelsässische Zweckverband zuständig war und das Geld erhielt.

Basel? «Zu sehr mit sich selbst beschäftigt!»

Der Maire ist nicht der grosse Kommunikator. Dazu passt, dass er sich fast drei Wochen geziert hat, um für das Porträt kurz mit der «Schweiz am Wochenende» zu telefonieren. Ein Treffen lag nicht drin. Ein langjähriger Weggefährte kritisiert vehement, dass er sich nicht öffentlich für die lärmgeplagten Anwohner des Euro-Airports einsetzt – obwohl er Mitglied des Verwaltungsrats sei. Recherchen ergeben, dass Zoellé sehr wohl die Initiative der Region Basel mitgetragen hat, die Nachtstarts zwischen 23 Uhr und Mitternacht zu 90 Prozent abzuschaffen. Gleichzeitig steckt er wie seine Basler Kollegen in dem Dilemma, dass viele seiner Bewohner auf dem Flughafen arbeiten.

Schon vor der Tram-Episode scheute der Maire nicht davor zurück, Basel zu kritisieren. «Basel ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt», sagte er in einem Interview. Erst kürzlich bezeichnete er es als vollkommen ausgeschlossen, «mit dem Bahnanschluss zum Euro-Airport eine 200 Meter breite Schneise durch unser Entwicklungsgebiet zu schlagen. Das ist nicht verhandelbar.» Dass das Projekt dadurch um so viel teurer wird, dass es nicht mehr finanzierbar ist, stört ihn nicht. Überhaupt müsse die Schweiz den Löwenanteil des Bahnanschlusses zahlen, weil von dort auch die meisten Passagiere kommen würden. «Es ist kein Argument, dass sich der Bahnanschluss in Frankreich befindet», ergänzt er.

Die Basler Politiker bleiben ihm wohlgesinnt. Der LDP-Grossrat und Grossratspräsident Heiner Vischer findet, dass Zoellé einen «guten Job» mache, auch wenn er den Widerstand gegen den Bahnanschluss schade findet. «Zoellé ist sich bewusst, dass Basel der Motor der Region ist und Saint-Louis sich danach ausrichten muss.»

Und er nimmt Konfrontation in Kauf

Ähnlich sieht das der Basler Baudirektor und Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP): «Er tritt hartnäckig für seine Interessen ein und kommt so auch zum Ziel. Dabei nimmt er die Konfrontation mit Basel in Kauf.» Stören tut das Wessels nicht. Einen Einfluss Zoellés auf die Basler Politik schliesst er aus. Gleichzeitig schätzt der Baudirektor , dass er sich intensiv für die trinationale Zusammenarbeit engagiert – eine Einschätzung, die mehrere Basler Politiker teilen. Zoellé selbst bestätigt: «Mir ist die Kooperation sehr wichtig und wenn ich mich mal kritischer äussere, ist das freundschaftlich gemeint.»

Nicht gerade diplomatisch sind seine Stellungnahmen zu Paris. Wenn er auf dem traditionellen Neujahrsempfang in seiner Rede das Jahr Revue passieren lässt, wird das ferne Paris wie der jeweilige Präsident heftig kritisiert. Zuletzt traf dies im Januar 2019 Emmanuel Macron.

Typisch elsässisch

Das tiefe Unbehagen gegenüber dem Zentralstaat hat in der Provinz Tradition. Tatsächlich werden die Maires von Paris gebeutelt. Man schiebt ihnen immer mehr Aufgaben zu, entzieht ihnen aber gleichzeitig die finanziellen Mittel dafür. Zudem schuf Paris mit der riesigen neuen Region Grosser Osten ein ungeliebtes Ungetüm – eine Entwicklung, die einen Bürgerlichen mit regionalistischen Überzeugungen wie Zoellé gründlich verärgert.

Zoellé ist ein typischer elsässischer Lokalpolitiker. Einer, der noch Alemannisch spricht und versteht. Seit der Wahl des Gaullisten Jean Ueberschlag zum Oberbürgermeister im Jahr 1989 sorgte er als erster Stellvertreter und Finanz-Bürgermeister dafür, dass die Visionen und grossen Kulturprojekte Ueberschlags finanzierbar blieben. Im September 2011 trat Ueberschlag zurück und installierte Zoellé als seinen Nachfolger. Seine Wahl im Stadtparlament erfolgte nur pro forma. Bei den Kommunalwahlen 2014 wurde Zoellé dann mit 79,9 Prozent der Stimmen gewählt.

In die Fussstapfen des Vorgängers zu treten, war nicht einfach. Ueberschlag war gleichzeitig Député in der Pariser Nationalversammlung und hatte ausgezeichnete Kontakte zum damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac. Heute ist das Doppelmandat des Député-Maire verboten. Unter Ueberschlag entstanden das Kulturzentrum La Coupole, die Mediathek, die Kinos, das hervorragende Museum Fondation Fernet Branca, der Veranstaltungssaal Le Forum und vieles mehr.

«Gross von Statur, aber...»

Zoellé backt da kleinere Brötchen. Das wird ihm auch vorgeworfen. So urteilt ein guter Kenner der Stadt: «Ueberschlag war klein von Statur, aber ein grosser Maire, Zoellé ist gross und imposant, aber ein kleiner Maire.» Ganz fair ist dieses Urteil nicht und langsam schwimmt Zoellé sich frei. Als Vizepräsident des südelsässischen Zweckverbands, der heutigen Saint-Louis Agglomération, war er für den öV zuständig. Auch grüne Themen liegen im nah.

Zu den Ausstellungen der Fondation Beyeler kommt Zoellé nur manchmal. Regelmässig macht er lange Spaziergänge mit seinem Labrador, bei denen er die Natur geniesst. Da passt es zu ihm, dass er viele Bäume pflanzen, Parkzeiten für die Autofahrer verkürzen und die Geschwindigkeit reduzieren lässt. Unter Ueberschlag wäre dies alles undenkbar gewesen. Auch die Velowege sollen ausgebaut werden. Ausserdem setzt Zoellé vermehrt auf wertvolle Architektur. Die 21 000-Einwohner-Stadt wächst stetig. Er fasst zusammen: «Ich engagiere mich stark für den Alltag in meiner Stadt, die Zukunft der Quartiere und die Lebensqualität.»

Erneute Kandidatur

Nach den Kommunalwahlen 2014 ernannte Zoellé den Direktor des Naturschutzgebiets Petite Camargue Alsacienne Philippe Knibiely zum Umweltbürgermeister – auch das ist ein Hinweis auf grüne Überzeugungen. Knibiely steht den Grünen nahe und macht aus seiner Überzeugung keinen Hehl. 2020 sind Neuwahlen. Derzeit sieht es so aus, dass Zoellé wieder kandidiert.

Von Beruf ist er ausgebildeter Buchhalter. Die ersten zehn Jahre arbeitete er bei der Firma Sappel, die Messgeräte für Flüssigkeit herstellte. Sein Grossvater war Schneider und das erste Bekleidungsgeschäft gab es 1900. Zoellé arbeitete mit Bruder und Vater in zwei Läden für Männer- und Frauenkleidung. Heute sind sie geschlossen.

Ein Maire ist ein mächtiger Mann in Frankreich, ja vielleicht sogar neben dem Präsidenten die politisch wichtigste Person. Unzählige Vereine und Organisation hängen am Tropf der Stadt. Überhaupt legt sich niemand gerne mit ihm an. Da verwundert es nicht, dass alle Gesprächspartner bis auf eine Politikerin, die ihn unterstützt, nur unter Zusicherung der Anonymität mit dem Journalisten geredet haben. Zoellé kann sehr jovial und charmant sein, aber auch äusserst unangenehm werden, wenn ihm etwas nicht gefällt. Journalisten fallen gewöhnlich unter die letztere Kategorie. Unterlaufen diesen in einem Artikel Fehler, spricht Zoellé dies nicht direkt an. Viel später aber kritisiert er die Beiträge öffentlich in der Sitzung des Stadtparlaments.